ARD-Doku "Sklavinnen des IS" Auf Spurensuche nach den IS-Tätern

Über Monate von IS-Kämpfern vergewaltigt: die Jesidin Lewiza.

(Foto: SWR/Oxford Films)

Zwei Jesidinnen gelingt es, ihren Vergewaltigern zu entkommen und nach Deutschland zu fliehen. Ein britischer Jurist will die Verantwortlichen der Gräueltaten ausfindig machen und sie vor ein internationales Gericht stellen.

Von Viola Schenz

Im August 2014 begann der "Islamische Staat" eine Offensive gegen die Jesiden, eine religiöse Minderheit im Nordirak. Dörfer wurden verwüstet, Männer gefoltert und ermordet, Frauen und Mädchen verschleppt und vergewaltigt. Der IS berief sich bei seinem brutalen Vorgehen auf islamisches Recht, das ihn befuge, "Ungläubige", wie es die Jesiden in seinen Augen sind, zu eliminieren und zu versklaven. Wer es schaffte, floh in die Türkei oder in Gebiete, die der IS noch nicht erobert hatte. Bilder von Großmüttern, die in Badelatschen und mit weinenden Kleinkindern an der Hand steinige Hänge erklimmen und Kamerateams um Wasser anflehen, erschütterten die Welt.

Seit jenem Sommer 2014 ist einiges passiert. Hilfeprogramme sind angelaufen. Die Vereinten Nationen haben riesige Lager für die geflohenen Jesiden im Nordirak eingerichtet. Das Bundesland Baden-Württemberg hat ein 95 Millionen Euro teures Rettungsprogramm ins Leben gerufen, das tausend misshandelte Jesidinnen ins Ländle holte und unter der Leitung des deutsch-jesidischen Traumatologen Jan Kizilhan psychotherapeutisch betreut.

Doch vieles ist nicht passiert. Die meisten Geflohenen vegetieren weiter in Zelten der irakischen Camps vor sich hin. Viele IS-Täter - Mörder, Folterer, Vergewaltiger - laufen frei herum. Sie des Völkermords anzuklagen und vor ein internationales Gericht zu stellen, hat sich der britische Jurist Philippe Sands zur Aufgabe gemacht.

"Bevor der IS kam, hatten Jesiden ein gutes Leben"

Die Dokumentation Sklavinnen des IS verwebt zwei Erzählstränge. Sie begleitet die Jesidinnen Shirin und Lewiza, die in Baden-Württemberg ihre schrecklichen Erfahrungen aufarbeiten. Und sie porträtiert die Arbeit von Philippe Sands und Jan Kizilhan in Deutschland, im Irak, in Großbritannien und in Den Haag, dem Sitz des Internationalen Strafgerichtshofs. Sands ist, für eine Doku ungewöhnlich, sowohl Porträtierter als auch Autor, er hat sie mit dem Regisseur David Evans auf die Beine gestellt, eine deutsch-britische Kooperation zweier Produktionsfirmen mit Arte und SWR.

"Bevor der IS kam, hatten Jesiden ein gutes Leben", erzählt Lewiza in die Kamera, "wir haben niemandem etwas getan, aber wir haben auch nicht erwartet, dass uns etwas angetan wird." Neun Monate lang waren die beiden jungen Frauen in der Gewalt von Vergewaltigern, dann gelang ihnen die Flucht. Der IS hat seine Kämpfer aus Ägypten, Tunesien oder Marokko mit jesidischen Jungfrauen "belohnt". Eine Jesidin, die ein Verhältnis mit einem Andersgläubigen eingeht, wird nach einem archaischen Gesetz aus der Gemeinschaft verstoßen, selbst als Vergewaltigungsopfer.

Sands lehrt Internationales Recht in London; er will nachweisen, dass die Vergewaltigungen nicht ad hoc begangen wurden, sondern geplant waren. Die Kameras filmen ihn bei seiner akribischen juristischen Aufarbeitung, mit Organigrammen der IS-Hierarchien, mit Karten, die das Vorrücken der Kämpfer zeigen und Massengräber. Im Gerichtssaal der Nürnberger Prozesse sinnt er über seine Kernfragen nach: Warum werden die Verbrechen an den Jesiden nicht als Genozid eingestuft und rechtsstaatlich verfolgt? Ist der Westen bereit, wie 1945 für seine Werte einzustehen? Sands jüdischer Großvater wurde in Lemberg umgebracht, seine Mutter konnte 1938 als Kind vor den Nazis fliehen. Das Schicksal seiner Familie ähnelt dem der Jesiden. Nur wenn es eine juristische Aufarbeitung gebe, könnten Betroffene wie Shirin und Lewiza ihre Traumata überwinden, so Sands' These. Detailreich verfolgt die anderthalbstündige Doku sein ehrenwertes Ersuchen, begleitet Shirins deutschen Alltag und ihre Stippvisite im Irak mit herzzerreißenden Bildern vom Wiedersehen mit dem Vater und im verwüsteten Elternhaus. Die Stärke dieser Doku ist gleichzeitig ihre Schwäche: Sands' Mission verliert sich in langen Sequenzen, zu vielen Aspekten und in Redundanzen. Eine Straffung hätte dem Film gutgetan, und Sands' Anliegen vielleicht auch.

Sklavinnen des IS, ARD, 22.45 Uhr.

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