"Anne Will" zum CDU-Parteitag Die Verwandlung der AKK

  • Die neue CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer hat offenbar genug davon, als Frau wie eine Minderheit behandelt zu werden.
  • In der Sendung lässt sie die Herren Kubicki und Steingart spüren, was sie von deren leicht überholten Vorstellungen hält.
  • Wer sich mit AKK anlegt, der muss gut gerüstet sein.
Von Thomas Hummel

Ganz am Ende dieses sehr aufregenden Wochenendes für die CDU durfte auch ein Millionenpublikum in den Wohnzimmern erfahren, wie in Drei-Friedrichs-Namen diese Annegret Kramp-Karrenbauer aus Püttlingen im Saarland Vorsitzende der Partei werden konnte, die seit 2005 die Bundeskanzlerin stellt. Und zwar so: Wer sich mit ihr anlegt, der sollte sich vorher eine Rüstung überstreifen. Die Herren Wolfgang Kubicki und Gabor Steingart hatten in der Talksendung Anne Will lediglich einen dunklen Anzug an. Das war zu wenig.

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Annegret Kramp-Karrenbauer, 56 Jahre alt, gerne AKK genannt, hatte am Freitag auf dem Parteitag in Hamburg mit 35 Stimmen Vorsprung das Rennen um den CDU-Vorsitz gemacht. Und die körperlich sehr großen Männer Friedrich Merz und Jens Spahn besiegt. Sie ist nun Nachfolgerin von Angela Merkel, vielleicht bald die nächste Kanzlerin des Landes. Am Sonntagsabend setzte sie sich zu Anne Will in den hellbraunen Sessel. Hallo, Deutschland.

Das Publikum erlebte während der 60 Minuten allerdings gleich zwei AKKs. Zuerst die sachliche Profi-Politikerin, die Interessierte schon länger kennen. Doch zu dieser AKK später. Interessanter war die andere AKK. Die begann sich langsam herauszuschälen, als der ehemalige Handelsblatt-Chef Steingart fragte, ob sie sich die Kanzlerschaft zutraue. Da wiederholte Kramp-Karrenbauer noch ruhig, was sie schon dutzendfach gesagt hatte seit Freitag: Wer für den CDU-Vorsitz kandidiere, der müsse bereit sein für das Kanzleramt. Also ja. Steingart konnte später glaubhaft vermitteln, er hätte das auch die Unterlegenen Merz und Spahn gefragt. Dennoch dürften sich auf der anderen Seite der Talkrunde erste Anflüge von Groll gebildet haben.

Anne Will fragte nun mehrfach in die Runde, ob AKKs Sieg bedeute, dass die Vorherrschaft der "alten, weißen Männer" im Land vorbei sei. Ein gerade in sozialen Medien beliebter Begriff, der ein Thema anspricht, das die gesellschaftliche Realität der Nachkriegszeit mit all ihren Ungerechtigkeiten beschreibt. Andererseits wird die Zuschreibung wegen ihrer Sippenhaftigkeit und Schubladigkeit auch häufig kritisiert. Es war jedenfalls der Moment, als die nebeneinander sitzenden Herren Steingart und Kubicki (stellvertretender Bundesvorsitzender der FDP) noch ihre Gaudi hatten. "Herr Kubicki, trauen Sie sich Kanzler zu?", fragte Steingart schelmisch. Antwort Kubicki: "Ich traue mir alles zu." Gelächter allenthalben.

Kubickis Provokation und Kramp-Karrenbauers Antwort

Kubicki, ein Mann mit schlohweißem Haar, zeigte sogleich seine Fähigkeit zum flapsigen Spruch. Er sei sich sicher, dass Frau Kramp-Karrenbauer nicht gewählt wurde, weil sie eine Frau sei. Sondern weil sie vor den Delegierten eine geniale Rede gehalten habe. Rhetorisch sehr beachtlich. "Das hätte ich Ihnen so nicht zugetraut." Es fehlte nur, dass der weise Wolfgang der kleinen Annegret einen anerkennenden Klaps auf die Wange gegeben hätte. Annegret Kramp-Karrenbauer lächelte zwar, aber es war ein erstarrtes Lächeln. Jetzt begann ihre Verwandlung.

Schmunzeln müsse sie, wenn sie so etwas höre. "Die Art und Weise, wie hier gesprochen wird, begleitet mich mein ganzes Leben lang", sagte sie in eisigem Tonfall. "Als ich angefangen habe Politik zu machen, bin ich gefragt worden: 'Was wird eigentlich aus Ihren drei Kindern, wenn Sie in den Bundestag gehen?' Die Kollegen, die neben mir auch in den Bundestag gegangen sind, mussten sich diese Frage nie gefallen lassen." Sie habe in einem Auswahlprozess nie gehört, man brauche noch einen Mann, weil der gut zu Gesicht stünde. "Als ob man als Frau eine zu bemitleidende Minderheit in diesem Land wäre."

Anne Will hätte auch hier fragen können, ob sich die Frauen in der CDU diesmal schlichtweg besser organisiert haben als die Männer. Schließlich tippte Christiane Hoffmann, stellvertretende Leiterin des Spiegel-Hauptstadtbüros, dass 80 Prozent der Frauen auf dem CDU-Parteitag AKK als Akt der Solidarität unter Frauen gewählt haben.

Gabor Steingart hatte noch nicht genug und griff die Politikerin Annegret Kramp-Karrenbauer nun frontal an: Seiner Ansicht nach habe ihre siebenjährige Amtszeit als Ministerpräsidentin für das Saarland keinerlei Erfolge gebracht. Steingart warf einige Zahlen in den Raum wie Pro-Kopf-Verschuldung oder Pro-Kopf-Bruttosozialprodukt, da stünde das Bundesland "sogar hinter den ostdeutschen Ländern". Jetzt wurde es AKK endgültig zu bunt.

Sie richtete sich auf und machte den Rücken gerade. Ihre Stimme wurde lauter. "Ich finde das im Höchstmaß despektierlich, auch den Saarländerinnen und Saarländern gegenüber." Kramp-Karrenbauer führte den Strukturwandel an, weg von der Steinkohle, einen "beinharten Sparkurs" der Landesregierung, erstmals kündige sich ein ausgeglichener Haushalt an. Zudem seien 40 Prozent aller Kitas bilingual ob des europäischen Gedankens. "Darauf bin ich sehr stolz, das lasse ich mir im Namen der Saarländerinnen und Saarländer nicht kaputtreden", schrie sie fast durchs Studio.

Das Land konnte in diesem Moment alle Bewohner des Saarlands beneiden, deren Ehre von dieser mutigen Kämpferin so furchtlos verteidigt wurde. Man stellte sich kurz vor, wie Donald Trump erschrocken zwei Schritte zurückweicht, nachdem eine Kanzlerin AKK seinen Vorwurf kontert, die Deutschen würden nicht genug für die Nato tun.

Bevor sich Annegret Kramp-Karrenbauer so ins Zeug warf, hatte sie ihre andere Seite gezeigt. In diesem Teil der Sendung war eine Frau zu sehen, die immer dann ganz viel sagte, wenn sie nichts sagen wollte. Zum Beispiel zum Thema Paragraf 219a im Strafgesetzbuch. Der verbietet Ärzten, öffentlich darauf hinzuweisen, dass sie Schwangerschaftsabbrüche anbieten. Ist AKK für die Abschaffung des Paragrafen?

Es folgte ein Schwall aus Worten wie Koalitionsausschuss, Gesprächen, an dessen Ende Vereinbarungen, Formulierungen, Einigungen et cetera, et cetera. Kramp-Karrenbauer wickelte alle so ein, dass kaum mehr jemand durchblickte und man sich schon sehr konzentrieren musste, um zu verstehen, was sie antwortete: nämlich nichts. Jedenfalls nicht Ja oder Nein oder ein Argument für dies oder das. Das war selbst für eine Politikerin eine außergewöhnliche Vorstellung des Nichtssagens.

Die Anne-Will-Zuschauer haben die neue CDU-Vorsitzende nun kennengelernt. Dank der kleinen Provokationen von Kubicki und Steingart sogar relativ gut. Und eines dürfte nun klar sein: Kubicki hatte vor dem Wochenende gesagt: "Wenn die Union Wahlen gewinnen will, muss sie Merz wählen. Wenn sie es kuschelig haben will, muss sie Kramp-Karrenbauer wählen." Der Mann von der FDP hat nun hautnah miterleben dürfen, dass dies wohl eine Fehleinschätzung war.

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