Oktoberfest:Alles verpulvert

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Oktoberfest: Mann, das knallt rein. Aber wie kriegt man am nächsten Tag wieder einen klaren Kopf?

Mann, das knallt rein. Aber wie kriegt man am nächsten Tag wieder einen klaren Kopf?

(Foto: Michaela Rehle/Reuters)

Das Durchfallmedikament Elotrans wird als Antikatermittel zweckentfremdet. Blöd nur, dass es zur Wiesnzeit in München fast überall ausverkauft ist.

Von Niko Kappel

Klar, dass mal wieder das Internet schuld sein muss: Schon seit Monaten ist das Medikament Elotrans ausverkauft. Eigentlich hilft es gegen Durchfall, doch auf Tiktok wird das rezeptfreie Pulver in den weißen Päckchen als Antikatermittel gepriesen. Ein Tütchen vor dem Bett soll den Suff am nächsten Tag vergessen machen. Und gerade jetzt, zur Wiesnzeit, gibt es viele Erlebnisse, die vergessen gemacht werden müssen. Kann hier vielleicht das Durchfallmittel helfen? Dazu aber müsste man es erst mal bekommen - einen Versuch ist es wert.

Erste Station der Kaufanbahnung: Schützenapotheke zwischen Hauptbahnhof und Stachus. Die älteste Apotheke Münchens. Seit 1398 wird man hier versorgt. "Entschuldigung, haben Sie Elotrans da?" "Nein, seit Monaten nicht", antwortet die Schützenapothekerin. "Wegen diesen Bekloppten auf Tiktok bekommen die Menschen jetzt kein Durchfallmittel mehr." Oha, da ist wohl jemand sauer.

"Ja, weil das so dumm ist. Die Menschen sehen was im Internet und machen es nach." Das stimmt wohl. Aber hilft's denn wenigstens?

"Zehn Brühwürfel und a Flasche Maggi. Des tut's auch."

Na ja, sagt die Schützenapothekerin, Elotrans könne wohl tatsächlich bei Kater helfen. Wenn man Alkohol trinkt, fehlen dem Körper am Tag danach vor allem Flüssigkeit und Elektrolyte. Die liefert Elotrans. Aber halt auch jede andere Elektrolyte-Mischung, die es in Apotheken oder Drogerien zu kaufen gibt. "Gehen S' in den Supermarkt und kaufen zehn Brühwürfel und a Flasche Maggi. Des tut's auch", sagt die Schützenapothekerin.

Okay, alles klar. Aber wir wollen ja das Original, den Internet-Hype. Am Marienplatz geht die Suche daher weiter. Elf Uhr vormittags, das Glockenspiel läuft, die Touristen sind selig, viele tragen Tracht oder was sie für Tracht halten. Doch auch in der Rosenapotheke gleich nebenan: kein Elotrans. "Seit Mai nicht mehr lieferbar. Wegen dem Instagram da." Die Rosenapothekerin sagt, dass sie versuche, den Menschen zu erklären, dass jede andere Elektrolyte-Mischung genauso gut helfe. Oralpädon zum Beispiel. "Aber alle wollen immer nur das eine."

Auf Instagram und Tiktok finden sich Tausende Videos zu dem Mittel. Userinnen machen Memes, die "Tagesschau" ein Erklärvideo. Aber auch Stada mischt beim Hype kräftig mit. Das deutsche Pharmaunternehmen ist der Hersteller des begehrten Pulvers. Auf Instagram gibt es einen verifizierten Account, der Elotrans-Memes postet, etwa diesen: "Wenn du erfährst, dass Elotrans eigentlich für Durchfall ist." Und dann dazu ein Affe, der erstaunt guckt, weil klar ist, dass viele das Mittel zweckentfremden. Die aktuelle Folge sind Lieferschwierigkeiten, wie das Unternehmen selbst einräumt.

In München geht die Suche weiter. Vielleicht hat die Adler-Apotheke in der Dultstaße noch was. "Mei, des hab i früher immer zur Wiesn getrunken", sagt die Adlerapothekerin begeistert. Doch seit Mai kam keine Lieferung mehr. Auch ihr Kollege hat offenbar Erfahrung: "Nur wegen Elotrans habe ich es im Medizinstudium in die Acht-Uhr-Vorlesungen gepackt."

Dann sagt er noch den Disclaimer, die Triggerwarnung. Das, was alle Apotheker über den Wirkstoff sagen: Ein Antikatermittel gebe es nicht. Nichts schütze davor, zu viel getrunken zu haben. Außer: weniger trinken. Elektrolyte könnten in manchen Situationen den Kater mildern, ja. Zu empfehlen sei es trotzdem nicht: "Der Kater hat seinen Sinn. Der Körper sagt uns: Das war gestern zu viel, mach das nicht noch mal."

Bahnhofsapotheke Puchheim, 23 Kilometer von hier

Trotzdem, natürlich nur aus Eigeninteresse: Bekommt man während der Wiesn irgendwo Elotrans in München? "Keine Chance", sagt der Adlerapotheker. Aber einen Tipp hätte er, die Bahnhofsapotheke Puchheim, 23 Kilometer von hier. Da arbeite ein Kollege von ihm. Die hätten das Zeug neulich noch vorrätig gehabt. Also, ab in die S 4. Raus aus der Stadt. Die Wohnblocks neben der Stammstrecke werden langsam zu Wiesen. Und in Puchheim am Bahnhof, rechts vom Gleis, aus München kommend, da soll sie sein. Die letzte Elotrans-Quelle Münchens.

Die Tür klingelt, wenn man reingeht. "Hallo, haben Sie Elotrans?" "Warum? Durchfall oder Wiesn?" "Wiesn." Der Bahnhofsapotheker nickt: "Wir haben noch was da." Wahnsinn. Puchheim, das Ende der Reise. Warum ausgerechnet hier? Sie hätten zufällig den richtigen Riecher gehabt, sagt er, damals beim Münchner Frühlingsfest, als Elotrans schon fast überall ausverkauft war. Da hätten sie einfach beim Großhändler "richtig viel bestellt".

Richtig viel bestellt und dann alles verpulvert - das bringt das ganze Problem mit dem Wiesnkater auf den Punkt.

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