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Unfall-Tod der Eltern:Wie ein Statist stand ich an ihrem offenen Sarg

Wie ein Statist stand ich an ihrem offenen Sarg. Sie war blass, spitz das Gesicht, ihr Mund für immer stumm. Ich konnte nichts wieder gutmachen, keine Erklärungen abgeben. Absolut niemals mehr. Das war bedrückend für mich. Was sollte nur werden? Ich trat dicht an den Sarg heran und beugte mich über meine Mutter, flüsterte wie tröstlich es sei, dass sie es nun geschafft habe. Dass aller Schmerz des Unfalls und auch der des Lebens vorbei sei. Dass sie und Vater nun bald zusammen und von oben an unserem Leben teilhaben würden.

Annalen des Alltags
Die Geschichte Ihres Lebens

Wann waren Sie ein Held? Gibt es einen neuralgischen Punkt, an dem Ihr Leben ganz anders wurde? Fast jeder trägt eine besondere Geschichte in sich - wir wollen Ihre erzählen.

Ich versprach ihr, für meinen kleinen Bruder Michael da zu sein und für ihn zu sorgen. Eine letzte Berührung ihrer kalten Wange ließ mich in die Realität zurückkehren. Nach der Beerdigung schüttelte ich Hände, umarmte und tröstete. Andere. Ich war so müde.

Mit der Trauer hielt auch die Leere Einzug in mein Leben. Die Suche nach etwas, das ich zu diesem Zeitpunkt und auch Jahre später nicht benennen konnte. Meine Eltern hatten große Trauer hinterlassen, und die verflüchtigte sich nicht von selbst.

Wo war mein Glaube? Es war nicht gerecht, zwei Menschenleben auszulöschen und zwei weitere sehr junge Menschen vor so schwierige Aufgaben zu stellen. Mit diesem Schicksalsschlag verlor ich meinen Glauben an die höhere Macht.

Wir hätten zerbrechen können

Was sollte werden? Ich war Anfang Zwanzig, mein Bruder noch ein Kind. Ich hatte einen Partner, wir nahmen meinen Bruder zu uns. Gut zwei Jahre später folgte die Trennung und ich zog mit meinem Bruder zurück in unsere Heimatstadt. Wie sollte es weitergehen? Ein schwieriger Spagat: In meiner Mutterrolle fühlte ich mich oft überfordert. Mein Bruder war bedürftig, was Zuwendung und Aufmerksamkeit anging. Bedürftiger als jemals zuvor. Die Eltern fehlten ihm und mir. Ich war voll berufstätig und hatte einen Haushalt mit zwei Personen zu versorgen.

Wir hätten zerbrechen können, das Jugendamt hätte meinen Bruder in eine Pflegefamilie geben oder in ein Heim stecken können. Weil aber das alles nicht passiert ist, haben wir unser Leben ganz gut in den Griff bekommen und sind dankbar, dass wir einander hatten und dass wir den schweren Schicksalsschlag überlebt haben. Ich lernte einen Mann kennen, wir heirateten und wurden eine kleine, später ein große Familie.

Der Unfall meiner Eltern geschah 1972, damals sprach kein Mensch von Trauerverarbeitung. Erst vor fünf Jahren begann ich mit der Aufarbeitung des Ereignisses. Ich schrieb darüber und eine Therapie befreite mich aus einer Depression. Beides sicherte mein Überleben. Und eines Tages war alles gut. Heute muss ich darüber nicht mehr weinen.

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Renate Folkers, 65, wohnt in Minden und schreibt Gedichte, Geschichten und Krimis.

Überleben

Wir veröffentlichen an dieser Stelle in loser Folge Gesprächsprotokolle unter dem Label "ÜberLeben". Sie handeln von Brüchen, Schicksalen, tiefen Erlebnissen. Menschen erzählen von einschneidenden Erlebnissen. Wieso brechen die einen zusammen, während andere mit schweren Problemen klarkommen? Wie geht Überlebenskunst? Alle Geschichten finden Sie hier. Wenn Sie selbst Ihre erzählen wollen, dann schreiben Sie eine E-Mail an: ueberleben@sz.de

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© SZ.de/lala/jobr/rus
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