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Soziales - Hannover:Experten fordern Standards für den Kinderschutz

Hannover (dpa/lni) - Mehr Fortbildungen für Erzieherinnen und Lehrkräfte, verbindliche Standards im Umgang mit Missbrauchsfällen, aber nicht unbedingt noch eine Kommission: Das ist das Ergebnis einer Anhörung im Sozialausschuss des niedersächsischen Landtages. Experten aus Verwaltung, Opferschutz und Polizei nahmen am Donnerstag Stellung zu einem Antrag der AfD-Fraktion mit der Überschrift "Lügde darf sich nicht wiederholen - Kinderschutzkommission einrichten". Der hundertfache Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz in Lügde (Kreis Lippe) an der Grenze zu Niedersachsen hatte bundesweit Entsetzen ausgelöst und auch Politiker in Niedersachsen alarmiert. Im Zuge der Ermittlungen traten massive Behördenfehler ans Licht. So hatte das Jugendamt Hameln dem mutmaßlichen Haupttäter trotz mehrerer Hinweise auf sexuell übergriffiges Verhalten die Pflegschaft für ein Mädchen übertragen.

Nach Bekanntwerden der Verbrechen mit über 40 Opfern gründeten Hamelner Bürger die Initiative "Kinder von Lügde", die unter anderem mit Mahnwachen auf das Schicksal Betroffener aufmerksam macht. Die Sprecherin der Initiative, Ina Tolksdorf, las den Abgeordneten in Hannover den Brief einer 42-jährigen Frau vor, die in ihrer Kindheit gefoltert und gedemütigt wurde. Im Beisein der Mutter wurde das Mädchen vom Vater und anderen Männern vergewaltigt. Erst nach mehreren Suizidversuchen habe sie sich als Jugendliche einer Lehrerin anvertraut.

Die Gesellschaft und vor allem die Jugendämter müssten aufmerksamer werden, sagte Tolksdorf. "Wir haben ein Pflegekind und fänden es schön, wenn das Jugendamt einfach mal so vorbeischaut." Wichtig sei eine Vernetzung der Hilfen. Wenn die Polizei zu einem Einsatz wegen häuslicher Gewalt gerufen werde, sei jedes Mal zu prüfen, ob in dem Haushalt Kinder leben. "Dann sollte in jedem Fall das Jugendamt eingeschaltet werden", schlug die Sprecherin der Initiative vor.

Die Verfahrensabläufe bei der Polizei in Kindesmissbrauchsfällen seien landesweit nicht einheitlich, räumte Heiner Wilhelm ein, der im Landeskriminalamt Niedersachsen (LKA) unter anderem für Gewaltdelikte zuständig ist. Dagegen gebe es etwa bei islamistischen Gefährdern Standards, wie eine Gefährdungslage einzuschätzen sei. Als Reaktion auf Lügde entstand laut Wilhelm eine Kommission zur Prävention von sexualisierter Gewalt gegen Kinder, an der auch das Innenministerium mitwirke. Auch am Amtsgericht Hannover existiere ein Runder Tisch zu dem Thema.

Bereits 2012 richtete Niedersachsen eine Anlaufstelle für Opfer von Diskriminierung und sexueller Gewalt an Schulen und Kitas ein. Diese im Kultusministerium angesiedelte Stelle sei bundesweit einmalig, sagte Leiterin Diane Witte. "Die Vorstellung, dass ein Opfer selbst anruft, ist eine Illusion", berichtete sie. Häufig seien es Freunde von Betroffnen, Großeltern, Lehrkräfte oder Jugendamtsmitarbeiter. Witte plädierte für verbindliche Vorgaben für die Elternarbeit sowie für regelmäßige, verpflichtende Fortbildungen von Erzieherinnen, Erziehern und Lehrkräften. "Wir haben keine Niedersachsen-Standards", kritisierte die Leiterin der Anlaufstelle.

Aus dem Sozialministerium hieß es, dass derzeit unter anderem im Landkreis Hameln-Pyrmont und anderen Modellregionen Standards zur Einschätzung von Kindeswohlgefährdungen entwickelt werden.

Pädophile Täter hätten oft perfide Strategien, ihre jungen Opfer zur Loyalität und zum Schweigen zu bringen, sagte Witte. Die Schule sei für die Betroffenen häufig ein Schutzraum, in dem sie sich erholen und daher nicht über ihre Taten sprechen. Im Fall des über Jahre missbrauchten Pflegekindes in Lügde hatte es aus der Schule auch die Rückmeldung gegeben, das Mädchen entwickele sich positiv.

In der Anhörung plädierten zudem mehrere Experten für Ombudsstellen, an die sich Opfer und Menschen aus ihrem Umfeld wenden können. Auch die Einrichtung eines unabhängigen Missbrauchsbeauftragten auf Landesebene nach dem Vorbild des Bundes wurde ins Gespräch gebracht.