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Schwimmen gehen:Großer Auftritt in Badehose

Einer traut sich, alle schauen zu: Jeder Sprungturm ist auch eine Bühne.

(Foto: imago/K-P Wolf)

Abheben, Fliegen, Eintauchen: Ein Sprungturm ist der reinste Eskapismus und versüßt den Urlaub zu Hause. Doch er ist auch eine sehr schmale Bühne, auf der man liefern muss.

Von Max Scharnigg

Im gemäßigten Niederbayern, etwa in der Mitte zwischen Mühldorf und Passau, gibt es ein Freibad, in dem die Zeit stehen geblieben ist, und zwar ungefähr 1988. Der Eintritt kostet noch Zweifünfzig, es gibt einen Kiosk mit Pommes und Wiener Würstl auf Pappteller, einen Kickertisch, an dem immer Wasserwachtjungs und Wespen rumhängen, eine große müde Uhr, die vor Jahrhunderten vom Wüstenrotfuchs aufgestellt wurde, ein paar sonnenbleiche Rettungsringe und natürlich, von ewig tröpfelnden Duschen flankiert: ein 50-Meter-Becken, dessen blaue Farbe mit jedem Sommer etwas heller wird.

Nur hinten links ist das Wasser immer dunkel. Dort ist es tief, dort stehen die Sprungbretter, ein Einer und ein Dreier - wie zwei Geschwister. Und an ihnen tummelt sich seit 1988 die immer gleiche gemischte Gruppe aus Kindern und Kindgebliebenen. Sie hinterlassen schnell trocknende Fußabdrücke auf dem Sandstein, während sie darauf warten, endlich springen zu dürfen.

Man darf das nicht unterschätzen, diese zwei Bretter in der Beckenecke sind hier viel mehr als nur ein Schwimmbadstandard aus den Achtzigerjahren. Sie waren und sind die Attraktion ganzer Generationen von Dorfkindern, eine Raison d'Être während der Sommerferien auf dem Land. Ihre Anziehungskraft war es vielleicht erst, die einem als Zweitklässler überhaupt die Motivation für Seepferdchen und Co. gab, um dann mit wackligen Knien endlich auch die paar Schritte hinaufsteigen zu dürfen.

Der erste Sprung vom Brett ist ja eine wichtige Lebenspremiere, ähnlich wie das erste Fahren ohne Stützräder: allein die zwei Stufen hoch, ein Meter über normal stehen, Papa zur Sicherheit sprungbereit am Beckenrand postiert. Das Wasser schaurig tief und das Brett selbst, mit seinem sonnenwarm am Fuß reibenden Antirutschbelag so seltsam nachgiebig, je weiter man sich vorwagte. Hinten warteten die anderen respektvoll, und sowieso schien das ganze Bad gleichzeitig mit einem selbst kurz den Atem anzuhalten, ein paar wippende Sekunden lang. Dann gab es nur noch Augen zu und: hinein!

Ein Auftritt vor allen, bei dem man nur Badehose trägt

Im gleichen Moment erfasste einen schon der Saphirschwindel des Eintauchens, Nase, Ohren, Wasser, Sprudel. Luft gab es erst wieder am Beckenrand, außerhalb der Einschlagzone. Und nur einen Gedanken, nämlich noch mal! Noch hundertmal! Immer wieder die Möglichkeiten auskosten, die so ein einfaches Federbrett bieten kann: abheben, fliegen und als neuer Mensch einschlagen. Zu dieser Übung in Lebenslust gehört auch die Aufregung vor dem Sprung. Denn auch wenn es nur einen Meter hoch ist, steht man da vorne doch stets exponiert vor dem Beckenweit, und an diesem Gefühl wird sich nie etwas ändern.

Ein Mensch auf einem Sprungbrett ist eben ein Mensch auf einer sehr schmalen Bühne. Es ist immer ein Auftritt vor allen anderen und noch dazu einer, bei dem man nur in Badehose bekleidet ist. Vielleicht ist diese ungewohnte Aufmerksamkeit auch einer der Gründe zu springen, sich sozusagen schnell wieder aus dem Blickfeld zu katapultieren. Wer übermäßig lange federt, bis das Geräusch des ächzenden Bretts alle zum Schauen auffordert, bis das ganze Badegelände quasi im Rhythmus dieses Auf und Nieder mitfedert, der muss auch liefern. Nur zappelige Kerze reicht dann nicht mehr.

Jedenfalls - so ein Sprungbrett rettet endlose Ferientage, denn es wird einem damit lange nicht fad. Das Hineinhüpfen ist immer anders, das Angstüberwinden ist vielfältig, das Mutbeweisen macht süchtig. Es treibt einen später auch hinauf auf einen Fünfer, wo man sich insgeheim wundert, was diese harmlose Zahl in der Vertikalen ausmacht. Wo der Spaß des federnden Dreierbretts einer unangenehm klaren Betonkante zum Abgrund gewichen ist.

Und wenn es irgendwo einen Zehn-Meter-Turm gibt, berührt er lange die Fantasie der Menschen ringsherum. Das ist ja eine Ernsthaftigkeit, an der es keine Zweifel mehr gibt. Ein Sprung von da oben, so die Gewissheit, wird eine bleibende Lebenserinnerung sein. Und bei allem Schrecken hat dieses Unterfangen auch eine seltsame Anziehung, schließlich könnte hinter so einem Freiflug ja irgendwie doch eine Erfahrung stecken, die alles verändert.

Die Mädchen am Beckenrand: immer sonnenmüde gelangweilt

Sehr schön fängt diese vage Faszination der schwedische Kurzfilm "Zehn-Meter-Turm" ein, der 2017 einige Preise gewann. Die Anordnung des Films ist genial einfach: Eine Kamera und ein Mikrofon sind starr auf die Absprungstelle eines Zehn-Meter-Sprungturms gerichtet; man sieht Protagonisten zu, die noch nie von hier oben gesprungen sind. Existenzielles Zaudern, innere Kämpfe, Zweifel, Angst und Überwindung - es ist eine packende Dokumentation des Lebendigseins, die sich da ohne jedes Zutun der Filmemacher abspielt.

Nicht alle im Film springen, gestählte Jungmänner coachen sich vergeblich bis an die Kante und wieder zurück. Andere, ein junges Mädchen, eine ältere Dame, überwinden ihre Ängste triumphal. Allen gemein ist der erste ehrfürchtige Blick über den Rand und der sichtbare Eindruck, den er hinterlässt - so weit weg, der kühle Beckengrund! Von dem man ja weiß, dass er einen auffangen wird, und der doch so lebensfeindlich und unnahbar scheint.

Der US-Maler Eric Zener hat in seinem realistischen Stil viele wunderbare Bilder von Menschen auf Sprungtürmen gemalt. Er malt sie als verwegene Himmelstürmer - einsam zwischen Erde und Wolken oder allein auf einer endlosen Leiter nach oben. Es sind kurzfristige, zweifelnde Helden auf der Kante, die Zener sieht. Aber er hat auch die Sprünge gemalt, und da wirken die Menschen dann wie artistische Vögel, die Arme ausgebreitet und in stolz gestreckter Körperhaltung - als würden sie tatsächlich dauerhaft die Schwerkraft besiegen können. Vielleicht ist dieser kurze Moment des Fluges, diese Sekundenfreiheit, für die man sich einfach so an einem Nachmittag im Schwimmbad entscheiden kann, eine existenzielle Erfahrung, die Maler und Filmemacher zu Recht beschäftigt.

Etwas anderes sieht man auf den Fotos von Slim Aarons, dem besten Schwimmbad-Fotografen aller Zeiten. Seine glamourösen Szenen an den Jetset-Pools der Sechziger- und Siebzigerjahre zeigen das Ein-Meter-Brett als Accessoire, das zu einem echten Pool einfach dazugehört. Die Planke ins Becken hat einen Effekt wie ein Spoiler am Auto - versportlicht die Szenerie und rundet die Architektur wie ein Ausrufzeichen ab. Aarons' Damen der High Society räkeln sich rauchend auf diesen Brettern und wirken in ihrer Verachtung für das Sportgerät sehr glamourös.

Ein richtiger Kopfsprung ist eine Kunst

Im niederbayerischen Freibad gibt es seit 1988 keinen Glamour, und der Dreier ist immer schon das höchste der Gefühle. Er ist mit seinem Federbrett aber auch eigentlich das schönste Spielzeug unter den Sprungbrettern, denn damit kann man wirklich springen und sich nicht nur fallen lassen. Das wurde wichtig, als man der Badehose mit dem Seepferdchen-Abzeichen längst entwachsen war.

Dann erlebte der Sprungbereich ja noch mal eine ganz neue Bedeutung, die Bretter waren ein paar Jahre der Sommertreffpunkt schlechthin, und das einzig Bedauerliche war, dass man die Mofas nicht direkt daneben parken konnte. Man sprang in dieser Lebensphase nicht mehr um des kindischen Hüpfens willen, sondern wollte was von sich und seinem Körper zeigen, machte also Figuren. Nicht unbedingt solche, die bei den Punktrichtern im Turmspringen Anklang gefunden hätten, sondern solche, die die eigene Schmerzunempfindlichkeit markierten oder eben möglichst viel Wasser verdrängten, am besten in Richtung der Mädchen.

Die saßen am Beckenrand oder auf der strategisch gut platzierten Bank, immer irgendwie gelangweilt, immer irgendwie Eis essend und den Blick schon in einer Ferne, von der die Jungs noch keine Ahnung hatten. Um das zu kompensieren, kletterten die dafür emsig wie Eichhörnchen auf den Dreier, einander bei jedem Sprung an Todesverachtung überbietend. Das Niederbairische eignet sich gut als Sprungbrettsprache, es ist ein Dialekt gemacht zum Brüllen. Die Sprungturmgang hat ihren eigenen Code, von dem gar nicht sicher ist, ob er in anderen Bädern auch verstanden würde, hier aber wurden die Spezialbegriffe sozusagen vom Vater an die Kinder weitergebrüllt.

Der oben am Brett brüllt: Obacht, jetzt kimmt a Uhakerl! Die anderen unten brüllen: Na, mach' a Brettl!

Wenn es einen Aspiranten dann ordentlich "prellte", johlten die anderen vor Vergnügen. Ein misslungenes Uhakerl (man springt Bauch voran maximal lange ausgestreckt, um sich erst kurz vor dem Aufprall zu einem U zu krümmen) vom Dreier tut weh, keine Frage. Aber nur gerade so sehr, dass man sich den Schmerz verkneifen und als Spaßboje wieder auftauchen kann. Es ist diese Mischung aus Quatsch und Athletik, Schmerz und Sonne, aus Flirt und Rivalenkampf, die die Sprungbrett-Sommer tief in der Erinnerung verankert und die man irgendwann sogar als Synonym fürs Junggewesensein schlechthin abspeichern kann.

Schließlich lassen sich irgendwann die Mädchen vom Beckenrand doch erweichen und klettern auch noch mal hinauf. Arschbombe, vielleicht. Viel eher aber machen sie etwas, das zeigt, wie weit sie von den Dorfjungs schon entfernt sind - einen formvollendeten Kopfsprung. Bei dem die Beine nicht überschlagen, man nicht die halbe Zeit als unglücklicher rechter Winkel durch die Gegend fliegt, überstreckt oder die Arme unterwegs vergisst. Nein, ein richtiger Kopfsprung ist eine Kunst und die schönste Exitstrategie. Aus dem Schwimmbad, nach einem langen Tag. Oder aus dem Dorf, nach einer langen Schwimmbadjugend.

© SZ/vs
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