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Sexismus im Sport:Helden-Beklatscherinnen

Zwei gepunktete Kleidchen und ein gepunktetes Trikot: Der beste Tour-de-France-Bergfahrer 2018, Julian Alaphilippe, erhält Ankleidehilfe.

(Foto: Marco Bertorello/AFP)

Es ist eine Unsitte. Ob bei der Tour de France oder der Fußball-WM, der Sport degradiert Frauen immer wieder zu Beiwerk. Warum nur?

Sie waren schon einmal weiter bei der Tour de France. Als Laurent Fignon 1984 die mythenumrankte Rundfahrt zum zweiten Mal gewann, wurde er am Ende nicht alleine gefeiert. Auf dem Podium, das auf den Champs-Élysées errichtet worden war, stand auch eine Siegerin: Marianne Martin. Die US-Amerikanerin hatte die erste Tour de France für Frauen gewonnen und durfte dafür - wie Fignon - im gelben Siegerleibchen einen schimmernden Pokal in die Höhe recken.

An diesem Sonntag wird das ein wenig anders sein. Der Tour-Sieger wird dann wieder bejubelt werden. Eine Siegerin aber gibt es nicht mehr. Die Frauen-Rundfahrt wurde wieder abgeschafft und das zweite Geschlecht in die Rolle zurückgedrängt, die es im Sport so oft zugewiesen bekommt: die des schmückenden Beiwerks. Drei Wochen lang bewegte sich die Tour durch Frankreich, als hätte es die "Me Too"-Diskussion nie gegeben: In jedem Zielort wurden den Etappenbesten zwei Frauen zur Seite gestellt, um das Siegerfoto aufzuhübschen. Das einzige Zugeständnis an den Zeitgeist: Geküsst wird nun nicht mehr gar so oft wie früher.

"Ganz an der Spitze des Sports ist der Sexismus immer noch am größten"

Die Randerscheinungen bei der Grande Boucle - sie könnten als Rudiment aus einer längst überwunden geglaubten Epoche der Sportgeschichte durchrutschen. Doch bei der Fußball-WM, dem weltweit bedeutendsten Sportfest, war der Atavismus ebenfalls zu beobachten. Bei der Eröffnungsfeier sang Robbie Williams. Währenddessen tanzten auf hohen Sohlen sechs Frauen um ihn herum, deren knapp bemessenen Oberteile dabei weit nach oben rutschten. Vor dem Finale trug Philipp Lahm den Siegerpokal ins Stadion. Die Russin Natalia Vodianova tat so, als ob sie ihm dabei assistierte: Das Fotomodell führte ein goldenes Kleid vor, in dem sie selbst ein bisschen wie der Siegerpokal aussah. Der Mann macht, die Frau steht bewundernd dabei. Doch, doch: Das alles ist wirklich so geschehen. Gerade eben erst. Im Jahr 2018.

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Die WM-Siegerehrung hat gezeigt: Frauen werden im Sport immer noch hauptsächlich als Dekoration und zu erringende Preise inszeniert.   Kommentar von Kathleen Hildebrand

"Ganz an der Spitze des Sports ist der Sexismus immer noch am größten. Und genau das ist es, was sich ändern muss", sagt Kathryn Bertine. Die 43-Jährige gehört zu den Gründungsmitgliedern der Bewegung Le Tour Entier, die sich die Losung "Liberté, Égalité, Cyclisme" gegeben hat und die dafür kämpft, dass die Frauen beim bedeutendsten Radrennen wieder eine Hauptrolle spielen. Der Weg dorthin dürfte weit sein. Wie weit, lässt eine Äußerung einer anderen ehemaligen Rennfahrerin ahnen. Die Britin Nicole Cooke wurde vergangenes Jahr von einem Komitee des britischen Parlaments vernommen, das Dopingvergehen nachspürte. Vor ihrer Aussage reichte Cooke eine schriftliche Erklärung ein, in der sie das aus ihrer Sicht größte Problem gleich umriss: Der Radsport sei ein Sport, "der von Männern geführt wird, und für Männer".

Disziplinen, für die das gilt, gibt es einige. Und vermutlich ist es kein Zufall, dass ausgerechnet dort die sexuell aufgeladenen Rituale, die das Heldentum der Heroen herausstreichen sollen, besonders leidenschaftlich gepflegt werden. Die Nummerngirls beim Boxen sind, ganz objektiv betrachtet, schon immer so unnötig gewesen wie die Grid Girls beim Motorsport: Kein Faustkämpfer braucht eine Frau, die ihn daran erinnert, wie viele Runden lang er sich schon geprügelt hat, kein Rennfahrer eine Startplatz-Einweiserin. Geboren wurde das Phänomen, weil sich so Aufmerksamkeit fangen ließ - und das ist, neben dem Sieg, das zweite große Ziel jedes Profisports.

Als erste Frau, die im Motorsport Aufsehen erregte, ohne selbst im Auto zu sitzen, gilt Rosa Ogawa. Die Japanerin hatte sich als Model und Sängerin bereits einen Namen gemacht, als sie in den Sechzigerjahren in der Startaufstellung, dem Grid, von Formel-1-Rennen auftauchte. Damals waren Singles, kleine Schallplatten mit nur zwei Liedern, noch die wichtigsten Tonträger. Auf einem Single-Cover stilisierte Ogawa sich vor einem Hintergrund in Japan-Rot als nationale Rennfahrerbraut: kurzes weißes Kleid, weiße Rennfahrerhandschuhe, weißer Rennfahrerhelm, um den Hals einen flatternden Schal. Das Motiv kam offenbar gut an. Gleich mehrere Firmen engagierten Ogawa als Werbeträgerin für ihre Produkte.

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