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Serie: Konflikte in der Pubertät:Wenn die Eltern nur noch nerven

Mädchen mit Liebeskummer

Ständiger Streit während der Pubertät belastet Eltern - und Kinder.

(Foto: Robert Haubrich; Count*0 / photocase.de)
  • Wenn ihr Kind in die Pubertät kommt, haben viele Eltern das Gefühl, dass ihnen Tochter oder Sohn entgleitet.
  • Dem Jugendlichen sind seine Eltern nur noch peinlich, diese dagegen sind mit dessen ständig wechselnden Launen konfrontiert.
  • Erziehungsexpertin Monika Czernin gibt Tipps für fünf alltägliche Konfliktsituationen.

Von Katja Schnitzler

Ein kurzer Wortwechsel, und die Stimmung zwischen Teenagern und Eltern ist am Tiefpunkt - mal wieder. Damit das Zusammenleben mit Jugendlichen nicht zum täglichen Kampf gegen den Frust wird, erklärt Erziehungsexpertin Monika Czernin, wieso sich viele Eltern und Jugendliche über die gleichen Probleme streiten.

1. Früher waren sie die Größten, jetzt nerven Eltern nur noch. Peinlich sind Mutter und Vater Teenagern sowieso, egal wie sie sich verhalten. Muss das denn sein?

Die Pubertät ist ein Ausnahmezustand, schließlich gibt es beim Menschen - abgesehen von den den ersten Lebensjahren - keine extremere Entwicklung als in der Pubertät. Bei den Jugendlichen ändern sich noch einmal Körper, Geist und vor allem das Bindungsverhalten. Daraus resultieren viele Konflikte.

Kinder können ihre Liebe zu den Eltern nicht in Frage stellen, sie sind bedingungslos an ihre Hauptbezugspersonen gebunden. In der Pubertät löst sich diese Bindung plötzlich weitgehend auf, für die Teenager werden Mutter und Vater zu normalen Menschen mit vielen Schwächen. Wenn nun diese auf ein Normalmaß herabgestuften einstigen Helden der Kindheit weiter auf ihre autoritäre Stellung beharren, gehen Mutter und Vater dem Nachwuchs nur noch auf die Nerven. Der Jugendliche rebelliert und die Eltern sind machtlos.

Dieser Bindungsverlust ist auch der Grund, warum Jugendliche nun vieles mit sich selbst oder ihren Freunden ausmachen und den Eltern nicht mehr so viel - manche gar nichts mehr - erzählen. Das macht den Eltern begreiflicherweise Angst. Sie haben das Gefühl, dass ihnen ihr Kind entgleitet.

"Eltern erleben durch die Pubertät ihrer Kinder einen regelrechten Liebes- und Kontrollverlust. Die hohe Kunst ist es, diesen Verlust nicht persönlich zu nehmen, sondern als Teil eines wichtigen Ablösungsprozesses zu verstehen", erklärt Monika Czernin. Je besser das gelinge, desto eher könne aus der alten Eltern-Kind-Beziehung eine neue Beziehung zwischen Erwachsenen werden.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Pubertät der Kinder die Eltern mit der unangenehmen Tatsache konfrontiert, dass sie selbst alt werden: Sie müssen früher oder später zurücktreten und der neuen Generation Platz machen. Eine Erkenntnis, die Angst machen kann. Das heißt auch, dass sich die Eltern mit ihrem eigenen Leben beschäftigen müssen: Will ich mit meinem Partner und in meinem Beruf weitermachen wie bisher? Was ist mir wirklich wichtig? Was will ich in der neuen Lebensphase erreichen? Viele Eltern - nicht nur jene, die ihr Leben stark auf ihren Nachwuchs ausgerichtet haben - tun sich mit der Neuorientierung schwer. Sie haben das Gefühl, nun nicht mehr gebraucht zu werden - zumindest, bis die ersten Enkelkinder da sind.

Schon wieder schlechte Laune

2. Ständig schlechte Laune wie aus dem Nichts - was sollen diese heftigen Stimmungswechsel?

Dass Heranwachsende mal himmelhochjauchzend, dann wieder zu Tode betrübt sind, ist normal: Denn ihre Entwicklungsaufgaben sind nun einmal groß. Den Schritt aus der behüteten Familie heraus zu wagen, kann Angst und Verwirrung auslösen. Außerdem strengt der letzte, enorme Wachstumsschub an, das Gehirn wird noch einmal umgebaut und die Sexualität erwacht dank der Ausschüttung von Hormonen. "Kennt man den entwicklungsbiologischen Hintergrund dieser Lebensphase, fällt es leichter, die Stimmungsschwankungen der Jugendlichen zu akzeptieren", sagt Erziehungsexpertin Czernin.

Grundlos ist die miese Laune der Jugendlichen sowieso meistens nicht, nur erfahren die Eltern jetzt nicht immer, welche Laus ihrem Kind über die Leber gelaufen ist - ein Problem mit der Clique, Liebeskummer, ein Zerwürfnis mit der besten Freundin, Sorgen über Pickel oder die ungerechten Altersbestimmungen im angesagten Club.

Wer auf schlechte Laune erst einmal gelassen oder mit liebevollem Humor reagiert, wer sich interessiert zeigt, erfährt viel über den jugendlichen Alltag, über Glück und Leid, angesagte Musik und unmögliches Party-Verhalten. Wer Aufklärung und Antworten einfordert nach dem Motto "nun sag doch, du hast bestimmt Liebeskummer?" wird nicht weiterkommen. Offene Fragen wie "Was war denn los?" oder "Hat dich etwas geärgert?" locken Jugendliche leichter aus der Reserve.

Gilt das Wort der Eltern gar nichts mehr?

3. Jedes Wort der Freunde zählt - was Eltern sagen, rauscht bestenfalls bei einem Ohr rein und beim anderen wieder raus, wenn es nicht gleich am Pubertätspanzer abprallt. Wie dringen Eltern da noch durch?

Die gute Nachricht: Mit der Pubertät erlischt die Bindung an die Eltern nicht gänzlich, sie wird nur schwächer und anders. Die - je nach Freundeskreis - schlechte Nachricht: Statt an Mutter und Vater orientiert sich der Jugendliche an seinen Freunden. Die Bindung zu ihnen ist nun entscheidend. Zum besten Freund oder zur ersten Liebe ist sie meist so stark wie früher zu den Eltern, das macht diese Beziehungen auch so besonders. Mit dem besten Freund ist man "ein Herz und eine Seele" und schwört einander ewige Treue. Und vom ersten Freund/der ersten Freundin erwartet man genauso viel Geborgenheit und Zuneigung wie früher von den Eltern.

Es gehört zum Reifeprozess, dass er nicht ohne Enttäuschungen abgeht. Die Aufgabe der Eltern ist, ihren jugendlichen Kindern einen sicheren Hort zu geben, eine Rückzugsmöglichkeit von den Schwierigkeiten und der Unbill des Lebens. Kräfte sammeln kann man aber nur an einem Ort der Herzlichkeit, Wärme und Offenheit - nicht jedoch bei Eltern, die die Rückschläge der Jungen kritisieren oder rechthaberisch mit einem "Hab ich dir doch gesagt, dass das nicht funktioniert" quittieren.

"Eltern können sich Jugendliche wie Vogeljungen vorstellen, die flügge werden: Sie machen erste Flugübungen und schaffen es auf den nächsten Ast, dann plumpsen sie auf den Boden oder flattern aufgeregt zurück ins Nest. Und die Altvögel ermuntern sie, ihre Übungen fortzusetzen, kümmern sich aber weiterhin liebevoll um sie, bis sie wirklich selbständig sind", schildert Czernin.

Freunde, die Eltern zu schaffen machen

4. Seine Clique hat das brave Kind in einen wütenden Rebell verwandelt. Müssen Eltern denn jeden akzeptieren?

Das Problem ist, dass Eltern ihren Kindern die perfekten Freunde nicht herbeizaubern können. Also hilft es auch nicht, die angesagte Clique zu verdammen und andauernd auf den Freunden der Kinder herumzuhacken. Das führt höchstens dazu, dass sich die Jugendlichen noch mehr an diese Freunde binden und sie vor den Eltern in Schutz nehmen.

Wenn eine Freundschaft in die Brüche geht, die Jugendlichen aus der Clique ausgeschlossen werden oder sie von selbst verlassen, brauchen sie den bedingungslosen Rückhalt der Eltern. "Wenn diese zuvor die Freunde schlecht gemacht haben, fällt es den Jugendlichen naturgemäß schwer, die Eltern als sicheren Hort zu begreifen", erklärt Czernin.

Eltern können und sollen ihre Meinung über ein bestimmtes Verhalten der Freunde äußern - insbesondere, wenn sie Sorgen vor möglichen Gefahren haben -, aber sie dürfen sie nicht pauschal kritisieren. Außerdem dürfen sie nicht darauf bestehen, dass sich ihr Nachwuchs die Kritik zu Herzen nimmt. Jugendliche wollen wie Erwachsene behandelt werden und selbst entscheiden, welchen Rat sie annehmen und welchen nicht - selbst, wenn sie noch nicht ganz erwachsen sind.

Zur Beruhigung: Die Jahre vor der Pubertät sind nicht ausgelöscht. Das, was die Eltern ihren Kindern an Werten und Haltungen mitgegeben haben, auch das soziale Umfeld, in dem sie die Kinder großgezogen haben, bleiben von großer Wichtigkeit. Selbst wenn es manchmal nicht danach aussieht.

Das Problem ist aber, dass viele Kinder heute sehr isoliert aufwachsen. Oft fehlen ihnen Geschwister, ein familiäres Netzwerk aus Onkeln, Tanten und Cousins. Und die Eltern haben zu wenig Zeit, soziale Kontakte zu pflegen, die für die gesamte Familie wichtig wären. So haben die Jugendlichen dann oft keine Wahl, sie sind auf ihr unmittelbares Umfeld der Schule beschränkt. Eine kluge Möglichkeit, Kindern und Jugendlichen zu einem größeren sozialen Umfeld zu verhelfen, ist es, sie für einen Sport- oder Musikverein zu begeistern. Dort treffen sie auf andere Gleichaltrige - sowie auf erwachsene Vorbilder - und definieren sich über die Begeisterung für eine Sportart, über die Freude an Musik oder an einem anderen Hobby.

Geraten Jugendliche aber in eine kriminelle Clique, nützt nur, wenn sich Eltern Hilfe von außen holen, etwa bei Erziehungsberatungsstellen oder Jugendtherapeuten.

Die erste Liebe ist nicht willkommen

5. Die erste große Liebe stößt leider bei den Eltern oft auf wenig Gegenliebe. Bei der kleinsten Kritik kommt es aber zum Streit.

Ein heikles Thema, denn hier sind es oft die Eltern, die überreagieren. In keiner anderen Situation wird ihnen stärker bewusst, dass sie ihr Kind "verlieren" werden: Es wird sich an jemand anderen binden und eine eigene Familie gründen. Eltern wird durch die erste Liebe drastisch vor Augen geführt, dass die Kindheit ihrer Tochter oder ihres Sohnes zu Ende ist. Oft spielen unterschwellig auch sehr archaische Gefühle mit hinein. "Väter mit ihrem Beschützerinstinkt verkraften es dann besonders schlecht, ihre Tochter an so einen dahergelaufenen Jungspund zu verlieren. Und Mütter reagieren auf potentielle Schwiegertöchter mehr als kritisch, da ihre mütterliche Sorge nun hinfällig wird", erläutert Monika Czernin.

Machen sich Eltern bewusst, dass ihre negative Einstellung zur ersten großen Liebe nicht am Partner allein, sondern auch an ihnen selbst liegt, können sie auf unangebrachte Kritik verzichten und sich stattdessen um Verständnis bemühen: Liebe ist ein Abenteuer, bei dem viele Erfahrungen gemacht werden müssen. Mitfühlenden Eltern vertrauen sich Jugendliche eher an, was diesen die Chance eröffnet, für ihre Kinder zu Gesprächspartnern zu werden - auf Augenhöhe. Gleichzeitig müssen Eltern lernen loszulassen, sonst gefährden sie die Beziehung zu ihrem Nachwuchs - und auch noch dessen Partnerschaft.

Außerdem sollten sich Eltern klarmachen, dass Liebe und Sexualität zum Erwachsenenleben des Jugendlichen gehört und nicht mehr in die Ursprungsfamilie. Eltern müssen verantwortungsvoll mit dem Thema umgehen und etwa ihre Tochter zum Frauenarzt schicken und den Sohn über die Verhütung von Krankheiten und Schwangerschaften aufklären.

Monika Czernin hat gemeinsam mit Remo Largo unter anderem den Ratgeber "Jugendjahre - Kinder durch die Pubertät begleiten" geschrieben. Sie berät als Familiencoach Eltern und Familien.

Serie: Konflikte in der Pubertät
  • Warum halten sich Jugendliche plötzlich nicht mehr an Abmachungen? Und weshalb scheinen sie immer nur müde zu sein? Lesen Sie hier Teil zwei dieses Erziehungsratgebers.
  • Wie kann die pubertierende Tochter so viel Zeit im Bad verbringen? Und warum muss der Sohn sein Moped so gefährlich hochtunen? Das erklärt Erziehungsexpertin Monika Czernin in Teil drei.
© SZ.de/dd/leja
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