Expertentipps zur Erziehung Warum Eltern die erste Liebe akzeptieren sollen

Die erste Liebe wirft viele Fragen auf, sowohl für Teenager als auch für deren Eltern. Psychologin Marion Pothmann rät, was Eltern tun können, wenn die Liebe unglücklich ist, die Jugendlichen gemeinsam übernachten wollen oder aber der Partner ihnen überhaupt nicht passt.

Interview: Katja Schnitzler

Aus dem Teenager-Schwarm wird die erste große Liebe und für die Jugendlichen und Eltern bricht eine Zeit der Unsicherheit an. Psychologin Marion Pothmann erklärt, wie Eltern ihr Kind unterstützen können und warum oft Abwarten besser ist als Handeln.

Ein Traumpaar, das nichts trennen kann - zumindest nicht in den kommenden zwei Wochen. Mit der ersten Liebe erleben Jugendliche ein rasantes Auf und Ab der Gefühle.

(Foto: g-mikee/photocase.com)

Süddeutsche.de: Kinder kommen immer jünger in die Pubertät. Verlieben sie sich auch früher?

Marion Pothmann: Tatsächlich sagen schon manche Grundschüler, dass sie verliebt sind und zeigen auch erste Anzeichen von Verliebtheit. Das ist relativ unabhängig vom Eintreten in die Pubertät.

Süddeutsche.de: Wie ernst können wir Erwachsene das nehmen?

Pothmann: Sehr ernst, und das vom ersten Tag an. Wir sollten das den Kindern nicht kleinreden, sie seien doch gar nicht verliebt, das könne noch keine Liebe sein. Für Kinder ist das toll, spannend und schön. Da dürfen sich die Eltern einfach mitfreuen.

Süddeutsche.de: Doch gerade die erste Liebe ist oft einseitig, weil sie vom anderen nicht erwidert wird. Wie können Eltern ihr Kind trösten?

Pothmann: Das hängt davon ab, was der Grund für die Einseitigkeit ist. Bei ersten Schwärmereien weiß der andere oft gar nichts von den Gefühlen Ihres Kindes. Für viele Teenager ist aber das Schwärmen an sich ein schöner Zustand, da müssen Eltern überhaupt nichts unternehmen - das gehört einfach dazu.

Süddeutsche.de: Aber wenn das Kind wirklich unglücklich verliebt ist?

Pothmann: Dann sollten die Eltern zuhören und schöne Dinge mit ihrem Kind machen, um es abzulenken - auch wenn es deshalb nicht gleich in Jubel ausbricht. Wenn es sich aber nur nicht traut, den Schwarm anzusprechen, können Eltern gemeinsam mit dem Teenager überlegen, wie ein erster Schritt aussehen könnte und ihm dafür Mut machen. Zum Beispiel könnte der Sohn oder die Tochter den "Schwarm" fragen, ob sie etwas unternehmen wollen. Ich rate den Kindern immer, zunächst einmal etwas Kurzes am Nachmittag auszumachen und nicht gleich ins Kino oder Schwimmbad zu gehen. Gemeinsam Eis essen ist ideal für den ersten Schritt: Es dauert nicht zu lange, macht Spaß und findet in der Öffentlichkeit statt, setzt also niemanden gefühlsmäßig unter Druck.

Süddeutsche.de: Der Plan hat Erfolg, die Liebe wird erwidert, das junge Paar ist unzertrennlich - und will gemeinsam bei einem von beiden übernachten. Von welchem Alter an und unter welchen Bedingungen können Eltern das erlauben?

Pothmann: Das hängt stark von der Situation und den Wertvorstellungen der Jugendlichen und deren Eltern ab. Wichtig ist, dass die Jugendlichen sich in dieser Situation gestärkt und geschützt fühlen. Generell sollten Kinder schon im Grundschulalter oder noch früher altersgerecht aufgeklärt werden, die Familie sollte offen mit dem Thema Sexualität umgehen. Wenn die Teenager gemeinsam übernachten wollen, sollten sich Eltern diese Wünsche natürlich anhören, um sie auch in dieser Lebensphase zu begleiten. Und wenn Jugendliche sexuelle Kontakte wollen, sollten Eltern die Jugendlichen stärken, nichts aus Gruppendruck zu tun, oder weil sie denken, es gehört dazu! Darüber hinaus ist es wichtig, mit den Kindern die Verhütungsfrage zu klären, damit da nichts ungeschützt läuft.

Süddeutsche.de: Manchen Eltern ist das aber viel zu früh.

Pothmann: Sie dürfen dennoch nichts rigoros verbieten, sonst läuft das eben ohne ihr Wissen ab. Vielmehr sollten Eltern ihre Beweggründe klarmachen. Etwa, dass es dem Schutz des Jugendlichen dient, wenn Sie noch nicht wollen, dass die beiden miteinander schlafen. Oder erklären, warum das ihren religiösen Vorstellungen widerspricht. Das Kind wird sowieso selbst entscheiden, ob es das für sich übernehmen will oder nicht - aber dafür muss es die Gründe für die Einstellung seiner Eltern kennen. Ich spreche oft mit Erwachsenen, die es im Nachhinein gut fanden, dass sie mit dem ersten Sex noch gewartet hatten, egal, ob aus religiösen oder persönlichen Gründen. Er hätte sie in jüngerem Alter überfordert.