La Boum:Von Dachsen und Kaninchen

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(Foto: Steffen Mackert)

Unsere Kolumnistin hortet Essen in ihrer Home-Office-Höhle und bekommt von Filmemachern erklärt, wie man digitales Fell berechnet.

Von Nadia Pantel

Angenommen, jemand käme auf die Idee, einen Animationsfilm über mein Leben zu drehen, müsste ein Dämmerungstier meine Rolle übernehmen. Einen Dachs fände ich toll, wahrscheinlich reicht es aber nur für ein Kaninchen. Ein Tier jedenfalls, das viel Zeit in einer schummerigen Höhle verbringt. Wie Sie aus früheren Kolumnen wissen, hat mein Büro ein Fenster. Ich kann es aber nicht sehen, weil das Fenster auf der anderen Seite des Daches herumsitzt und darauf wartet, dass jemand ein Loch in die Decke schneidet. Was aber seit elf Monaten nicht geschieht, weil die Sterne nie günstig stehen. In meiner Höhle sammle ich altes Essen, nicht mit Absicht, sondern weil das ein Instinkt ist, den der Home-Office-Nutzer mit dem Tier teilt.

Gestern verließ ich meinen Bau, und Paris applaudierte, als es einen Dachs auf einem Elektrofahrrad vorbeidüsen sah. Kurz bevor die Batterie alle ging, erreichte ich ein Animationsfilmstudio, wo mir eine Gruppe Männer in einem Keller viele Stunden lang erklärte, wie genau man digitales Fell am Computer berechnet. "Haben Sie schon einmal über einen Film nachgedacht, in dem ein Dachs über französische Innenpolitik schreibt?", fragte ich. Nein, hatten sie noch nicht, aber vielleicht sei Zeit für eine Pause.

In "Ratatouille" sei alles über Restaurants, Paris und putzige Tierchen gesagt worden

Am Buffet im Nebenraum traf ich eine Frau, die extra für die Animationsmänner aus London angereist war und Tipps für Restaurants wollte, in denen es gluten- und laktosefreie Menüs gibt. Ich dachte an die Brot- und Käsereste in meiner Höhle und an meinen vegetarischen Freund. Müsste ich mit der Frau und meinem Freund gemeinsam essen gehen, blieben eigentlich nur zwei französische Gerichte übrig, die wir alle essen könnten. Eier mit Mayonnaise und Lauch mit Vinaigrette. "Und zum Nachtisch Macaron!", rief die Frau. Ich bekam tatsächlich Lust, mit ihr essen zu gehen. "Das Problem ist", flüsterte ich, "ich bin ein Dachs." "No worries", flüsterte sie zurück, "ich bin ein Kaninchen."

Nach der Pause waren die Männer immer noch nicht bereit, einen Film über uns zu entwickeln. Sie verwiesen auf "Ratatouille", wo schon alles über Restaurants, Paris und putzige Tierchen gesagt worden sei. Die Männer sprachen weiter darüber, wie schwer es sei, über digitales Fell eine digitale Jacke zu ziehen und dass Tiere in Klamotten letztlich so etwas wie der heilige Gral der Animationskunst seien, und ich dachte an Essen. Daran zum Beispiel, dass mein Sohn vermutlich zu oft Pommes isst. Am Wochenende hatten wir versucht, im Park Picknick zu machen, ich hatte Vollkornzeug in einer Plastikdose dabei. Dann kam ein Hund und leckte alles ab. Als wir kurz darauf in einem Restaurant saßen und der Kellner uns Burger brachte, wusste ich: Daran ist der Hund schuld, nicht ich. Allein fürs Ausredenliefern sind Tiere in einer Stadt ja wunderbar. Im Zweifel hat die Maus das Internetkabel angenagt. Und wenn kein Käse mehr da ist, war's der Dachs.

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