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Ostern:Warum der Hase die Eier bringt

Ein Nagetier, bunte Eier und glückliche Kinder: So stellt man sich seit Jahrzehnten das Osterfest vor.

(Foto: mauritius images / SuperStock)

Der Osterhase musste erst einmal eine stattliche Zahl tierischer Konkurrenz aus dem Weg räumen. Den Osterfuchs zum Beispiel. Geholfen hat ihm dabei auch die Süßwarenindustrie.

Thomas Mann hat in den "Buddenbrooks" eine der farbigsten Beschreibungen des bürgerlichen Weihnachtsfestes geliefert. Kein Wunder also, dass er auch dem anderen großen Fest im Zyklus der Jahreszeiten seine Aufmerksamkeit schenkte. Im "Zauberberg" schildert er ein österliches Frühstücksgedeck mit Veilchenstrauß und Ei, während "die festliche Mittagstafel mit Häschen geschmückt (war) aus Zucker und Schokolade".

In der Tat war es die Süßwarenindustrie, die im 19. Jahrhundert den Osterhasen flächendeckend bekannt machte: der industriellen Verarbeitung von Rübenzucker sei Dank. Unterstützt durch Postkartenmotive und Kinderbücher witterte man zu Recht ein lukratives Geschäft. Eines der schönsten Osterbücher jener Zeit dürfte das 1908 bei Bruno Cassirer erschienene, von K. F. Edmund von Freyhold farbig illustrierte und mit Versen von Christian Morgenstern versehene "Hasenbuch" sein. Morgenstern dichtete darin auch folgende flatterhaften Zeilen: "Der Osterhas legt just ein Ei - da fliegt ein Schmetterling herbei."

Der Osterhase als Eierbringer: Diese Vorstellung ist längst so geläufig, dass sie kaum mehr hinterfragt wird. Dabei musste Meister Lampe in dieser prestigeträchtigen Funktion erst einmal eine stattliche Zahl tierischer Konkurrenz aus dem Weg räumen. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts betrieben nämlich im deutschsprachigen Raum noch ganz andere Tiere sein Geschäft. Je nach Region waren dafür der Osterfuchs, der Storch, der Hahn oder auch der Kuckuck zuständig.

Dreimal die Woche aß der Kaiser Hasenbraten

Zum ersten Mal fand der Hase, der den Kindern an Ostern die Eier bringt, allerdings schon in einer Dissertation Erwähnung, die der Arzt Johannes Richier 1682 bei der Heidelberger Medizinkoryphäe Georg Franck von Franckenau einreichte. In der Abhandlung mit dem hübschen Titel "De Ovis Paschilibus. Von Oster-Eyern" heißt es nicht ohne Spott: "... im Elsaß und den angrenzenden Gegenden nennt man diese Eier Haseneier auf Grund der Fabel, mit der man Einfältigen im Geiste und Kindern weismacht, der Osterhase lege solche Eier und verstecke sie in den Gärten im Grase, damit sie von den Kindern zum Ergötzen der lächelnden Erwachsenen desto eifriger gesucht werden."

An Ostern feiern Christen auf der ganzen Welt die Auferstehung Jesu und damit die Überwindung des Todes. Wie jedoch hoppelte der langohrige Vierbeiner in das im Zeichen des Lammes stehende christliche Osterfest hinein? Geht man dieser Frage nach, stößt man auf eine Vielzahl von Vermutungen und Halbwahrheiten, die zusammen nur eines belegen: Dass man schlicht nicht genau weiß, wie der Hase gelaufen ist.

Schon den alten Griechen und später den Römern galt der zeugungsfreudige Mümmelmann als Symbol der Fruchtbarkeit. Aus diesem Grund war er in Griechenland der Liebesgöttin Aphrodite zugeordnet, während ihn die Römer gleich als Aphrodisiakum verzehrten. Angeblich stand bei Kaiser Severus Alexander, der ohne Nachkommen blieb, an drei Tagen der Woche Hase auf dem Speiseplan. Dass der Hase auch bei den Germanen als Begleiter der Frühlingsgöttin Ostara hoch im Kurs stand, ist hingegen eine Legende. Sie geht auf den angelsächsischen Mönch Beda Venerabilis zurück und wurde im 19. Jahrhundert unter anderem von Jacob Grimm wieder aufgegriffen. Dabei existierte eine germanische Göttin Ostara wohl nicht. Als sicher aber gilt, dass Papst Zacharias 751 nach Christus den Verzehr von Hasenfleisch wegen seiner vermeintlich triebfördernden und daher Sitte und Moral gefährdenden Eigenschaften untersagte.

Trotzdem fand der Hase schon früh Eingang in die christlichen Osterfeierlichkeiten, was bildnerische Darstellungen zeigen. Und zwar als Sinnbild für die Auferstehung Christi und, ähnlich wie das ebenfalls adaptierte Ei, den Beginn neuen Lebens. In diesem Zusammenhang führt so mancher auch ins Feld, dass das Tier über keine Augenlider verfüge und es daher so aussehe, als würde es nicht schlafen. "Das wiederum", so der Theologe Benedikt Kranemann, "las man auf Jesus Christus hin, der im Tod nicht entschlafen ist".

Die Geschichte vom missratenen Osterbrot

Es gibt aber auch profanere Erklärungen. Einst mussten am Gründonnerstag dem Grundherren Zinsabgaben in Form von Kleinvieh, Hasen und Eiern bezahlt werden. Daneben halten sich volksnahe Legenden. So etwa die Geschichte vom missratenen Osterbrot, das traditionell die Form eines Lammes hatte. Als einmal das Brot jedoch einem Hasen ähnelte, sei dies die Geburtsstunde des Osterhasen gewesen. Zuletzt sollte man konfessionelle Interpretationen nicht vergessen. So muss der Osterhase als Eierlieferant wohl als Erfindung städtischer Protestanten gelten. Um sich von den Katholiken abzuheben, deren Fastenbräuche inklusive der Eierweihe man weit von sich wies, ließ man Hasen die Eier legen, bemalen und verstecken.

Ob dem Mann, der 1907 das Reichspatent 457321 einreichte, seine Kinder die Märchen vom Osterhasen nicht mehr abnehmen wollten, wissen wir nicht. Jedenfalls empfahl er zur überzeugenden Herstellung eines eierlegenden Hasen, "dem Haushuhn, das sich gerade zum Eierlegen anschickt, einen Stoffüberzug, der die Form und Gestalt eines Osterhasen hat", überzustreifen. "Die Kinder werden sich hiervon täuschen lassen und annehmen, der Osterhase selbst habe die Eier gelegt."

Die Kulturgeschichte des Osterhasen ist eine amüsant zickzack verlaufende never-ending story, wie schon Eduard von Bauernfeld 1879 in seiner "Mappe des alten Fabulisten" dichtete: "Ein Osterhase, der Eier legt,/Und wie ein Hirsch Geweihe trägt,/Das stimmt die Kinderseelen gar heiter/Großmütterchen, erzähle weiter!"

© SZ vom 11.04.2020
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