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#NotOkay:Millionen Frauen twittern über Grapscher

Die USA haben ihren eigenen #Aufschrei: Nach Donald Trumps vulgären Äußerungen ruft eine Bloggerin Frauen dazu auf, von sexuellen Übergriffen zu berichten. Sie erhält Millionen Antworten.

Durch Nordamerika geht nun auch ein #Aufschrei: Frauen unterschiedlichen Alters berichten auf Twitter unter dem Hashtag #notokay von sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen. Die Erlebnisse, die sie schildern, sind furchtbar, viele davon betreffen Minderjährige. Erschreckend ist aber auch ihre große Anzahl.

So berichtet beispielsweise eine Frau: "Unser Hausarzt rieb sich an mir, befummelte mich und sagte, er würde mich bloß untersuchen. Ich war bei ihm wegen einem verletzten Fuß. Ich war 13 und allein."

Eine andere Frau schildert diese Kindheitserinnerung: "Mein Nachbar 'wog' mein Gewicht, indem er mich im Schritt genommen und hochgehoben hat. Ich war acht."

Die Erinnerungen, die die Frauen teilen, bleiben unkommentiert und sind nüchtern geschildert: "Ich war auf einem Country-Musikfestival. Er sagte: 'Es ist meine Pflicht, das zu tun' und kippte Bier über meine Brüste. Ich war 18. Er war 50."

Seit Samstag gibt es Millionen solcher Tweets, die meisten davon laufen unter dem Hashtag #notokay. Die kanadische Bloggerin Kelly Oxford hatte Frauen dazu aufgerufen, sexuelle Übergriffe zu teilen und machte selbst den Anfang.

Oxford berichtet von insgesamt fünf solchen Erlebnissen, das erste erlebte sie im Alter von zwölf Jahren in einem Bus. Sie war selbst überrascht, binnen weniger Stunden so viele Antworten zu erhalten. "In den ersten 14 Stunden kamen mindestens 50 Tweets pro Minute."

Die Bloggerin sieht die vielen Reaktionen von Frauen aus der ganzen Welt, vor allem aber aus Nordamerika, als Beweis dafür, dass in den USA dringend über "rape culture" diskutiert werden müsse. Unter dem Begriff versteht man die Tolerierung von sexualisierter Gewalt oder auch ihr Totschweigen, von dem viele Frauen auf Twitter berichten. Manche sprachen erst Jahrzehnte nach dem Vorfall darüber, was ihnen zugestoßen ist. Einige tun es sogar jetzt zum ersten Mal auf Twitter.

Das Phänomen #notokay ähnelt dem Hashtag #Aufschrei, den 2013 die deutsche Feministin Anne Wizorek ins Leben gerufen hatte - nicht nur in den geschilderten Erlebnissen der Frauen, sondern auch in einem Detail: Während die #Aufschrei-Debatte sich damals an einem umstrittenen Kommentar des FDP-Politikers Rainer Brüderle gegenüber der Journalistin Laura Himmelreich entzündete, ist auch dieses Mal ein älterer weißer Politiker der Auslöser. Aufgerufen hatte Kelly Oxford zu #notokay nach Donald Trumps jüngst publik gewordenen frauenverachtenden Äußerungen. Trump prahlt in einem Video aus dem Jahr 2005, dass er Frauen "an die Pussy" fassen könne, wenn er wolle, weil er berühmt sei.

Hilfe für Betroffene: Frauen, die selbst von Gewalt betroffen sind, können sich an das bundesweite Hilfstelefon wenden. Die Nummer 08000 116 016 ist rund um die Uhr kostenlos und auf Wunsch anonym erreichbar. Es stehen auch Dolmetscherinnen zur Verfügung. Weitere Informationen: www.hilfetelefon.de.

© SZ.de/jly
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