Neue Wohnformen Weniger Zeug, mehr Leben

Mit dem Zelt auf dem Autodach

Das "Tiny Da Home" wirkt geradezu riesig im Vergleich zur Wohnung von Thilo Vogel. Die besteht nämlich nur aus seinem Auto und einem Zelt auf dem Dach. Das war nicht immer so. Als Student hat er in einer WG gelebt, dann in einer eigenen Wohnung in Aachen. Auch ein Fotoatelier hatte er dort. Aber glücklich war er nicht. "Ich hatte viel Arbeit, ich war müde", sagt er. "Irgendwann dachte ich: Es wäre nett, wenn ich meine Reiseleidenschaft mit meinem Beruf verbinden könnte." Und so hat er im Sommer 2016 alles verkauft, was nicht in sein Auto geht, seinen Wohnsitz aufgegeben und sich auf den Weg gemacht. Seitdem arbeitet er als Freiberufler vom Auto aus, kocht mit dem Campingkocher und duscht auf Raststätten, Campingplätzen, in Schwimmbädern, bei Freunden oder springt einfach in einen Badesee.

Thilo Vogel lebt in einem Zelt auf dem Autodach und reist damit um die Welt.

(Foto: Thilo Vogel)

Für ihn geht es dabei durchaus um philosophische Fragen: "Was brauche ich wirklich - und was ist nur dafür da, irgendein Gefühl zu befriedigen?" Auch den Raum um einen herum müsse man anders begreifen lernen. Ihn fragten oft Leute: Wie kommst Du mit so wenig Platz zurecht? "Aber: Mein Vorgarten ist riesig. Es ist nämlich die Natur. Auch wenn mir der Raum nicht allein gehört." Er hat auf Facebook eine Community gegründet, die "Dachzeltnomaden". Die Gruppe hat inzwischen 10 000 Mitglieder, im Sommer hat er ein großes Festival organisiert. So intensiv wie er betreiben das Dachnomadentum allerdings die wenigsten, viele sind nur für ein paar Monate unterwegs und leben dann wieder in einer Wohnung.

Vogel fühlt sich trotzdem nicht einsam. Es sei unheimlich einfach, mit Leuten in Kontakt zu kommen. "Wenn ich auf einem Waldparkplatz übernachte, kommen morgens schon die ersten Spaziergänger mit ihren Hunden und stellen neugierige Fragen." Auch Probleme mit der Polizei hat er selten. "Man muss sich eben höflich verhalten, die Regeln beachten, im Zweifelsfall fragen: Darf ich hier stehen?", sagt er. Von seinen alten Sachen vermisst er nichts. Dennoch gibt es einen Gegenstand, auf den er nie verzichten könnte: "Mein Smartphone." Es ist sein Internetanschluss, sein Arbeitsgerät, sein Kontakt zur Außenwelt. Da ist Thilo Vogel ganz Kind seiner Zeit.

Vom Loft ins Holzhaus

200 Quadratmeter Wohnfläche, vier Meter hohe Decken: "Eigentlich völliger Unsinn." Das dachte sich Stefan Dunkel häufiger, als er noch in seinem Loft in Fürth lebte. "Ich habe das nie wirklich warm bekommen, die Heizkosten waren enorm." Seit zehn Jahren lebt er nun in einem kleinen Holzhaus auf dem Land, unweit von Nürnberg. Sein Haus hat 45 Quadratmeter, drei Zimmer, ein Bad mit Dusche, zwei Terrassen und einen Garten. All seine Besitztümer gehen da nicht hinein. Die Waschmaschine zum Beispiel steht zehn Kilometer entfernt in seinem Elternhaus, in dem sein Vater immer noch lebt. Dort hat er auch seinen Wohnsitz angemeldet, denn sein Holzhaus gilt rechtlich nur als Wochenendhaus oder Ferienhaus.

In diesem Holzhaus lebt Stefan Dunkel.

(Foto: Stefan Dunkel)

"Ich hatte schon immer den Traum, in einem skandinavischen Holzhaus zu leben", sagt er. Als eine Bekannte, die ein solches Haus hatte, nach Australien auswanderte, war die Gelegenheit da. "Es war ein Punkt in meinem Leben, an dem ich über vieles noch einmal nachgedacht habe", sagt er. Dunkel ist seit 30 Jahren an Multipler Sklerose erkrankt, er saß zwischenzeitlich im Rollstuhl. "Ich musste mich einfach erden", sagt er. Also: raus aus der Stadt, rein in die Natur. Inzwischen kann er wieder Fahrrad fahren, der Rollstuhl ist Vergangenheit. Und dem Loft trauert er auch nicht hinterher.

Wochenend-WG für gestresste Städter

Eine WG? Nie wieder. Da war sich Sabine Nimz eigentlich sicher. Die 43-jährige Goldschmiedin kommt aus München, lebt aber in Innsbruck. Alleine in einer Wohnung, aus Überzeugung. Dort ist sie aber immer seltener. Denn seit einem Jahr hat sie mit fünf Freunden eine Wochenend-WG auf einem Bauernhof in der Nähe von Kufstein. Die WG-Bewohner sind zwischen Anfang 40 und Anfang 50, außer Nimz wohnen alle in München. "Wir schätzen das Stadtleben, empfinden es aber auch als stressig", sagt sie. Ihre Freunde beschlossen daher vor fünf Jahren, sich ein Wochenend-Domizil auf dem Land zu suchen. Das Bauernhaus hat eine große Gemeinschaftsküche, ein Wohnzimmer, drei Gästezimmer und fünf Zimmer für die ursprüngliche Besetzung: ein schwules Ehepaar, ein Hetero-Paar und ein schwuler Mann, alle ohne Kinder.

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Und Nimz, die ja eigentlich immer unabhängig sein wollte? "Ich war sehr oft dort zu Besuch, dann habe ich mir überlegt, mir eine eigene kleine Wohnung in der Gegend zu suchen." Ihre Freunde kamen auf die Idee: Warum nicht die kleine Einliegerwohnung im Bauernhaus renovieren? Dort lebt Nimz jetzt so viele Tage wie möglich, hat auch ihre Werkstatt auf den Hof verlegt. "Faktisch haben wir alle wahrscheinlich weniger Platz als in unseren Stadtwohnungen", sagt sie. "Aber ich merke mit zunehmendem Alter, wie ich Ballast loswerden will." Der ganze Kram, den sie über die Jahre angesammelt habe, belaste sie nur. Und in letzter Zeit, da hat sie oft einen Gedanken, der ihr vor ein paar Jahren absurd erschienen wäre: "Vielleicht wird das unsere Alters-WG."