Mobiler Metzger:"Jetzt ist es schon fast ein Braten"

Mara Frohn fährt ihre toten Schweine jetzt mit dem Trecker zu Kürtens Lastwagen. An den Zinken der Traktorschaufel baumeln die toten Körper. Frohn legt die Schweine neben dem Laster ab. Der Innenraum liegt offen, er wirkt wie eine Bühne. Heraus ragt ein elektrischer Hebekran. Mit ihm greift Kürten den Körper des ersten Schweins und hebt es in den Schlachtwagen. Die Sau plumpst in eine Wanne mit heißem Wasser. Darin wird sie gebrüht. Walzen schaben Haare, Dreck und die oberste Hautschicht ab. Am Ende ist das Tier blass-rosa, das dichte, lockige Fell ist verschwunden.

Auf einem Tisch schneidet Kürten die Augen der Sau heraus und die Ohrmuschel. Durch die Sehnen der Hinterbeine steckt Kürten große Haken. An ihnen zieht der Hebekran das Schwein empor. Es pendelt kopfüber in der Luft. Kürten schneidet das Tier auf. Aus der Brust fällt ein Pfropfen geronnenes Blut, das auf dem Boden wabbelt wie Pudding. Die Gedärme quellen heraus, ein Rest Kot fällt neben Kürtens Gummistiefel. Herz, Lunge, Milz und Leber wirft er in eine mit Wasser gefüllte Plastikwanne. Darin schwimmen die Organe wie rätselhafte Unterwasserpflanzen. Kürten duscht die Sau mit einem Schlauch ab, dann teilt er das Schwein mit einer Säge in zwei Hälften. "Jetzt ist es schon fast ein Braten", sagt Mara Frohn.

Die Bäuerin putzt die Wanne, klaubt schwarze Haare von den Walzen, als Kürten das zweite Schwein zerlegt. Sie muss mithelfen, wie alle Kunden des mobilen Schlachters. Wer nur mit den Händen in den Taschen dasteht und schwatzt, muss sich einen anderen Metzger suchen. 80 Prozent der etwa 250 Kunden seien "kleine Krauter" wie Frohn, die ihre Tiere artgerecht halten. Wenn die Schweine bis zum Bauch im Mist stehen, kommt Kürten nicht wieder. "Manche Bauern sagen, ich sei hochnäsig, mehr Konkurrenz würde mir guttun", sagt er. Sein Service ist teurer. Im nächsten Schlachthof kostet das "Totmachen" eines Schweins ungefähr 100 Euro, Kürten nimmt 150 Euro.

Nachgemacht hat es Kürten noch keiner

Er arbeitet sechs Tage pro Woche, mitunter von morgens um sechs bis abends um zehn. Oft rufen andere Metzger an, wollen sich seinen Laster und den Zerlege-Anhänger anschauen. Nachgemacht hat es Kürten aber noch keiner. Wieso hat er sich entschlossen, mobiler Metzger zu werden, als einziger in Deutschland? Eine "Reihe von Zufällen", sagt er knapp. Carsten, sein Mann, habe ihn bestärkt.

Mit Carsten ist Matthias Kürten seit zehn Jahren verheiratet. Über seinen Mann spricht er ganz selbstverständlich, dass nicht alle Bauern im Bergischen Land diese Beziehung gutfinden, ist nicht sein Problem. "Rosettenstecher" habe einer sie genannt. Aber viele würden gelassen reagieren und Kürten fragen: "Ach, was macht denn der Carsten?" In eine andere Gegend ziehen wollten sie nie. Dafür gefalle es ihnen im Bergischen Land zu gut, sagt Kürten. Mit seinem Job als mobiler Metzger hat er Neues gewagt. Ob er den Mut dazu hatte, weil er schwul ist und in seiner Umgebung ohnehin immer schon ein wenig anders war als die anderen Männer? Das glaubt Kürten nicht.

Bei Familie Frohn sind nun die zwei anderen Schweine fällig, noch warten sie im Stall. Als nächstes ist Sina an der Reihe, das Lieblingsschwein von Mara Frohns acht Jahre alter Tochter. Das Mädchen hat die Sau gebürstet und ist auf ihr geritten. Mara Frohn krault Sina noch einmal hinter den Ohren, da hat das Tier es besonders gern. Kürten legt die Zange an, die Besitzerin wendet sich ab. Als der Metzger sie bittet, ihm die Schüssel für das Blut zu reichen, hört sie ihn erst nicht. Mara Frohn wischt sich die Tränen weg.

Auf diesem Hof kann zumindest keiner verleugnen, dass das Schnitzel auf dem Teller mal ein Tier war, mit einem eigenen Charakter und Lebenswillen. Mara Frohn und ihre Familie haben das Schwein selbst aufgezogen. Wenn das Tier geschlachtet wird, tut es auch den Menschen weh, die sich um das Schwein gekümmert haben. Mara Frohns Tochter hat den Schmerz akzeptiert und eine Lösung gefunden: Wenn Sina schon sterben muss, dann will sie das Fell behalten.

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