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Lebensmittel:Schlachtereien töten so viele Tiere wie nie

Eberswalder Wurstwaren

Ursache für den Anstieg der Fleischproduktion sind die Exporte.

(Foto: Patrick Pleul/dpa)
  • In den ersten sechs Monaten dieses Jahres erreichte die Fleischerzeugung einen neuen Höchstwert.
  • Ursache für den Anstieg sind die Exporte. Vor allem China importiert wesentlich mehr Fleisch aus Europa als vor einem Jahr.

Von Silvia Liebrich und Kristiana Ludwig

Deutsche Landwirte und Schlachthöfe produzieren mehr Fleisch denn je. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres erreichte die Fleischerzeugung einen neuen Höchstwert. Mit 4,1 Millionen Tonnen war die Menge größer als im gleichen Zeitraum 2015 - und schon damals knackten die Schlachtungen einen Rekord. Dabei aßen die Deutschen nicht mehr Fleisch als zuvor, im Gegenteil. Im ersten Halbjahr 2016 sank der Absatz von Fleisch und Wurst bundesweit um 1,4 Prozent. Das ergaben Berechnungen des Statistischen Bundesamts und der Gesellschaft für Konsumforschung. Ursache für den Anstieg sind die Exporte. Deutsche Erzeuger beliefern den Weltmarkt - und schaden damit Tieren, Mensch und Umwelt, meinen Kritiker.

Vor allem China hat den Import von europäischen Schweinefleisch im vergangenen Jahr verdoppelt. Das Land nahm den EU-Bauern fast die Hälfte ihres exportierten Schweinefleischs ab, heißt es vom Verband der Fleischwirtschaft. Auch Japan, die Philippinen oder Vietnam haben immer größeren Hunger auf deutsches Fleisch. Denn das, sagt Geschäftsführer Detlef Stachetzki, habe einen guten Ruf und sei zudem sehr günstig. Das liege an der "effektiven Produktion", sagt er.

Ständiger Austausch von Beschäftigten

Das Projekt Faire Mobilität des Deutschen Gewerkschaftsbunds sieht dagegen eine andere Ursache für die niedrigen Preise: "Im Vergleich zu anderen Branchen wurde in der deutschen Fleischindustrie das System der Ausgliederung von Gewerken im Rahmen von Werkverträgen auf die Spitze getrieben", heißt es dort. Vor allem "Dienstleister" aus Mittel- und Osteuropaerledigten in den Unternehmen das Schlachten und Zerlegen, die Weiterverarbeitung und den Transport. Sie seien bei Fremdfirmen angestellt, die ihnen zwar Mindestlohn zahlten, sich aber durch einen ständigen Austausch der Beschäftigten die Absicherung für Alter und Krankheit sparten, sagt Bernd Maiweg von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten. Die Löhne der Schlachtarbeiter in Deutschland seien zudem wesentlich niedriger als in den europäischen Nachbarländern. Während etwa in Dänemark und Holland immer mehr Roboter die harte Fließbandarbeit übernähmen, würden in hier weiterhin billige Arbeitskräfte eingesetzt. Gerade in kleineren Schlachtbetrieben sei Schwarzarbeit noch an der Tagesordnung.

Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter sorgt sich angesichts der neuen Rekordzahlen auch um die Tiere: "Nur mit dem Ausstieg aus der industriellen Massentierhaltung erreichen wir wieder eine Landwirtschaft, bei der das Wohl der Tiere, gesunde Lebensmittel und die Bauern im Mittelpunkt stehen", sagt er. Tatsächlich werden jedoch mehr Tiere in Großställen gehalten denn je: Recherchen vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) bei Behörden ergaben, dass allein 2015 bundesweit mindestens 420 000 neue Plätze für Mastschweine und zehn Millionen für Geflügel entstanden sind. "Das ist ein Trend, den wir schon länger beobachten", sagt BUND- Agrarexpertin Katrin Wenz. Die Fleischproduktion findet nach ihren Angaben in immer größeren Betrieben statt, während kleinere Höfe aufgeben, weil sie dem Kostendruck nicht standhalten können.

Boom mit Nebenwirkungen

Wenz sieht diese Entwicklung kritisch. Die Betreiber von Großställen würden meist nicht flächengebunden arbeiten. Das heißt, sie stellen kein eigenes Futter auf ihrem Land her. Das muss eingekauft werden, unter anderem Soja aus Südamerika. Hauptlieferanten sind dort Brasilien und Argentinien. 4,5 Millionen Tonnen Soja werden pro Jahr in Deutschland verfüttert, das bedeutet laut BUND einen Anstieg von einem Drittel in den vergangenen 20 Jahren. 80 bis 90 Prozent der gesamten Sojaimporte gehen demnach in die Fleischproduktion, zehn bis zwanzig Prozent in die Milcherzeugung.

Die steigende Fleischproduktion verursache gravierende Umweltschäden. "Der In der Gülle enthaltene Stickstoff belastet zunehmend das Grundwasser und erreicht über die Flüsse die Ostsee", sagt Wenz. Dort beschleunigt die Überdüngung das Algenwachstum, es entsteht ein Sauerstoffmangel, der zu toten Zonen führt.

Die Daten von Behörden machen deutlich, dass die Wasserqualität besonders in Regionen mit hoher Tierhaltung stark beeinträchtigt ist. Das moniert auch die EU. Sie fordert seit 2013 schärfere Gesetze gegen die Überdüngung. Doch passiert ist bislang so gut wie nichts. Die Bundesregierung schiebt die Novellierung der Düngerverordnung immer wieder hinaus. Laut BUND importiert Deutschland derzeit sogar Gülle aus den Nachbarländern, weil dort längst strengere Regeln gelten, etwa in den Niederlanden.

Auch wenn der Fleischkonsum der Deutschen in den vergangen Jahren leicht zurück ging - dem Umweltverband ist er mit rund 60 Kilogramm pro Kopf und Jahr immer noch zu hoch. Um den Verbrauch zu reduzieren, sei auch eine bessere Kennzeichnung nötig. "Kunden müssen an der Ladentheke erkennen können, aus welcher Haltungsform das Fleisch stammt", fordert Wenz. Über die Kennzeichnung wird in Berlin derzeit diskutiert. Gegen die Idee, Tierzahlen an verfügbares Land für die Futtermittelproduktion zu koppeln, gibt es jedoch erhebliche Widerstände.

© SZ vom 17.08.2016/hgn
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