Mobiler Metzger:"Das sieht friedlich aus"

Auf dem Hof von Mara Frohn steht das noch lebende Wollschwein in der Ecke und beobachtet, was passiert. Die Sau wirkt dabei entspannt, nichts deutet für sie darauf hin, dass soeben etwas Bedrohliches geschehen ist. Kein Quieken, kein Warnlaut war zu hören. Das andere Schwein hat seinen Tod nicht kommen sehen. Es empfand, so wirkt es jedenfalls, keinen Stress und keine Schmerzen. Die ahnungslose Sau Nummer zwei folgt kurz darauf. Beide liegen sie nun nebeneinander, ihre aufgeschnittenen Kehlen dampfen noch leicht.

"Das sieht friedlich aus", meint Mara Frohn. Sanfter könne ein Tier nicht sterben. Ihre Sauen wurden nicht verladen, mussten nicht in einen Schlachthof, nicht an einen ihnen unbekannten Ort. Auch das Leben der Schweine sei schön gewesen, sagt die Bäuerin, vom Anfang bis zum Ende, die ganzen eineinhalb Jahre lang - soweit das ein Mensch überhaupt beurteilen kann. Die Muttersau habe ihre Ferkel unter freiem Himmel zur Welt gebracht. Nie seien die Ferkel von der Mutter getrennt worden. Im Sommer seien die Kleinen auf der Wiese herumgetapst. Ihr schlimmstes Erlebnis sei vermutlich ein Stromschlag am Elektrozaun gewesen.

Als Matthias Kürten ein Junge war, hatten seine Eltern einen Bauernhof, ein paar Rinder und Schweine. Immer derselbe Mann kam auf den Hof und schlachtete dort die Tiere - ganz in Ruhe. Der Mann beeindruckte Kürten. Seinetwegen wollte er Metzger werden. Doch während der Ausbildung in einer kleinen Metzgerei in Bergisch-Gladbach hatte er wenig mit dem Schlachten zu tun, machte vor allem Wurst. Ab und zu holten sie Fleisch in einem größeren Schlachthof. Wie es dort zuging, erschreckte Kürten. Die Betäubungsmaschine funktionierte nicht richtig, deshalb musste sie bei den Tieren mehrmals angesetzt werden. Ein Arbeiter hatte einen Kasten Bier neben sich stehen. Er war schon mittags betrunken. Für Kürten war klar: Nach der Ausbildung wollte er nicht in so einen Schlachthof. Er arbeitete in einem Hofladen.

Wie Tiere ohne Angst sterben, hat Kürten von dem alten Metzger gelernt, der früher zu ihnen auf den Hof kam. Der Mann war damals schon in Rente. Wenn Kürten im Hofladen Feierabend hatte, fuhren sie los. Der alte Metzger legte Wert darauf, dass alles ordentlich ablief. Kürten musste den toten Kühen die Beine mit einem feuchten Lappen sauber wienern, damit bloß kein Mistkrümel ins Fleisch fiel.

Viele kleine Schlachthöfe geben auf

Doch glückliche Schweineleben und ein stressfreier Tod sind in Deutschland selten geworden. Kleine Landwirte geben auf, die großen Fleischproduzenten dehnen sich aus, das zeigt der "Fleischatlas 2016", herausgegeben von der den Grünen nahestehenden Heinrich Böll-Stiftung und vom Bund für Umwelt und Naturschutz. Nur wer in effektivere Abläufe investiert, kann sich auf dem Markt behaupten, denn deutsche Fleischkonzerne produzieren zunehmend für den Export. Ihre Konkurrenz, das ist die ganze Welt.

Auch Schlachthöfe und schlachtende Metzgereien gibt es in Deutschland immer weniger, die verbleibenden 5000 Betriebe verarbeiten deshalb immer mehr Tiere. Das liegt vor allem an einer Hygiene-Verordnung der Europäischen Union, die seit sechs Jahren gilt. Sie schreibt vor, dass es getrennte Räume zum Schlachten und zum Zerlegen geben muss. Viele kleinere Schlachthöfe haben diese Räume nicht. Einige von ihnen gaben auf, andere machen seither nur noch Hausschlachtungen. Dann darf das Fleisch aber nicht verkauft, sondern nur von den Besitzern der Tiere gegessen werden.

Matthias Kürten hat es anders gemacht, er hat Geld investiert. Eine halbe Million Euro. Er hat sich einen Laster gekauft und den Innenraum zum Schlachtraum ausgebaut. Bei Ebay hat er noch einen Anhänger ersteigert, ihn zum Zerlegewagen umgebaut und alle notwendigen Geräte an die passende Stelle gesetzt: Fleischwolf, Stopf- und Verpackungsmaschine. Kürten, so sagen Branchenexperten, sei der einzige mobile Metzger in Deutschland, der die EU-Zulassung hat.

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