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Kirche und Homosexualität:Schwuler Nachwuchs wird ausgesondert

Wie die Kirche schwulen Priesternachwuchs aussondern will, beschreibt David Berger am Beispiel des Priesterseminars St. Pölten. In dieser niederösterreichischen Ausbildungsstätte waren schwule Exzesse publik geworden, und der Kleriker, der zum Einschreiten beauftragt war, habe dann so etwas wie einen Tuntentest vorgenommen. Seine Kriterien beim Überführen verdächtiger Kandidaten seien unter anderem gewesen: ein Faible für die Farbe Rosa, ein weicher Händedruck, die Parfümierung sowie die Neigung, Fotos von sich selbst aufzuhängen. Berger hätte den Test wohl bestanden. Er hat einen festen Händedruck und parfümiert sich nicht. Seine Wohnung ist geschmackvoll, aber auch alles andere als kitschig eingerichtet, ein funktionales Crossover. Zumindest das Empfangszimmer ziert kein Bild von ihm, allein im Korridor hat er Zeitungsausschnitte mit Artikeln über ihn an die Wand gehängt.

Ist er ein Poser? Mediengeil? Hier setzen die Zweifel selbst gemäßigterer katholischer Kreise an Berger an. Sie kritisieren, dass er sich exponiere. Dass er etwa beim Papstbesuch in Berlin mit den schrillsten Papstgegnern auftrete. Dass er sich vereinnahmen lasse von Atheisten der Giordano-Bruno-Stiftung, die der Kirche weltanschaulich fernstehen. Wo er doch andererseits sagt, er sei immer noch Katholik, und zwar einer, der wie viele Schwule der Ästhetik wegen gerne Tridentinische Messen besuche, aber innerlich ein eher protestantisches Verhältnis zu Gott pflege.

Nicht nur kreuz.net geht heute auf Berger los, auch die Seite kath.net prangert ihn an und stellt ihn als Hochstapler hin, indem sie insinuiert, er habe sich als "Konsultor" der Glaubenskongregation aufgespielt. "Diesen Titel habe ich mir nie gegeben", sagt Berger. Als er im November in der Oberpfalz auftrat, machte sich sogar das Bistum Regensburg die versteckten Anschuldigungen auszugsweise zu eigen und veröffentlichte unter dem Titel "Scheinheiligkeit als Instrument im Kampf gegen die Kirche" einen Link auf kath.net.

Die Drohungen, die bei Berger eingehen, sind das eine. Aber es kommt auch andere Post. Priester schreiben ihm. Er habe nach dem Erscheinen des Buches Dankesbriefe erhalten für das Aufdecken der Verhältnisse. Und gelegentlich auch einschlägige Angebote. Berger gewährt Einblick in die Korrespondenz. Ein junger Pfarrer, von dem im Netz Bilder mit Priesterkragen zu sehen sind, dekliniert darin ein paar Sexualpraktiken durch. Von Mail zu Mail wird er wilder. Als der Pfarrer ihm mit einer extravaganten Spielart kommt, bricht Berger die Unterhaltung mit dem Mann ab. Er schreibt: "Nö, aus der Phase bin ich raus."

© SZ vom 14.01.2012/vs

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