Kirche und Homosexualität Nach dem Outing ging's bergab

David Bergers Thomas-Studien werden noch lange auf den Literaturlisten der theologischen Fakultäten stehen, obwohl ihm der Erzbischof von Köln die Lehrbefugnis für den Religionsunterricht entzogen hat. Und obwohl er seiner Mitarbeit bei der Glaubenskongregation des Vatikan entbunden wurde. So hoch war der Theologe Berger auf der katholischen Karriereleiter geklettert: Im Alter von nur 35 Jahren durfte er sogar den Titel eines Professor correspondens an der Päpstlichen Akademie des heiligen Thomas von Aquin führen, 2009 bat ihn die Glaubenskongregation, für sie zwei kirchliche Zeitschriften auf korrekte Inhalte zu überwachen - und das mit der "größten Besonnenheit und Diskretion", wie es im Instruktionsschreiben zu dieser "wichtige Aufgabe" aus Rom heißt.

(Foto: Jo Goede)

Mit seinen theologischen Thesen goss Berger Wasser auf die Mühlen der reaktionären katholischen Kreise. Er vertrat einen rückwärtsgewandten Katholizismus, eine Liturgie, in der Lateinisch gesprochen wird, eine Glaubenspraxis, in der Laien und Frauen noch weniger Rechte zugedacht sind, als ihnen die Kirche ohnehin zugesteht. Mit weltoffenen Denkern wie Karl Rahner ging der junge Wissenschaftler hart ins Gericht, ihm unterstellte er ketzerische Anwandlungen.

Die Traditionalisten der Piusbruderschaft hofierten ihn deswegen ebenso wie der erzkonservative Amtsklerus. Bis er sich outete. Und bis er das Buch schrieb, das sich von all seinen Werken bisher am besten verkaufte, auch wenn es kein Theologie-Professor jemals auf einer Literaturliste aufführen wird - es sei denn, er will seinen Job verlieren: das Buch "Der heilige Schein. Als schwuler Theologe in der katholischen Kirche", erschienen im Herbst 2010.

Inzwischen ist die siebte Auflage auf dem Markt. In dem Buch schildert Berger seinen Werdegang als konservativer Katholik und Theologe. Schon als Jugendlicher zog er gregorianische Choräle der Klampfenmusik vor, mit denen seine Altersgenossen Gottesdienste feierten. Und er sammelte Sakralgewänder. Nur zum Priester weihen lassen, das wollte er nun auch nicht, das wäre ihm der Lüge zu viel gewesen. Er hatte auch als weltlicher Theologe Erfolg, und wenn er seinen Partner nach Rom mitnahm, wurde der stillschweigend als Cousin geduldet und im Nebenzimmer einquartiert.

Heuchlerische Doppelmoral

Die Kirche schneidet miserabel ab in diesem Kronzeugenbericht: Wenn Berger recht hat, gibt es ziemlich viele schwule Kleriker. Dann würde die Kirche genau das führen, was er selbst überwunden hat - ein heuchlerisches, armseliges Doppelleben. Und noch eine Parallele zwischen dem Makrosystem Kirche und dem Individuum Berger gibt es - wenn Berger recht hat: Er sagt, je tiefer er im Reaktionärensumpf steckte, desto exzessiver habe er seine Sexualität ausleben müssen. Und je weiter man in die traditionalistischen Kreise vordringe, desto mehr homosexuellen Pfarrern begegne man. "Je konservativer die äußere Erscheinung gerade bei jüngeren Geistlichen, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass der Mann schwul ist." David Berger beruft sich auf eigene Erfahrungen mit Geistlichen.

Dass diese Extreme einander bedingen, erklärt er für sich selbst mit dem Bedürfnis nach Balance. Das Leben im übertriebenen Katholizismus, in der Hypertrophie des Sakralen, habe er ausgleichen müssen mit einem entgegengesetzten Leben. Manchmal auch im Darkroom. Bei vielen schwulen Priestern könne es sich auch andersherum verhalten: Dass die homosexuelle Veranlagung ein schlechtes Gewissen hervorruft, das in einer Art Ritenfetischismus sublimiert werden muss, damit die Psyche ins Gleichgewicht kommt.