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Kinderwunschbehandlungen:Auch in den USA ist die Justiz nicht vor absurden Rechtsstreitigkeiten gefeit

Ein notwendiger gesellschaftlicher Prozess, ein angemessenes Abwarten der Politik? Der Münchner Fachanwalt für Medizinrecht Johannes Daunderer hat eine andere Erklärung für die Regungslosigkeit der Politik. "Der Gesetzgeber will sich an diesem emotionalen Thema nicht die Finger verbrennen und überlässt die Arbeit deshalb ganz bewusst den Gerichten", sagt er. Daunderer vertritt sowohl Reproduktionsmediziner als auch Personen, die deren Dienste in Anspruch genommen haben. Zum Beispiel Frau M.

Frau M. hat Embryonen einfrieren lassen, aus ihren Eizellen und dem Sperma einer Ex-Affäre, die hier Herr B. genannt sei. Die Eizellen sind noch nicht befruchtet, sie befinden sich in einem Vorkernstadium, bei dem Ei- und Samenzelle noch nicht verschmolzen sind. Frau M. und Herr B. haben einen Vertrag geschlossen, den die meisten Fortpflanzungspraxen fordern, vor allem bei unverheirateten Paaren. Der Vertrag regelt, dass die Einwilligung der künstlichen Übertragung von Spermien bis zur erfolgreichen Befruchtung widerrufen werden kann. Was Herr B. später macht. Er möchte nicht mehr, dass Frau M. ein Kind von ihm bekommt. Frau M. möchte das schon. Sie klagt vor dem Bonner Zivilgericht. Weil die erfolgreiche Befruchtung aber eben noch nicht abgeschlossen ist, hat Herr B. laut Vertrag das Recht, die Einwilligung zu widerrufen - was ihm die Bonner Kammer zuspricht. Frau M. bekommt die Eizellen nicht.

Kinderwunsch "Ich habe das Baby in meinem Bauch nie als meines betrachtet"
Reproduktionsmedizin

"Ich habe das Baby in meinem Bauch nie als meines betrachtet"

Wie fühlt es sich an, für andere ein Kind auszutragen? Was denkt ein Spenderkind über seine Eltern? Betroffene berichten über ihre persönlichen Erfahrungen mit der Reproduktionsmedizin.   Protokolle: Anna Fischhaber, Felicitas Kock, Hanna Sellheim, Katarina Lukač und Viktoria Bolmer

In einer Sache sind Hirte und Daunderer sich einig: Wenn es irgendwann zu einer Gesetzesänderung kommt, muss eine politische Debatte vorausgehen - und sie wird an grundsätzlichen Fragen rühren. Zum Beispiel an der Frage, ob es ein Grundrecht auf Fortpflanzung gibt. Fest steht auch, dass eine Änderung des Gesetzes nicht unbedingt eine Liberaliserung bedeuten muss. Für Befürworter der Reproduktionsmedizin wie den Anwalt Daunderer ein mögliches Risiko. "In der Politik gibt es viele Lager: religiös-konservative Vertreter, Frauenrechtler, Liberale. Da kann es auch nach hinten losgehen, wenn das Embryonenschutzgesetz zur Debatte steht", sagt er.

Wobei es auch für ihn Grenzen gibt: Eine Situation wie in den USA, wo eine ganze Industrie Profit macht mit der Verzweiflung potenzieller Eltern, möchte auch Daunderer nicht. In den USA ist etwa die Leihmutterschaft erlaubt, und die Praxis, sich mehr als drei befruchtete Eizellen einsetzen zu lassen, um die Erfolgschancen zu erhöhen. Das hat zur Folge, dass dort nach Behandlungen mitunter Fünf- oder Sechslinge geboren werden - ein umstrittenes Resultat der modernen Medizin, da es bei Mehrlingsschwangerschaften zu Komplikationen kommen kann und die Wahrscheinlichkeit von Früh- und Fehlgeburten steigt.

Die Schauspielerin Sofía Vergara ließ ebenfalls Eizellen einfrieren

Das USA-Beispiel macht zudem deutlich: Selbst, wenn Bundestag und Bundesrat sich intensiver mit den Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin befassen und diese liberalisieren, ist die Justiz noch lange nicht vor absurden Rechtstreitigkeiten gefeit.

Die amerikanische Schauspielerin Sofía Vergara hat 2013 versucht, gemeinsam mit ihrem damaligen Partner Nick Loeb mittels künstlicher Befruchtung ein Kind zu bekommen. Erfolglos. Das Paar ließ zwei befruchtete Eizellen einfrieren, 2014 trennten die beiden sich. Loeb versucht seitdem, die Rechte an den Embryonen zu erstreiten. Anfangs verlangte er vor Gericht das Sorgerecht für die befruchteten Eizellen, vergangenes Jahr haben seine Bestrebungen abwegigere Formen angenommen: Er lies im Bundesstaat Louisiana eine Klage einreichen, in der wie folgt argumentiert wird: Wenn Vergara ihrem Ex-Partner Loeb die beiden Embryonen nicht gebe, versage sie den befruchteten Eizellen, sich zu entwickeln - und hindere sie so am Leben. Außerdem enthalte sie ihnen so das finanzielle Erbe vor. Deshalb wolle Loeb sie von einer Leihmutter austragen lassen. Vergaras Ex-Partner gab den Embryonen in seiner Klageschrift sogar Namen: "Emma" und "Isabella". Das sollte suggerieren, dass die Embryonen Persönlichkeitsrechte haben. Loeb dürfte jedoch wenig Chancen mit seiner Klage haben. Bisher werteten US-Gerichte Embryonen nämlich als Besitz der Mutter, nicht als Rechtspersonen.

Tatsächlich braucht es nicht einmal die Reproduktionsmedizin, um das Abstammungs- und Familienrecht veraltet wirken zu lassen. Auch Patchwork-Familien stehen immer wieder vor neuen Herausforderungen, weil sie im deutschen Recht bislang nicht vorgesehen sind. So hat ein Stiefvater etwa keinen Anspruch auf Auskunft über schulische Leistungen des Stiefkindes und darf, wenn der Partner oder die Partnerin stirbt, das Kind nicht versorgen - weil er nicht der biologische Vater ist. Dass sich also etwas ändern muss, ist klar - die Frage ist nur, wann.

Die Reproduktionsmedizin boomt. Wer auf natürlichem Weg kein Kind bekommen kann, findet heute zahlreiche Angebote von Kinderwunschkliniken. Aber was macht künstliche Befruchtung mit den Menschen? Lesen Sie:

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