Dem Geheimnis auf der Spur:Der Schlangenhügel

Lesezeit: 4 min

Dem Geheimnis auf der Spur: Nur aus der Luft ist der Great Serpent Mound gut erkennbar.

Nur aus der Luft ist der Great Serpent Mound gut erkennbar.

(Foto: imago/UIG)

Seit mehr als 1000 Jahren wölbt sich in Ohio der Boden zu einer Schlange. Woher kommt diese ungewöhnliche Erhebung?

Von Carolin Werthmann

Das Rätsel beginnt am nordöstlichen Ende des seltsamen Hügels. Ist das eine Sonne? Ein Ei? Ein Auge? Ein Frosch, kurz bevor die Schlange ihn frisst? Was immer es ist, richtig sichtbar ist es nur aus der Luft. Oder auf Google Maps. Im Adams County im US-Bundesstaat Ohio, etwa 115 Kilometer von der Stadt Cincinnati entfernt, erheben sich sieben Wölbungen aus dem Boden, und am nordöstlichen Ende münden sie in eine Form, die aussieht, als reiße ein Reptil seinen Schlund auf, die Ikonografie lässt hier Raum zur Interpretation. Die sieben Hügel und das mysteriöse Rund sind der Great Serpent Mound, eine Erhebung, die dem Relief einer Schlange ähnelt. 411 Meter zieht sie sich über das Gelände, sie ist von einer Dimension, als läge dort das Empire State Building auf dem Rasen.

Wie dieses ungewöhnliche Gebilde entstanden ist, gibt bis heute Rätsel auf. Seit mindestens 1000 Jahren soll der Great Serpent Mound existieren, umrandet von nichts als Bäumen, thronend über dem Ohio Brush Creek, einem Nebenstrom des Ohio River. Heute stehen da ein Museum und ein Aussichtsturm, für die Schnappschüsse der Touristen, denen sich erst aus der Vogelperspektive erschließt, was sich da vor ihren Augen - oder besser gesagt, unter ihren Füßen - erstreckt. Archäologen können nur mutmaßen, wie sich die Erde zum Bildnis einer Schlange aufwölben konnte. Und wer daran beteiligt war.

Außerirdische, die mit der Erde kommunizieren wollen, haben den Great Serpent Mound jedenfalls nicht geformt, Überraschung. Die Behauptung taucht bei Lektüren über den Schlangenhügel gelegentlich auf, nie ganz im Ernst, aber ablehnen möchte man die Resthoffnung auf das Unheimliche von oben dann wohl doch nicht. Das erinnert an die Diskussion um Kornkreise. Mutmaßlich mähen nachts ein paar geschickte Landschaftskünstler Muster ins Getreidefeld. Aber weil sie offenbar keine Spuren hinterlassen, bleibt das Undenkbare - Aliens! - für manch einen denkbar. Nicht aber beim Schlangenhügel von Ohio.

Erstmals erwähnt wurde das Phänomen 1848. In den 1880er-Jahren vertiefte der US-Anthropologe Frederic Ward Putnam die Forschungen, später setzte er sich maßgeblich für den Erhalt und die Konservierung der Stätte ein. Er verantwortete Ausgrabungen und stieß auf mehrere Grabhügel ganz in der Nähe. "Ein einzigartiges Gefühl von Ehrfurcht und Bewunderung überkam mich", so wird Putnam auf einer Informationstafel vor Ort zitiert. "Es schien, als überkomme mich ein Bild aus einer längst vergangenen Zeit, das Bild eines Volkes mit eigenartigen Gepflogenheiten, und damit einher steigerte sich der Wunsch nach einer Interpretation dieses Geheimnisses. Das Unbekannte muss bekannt gemacht werden."

Dem Geheimnis auf der Spur: In der Ebene bemerken die Besucher des Great Serpent Mound kaum, auf welchem Spektakel sie hier stehen.

In der Ebene bemerken die Besucher des Great Serpent Mound kaum, auf welchem Spektakel sie hier stehen.

(Foto: Robert Harding/Walter Rawlings/mauritius images)

Putnam ging also davon aus, dass ein Volk, eine Kultur, hinter dem Gebilde steckte. Die Landschaft vor ihm, die sieben Wölbungen, die komplizierten Wirbel am südwestlichen Ende der Konzeption, schienen so artifiziell, so durchdacht, dass es sich hier um menschengemachte Architektur handeln musste, geschniegelt wie ein Golfplatz. Im Laufe der Zeit kristallisierten sich schließlich zwei Theorien über den Ursprung heraus. Die eine dreht sich um das Volk der Adena, die andere um die Fort Ancient People. Beide sind amerikanische Ureinwohner, nur lebten sie zu völlig unterschiedlichen Zeiten.

Die Adena-Kultur reicht bis ins Jahr 1000 vor Christus zurück. Unweit des Great Serpent Mound wurden Überreste von Skeletten gefunden, die jenen aus den Siedlungsgebieten des Volkes in Kentucky ähnelten. In der Erhebung selbst stieß man jedoch weder auf Gräber, noch auf menschliche Funde.

Forschungen gegen Ende des 20. Jahrhunderts brachten dann die Fort Ancient People ins Spiel. Radiocarbon-Datierungen deuteten darauf hin, dass der Serpent Mound im Jahr 1070 nach Christus entstanden sein musste. Zu dieser Zeit siedelten die Fort Ancient People im Ohio Valley. Das Volk sei für seine Hügellandschaften bekannt. Sie sollen ihre Häuser und Plantagen nach den Mondzyklen und Sonnenwenden ausgerichtet haben. Dementsprechend könnten die Wölbungen des Schlangenhügels ebenso gut mit dem Mondzyklus korrespondieren, das Rund am Kopfende mit dem Sonnenuntergang der Sommersonnenwende. Das Gebilde wurde interpretiert als ein Kalender und diene dazu, die Jahreszeiten abzulesen und die Ernte daran auszurichten.

Nur eine Zufälligkeit der Natur?

Interessant außerdem: Der Great Serpent Mound befindet sich am Rand eines Kraters, vor etwa 300 Millionen Jahren schlug hier ein Meteorit ein und bildete möglicherweise die grundlegende Struktur für den Hügel. 1054 nach Christus explodierte ein Stern, das Ereignis ist als Supernova dokumentiert, in dessen Folge offenbar ein helles Licht am Himmel zu erkennen war. Der Serpent Mound könnte eine irdische Interpretation dieser astronomischen Ereignisse sein. Hinzu kommt: Die Schlangenform des Great Serpent Mound spiegelt auf verblüffende Weise den Stern Thuban im Bild des Drachens. Konnten die Menschen das Sternenbild damals ablesen und den von einem Meteoriten vorgeformten Krater zum Schlangenhügel umgestalten? Gängig ist inzwischen die Schlussfolgerung, der Great Serpent Mound sei eine Mischung aus der Zufälligkeit der Natur und menschengemachter Modifikation im Laufe der Zeit.

Den USA ist ihr Great Serpent Mound jedenfalls so wichtig, dass sie ihn 2008 als Unesco-Weltkulturerbe vorgeschlagen haben.

Dem Geheimnis auf der Spur: Sind bereits Unesco-Weltkulturerbe: die Nazca-Linien in der Wüste Perus.

Sind bereits Unesco-Weltkulturerbe: die Nazca-Linien in der Wüste Perus.

(Foto: AFP)

Vielleicht reiht sich der Schlangenhügel also bald ein neben die Nazca-Linien in der Wüste Perus, beeindruckende Geoglyphen, mehr als 1500 in den Sand gescharrte Bilder von Menschen und Tieren. Wie der Serpent Mound sind sie nur aus der Luft erkennbar, teilweise Hunderte Meter groß. Und in Granville, ebenfalls im Bundesstaat Ohio, liegt der Alligator Mound. Der Name verrät es schon: Hier hat sich der Boden zu einem 200 Meter großen Alligator verformt. Oder wurde verformt. Der nächste rätselhafte Hügel, der auf seine Erkundung wartet.

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