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Geburtshilfe:Mehr Stress, mehr Maßnahmen, mehr Übergriffe

Bleibt den Klinikmitarbeitern nicht genügend Zeit, um die Frau zu beobachten und mit ihr zu sprechen, wird aus der Routine oder der medizinisch möglicherweise sinnvollen Handlung schnell ein Akt, der als Nachlässigkeit oder gar Brutalität empfunden werden kann. Dahinter stecke, sagt die Politikwissenschaftlerin Tina Jung, die an der Universität Gießen zur Ökonomisierung der Geburtshilfe und Gewalt während der Geburt forscht, oft Überforderung und Zeitmangel des Klinikpersonals: "Es gibt individuelles Fehlverhalten. Aber wir haben auch ein strukturelles Problem, weil Geburten hierzulande im Rahmen wirtschaftlicher Planbarkeit stattfinden müssen." Ihren Berechnungen zufolge kommt vor allem ein Eingriff seit zehn Jahren extrem verstärkt vor: Nicht der Kaiserschnitt, sondern die operative Einleitung der Geburt zum Beispiel durch das Sprengen der Fruchtblase. Hebammen erhoffen sich davon eine Beschleunigung der Wehen.

Medikamentös eingeleitet wird wiederum routinemäßig zehn Tage nachdem der errechnete Geburtstermin verstrichen ist. So sieht es die offizielle Leitlinie vor, selbst wenn die Schwangerschaft noch stabil ist. Unter Hebammen und Gynäkologen ist diese Praxis umstritten. Das Wehenmittel Oxytocin schlägt oft erst nach vielen Stunden an, was zu langen Wartezeiten im Krankenhaus führt und zu heftigen Wehen, die in die Interventionskaskade münden.

Dahinter stecken oft Planungszwänge: Damit die Schichtpläne und Kreißsäle bestmöglich ausgelastetwerden, greift Klinikpersonal in den Geburtsprozess nicht nur dann ein, wenn Gefahr für das Leben von Mutter und Kind besteht. Sondern eben häufig auch, wenn der Geburtsverlauf nicht zum Zeitplan der Klinik passt oder wenn ein Engpass im Kreißsaal herrscht.

Ist das wirklich "Gewalt"?

In ihren neuesten Leitlinien rät die WHO von dieser Art Eingriffe dringend ab. Doch solche Entscheidungen werden oft gar nicht bewusst getroffen. Sie folgen einer Sachzwanglogik, die alle Beteiligten verinnerlicht haben. Wie gut diese Logik zu dem wenig absehbaren Ereignis Geburt passt, bleibt fraglich.

Hinzu kommt: Seitdem deutsche Krankenhäuser über das Diagnosis-Related-Groups-System (DRG) abrechnen, ist eine interventionsfreie Geburt ein Verlustgeschäft. Die Klinik erhält pro Patientin eine begrenzte Fallpauschale - die deckt den finanziellen und zeitlichen Aufwand aber nicht ab. Auch das schafft Stress im Betrieb - und mehr Stress führt zu mehr Maßnahmen.

Gegen die Selbstverständlichkeit dieser Ein- und Übergriffe regt sich aber auch Widerstand: Seit etwa sechs Jahren gibt es in Deutschland die sogenannte Roses Revo­lution, eine Bewegung gegen Gewalt in der Geburtshilfe.Jedes Jahr im November rufen Organisationen wie der Verein MotherHood betroffene Frauen dazu auf, an Kreißsälen, in denen sie Gewalterfahrungen gemacht haben, Rosen abzulegen und das Gespräch mit dem Personal zu suchen.

Die Aktion ist umstritten: Er habe zwar größtes Verständnis für das Anliegen der Frauen, sagt der Leiter einer großen deutschen Geburtsklinik, der nicht namentlich genannt werden will, aber für Hebammen und Ärzte, die auch nur ihr Bestes tun, seien die Vorwürfe oft maßlos und nicht mehr nachvollziehbar. Viele stören sich am Begriff "Gewalt", weil er eine Absicht impliziert.

Jana Friedrich, die seit 20 Jahren als Hebamme in Berlin arbeitet und einen beliebten Blog betreibt, warnt vor einer alarmistischen Stimmung, die mit dem Thema gemacht wird. Sie hat selbst als Geburtshelferin problematische Situationen im Kreißsaal erlebt, von dummen Sprüchen bis hin zu körperlichen Übergriffen. Gleichzeitig sagt sie: "Es ist nicht die Regel, dass solche Dinge passieren."

Sie erlebt in der Geburtsvorbereitung immer mehr Paare, die durch die Berichterstattung unruhig geworden sind. Es sei schwierig aufzuklären, ohne Ängste zu schüren, sagt sie, und: "Manchmal funktioniert die Kommunikation zwischen zwei Menschen nicht gut, und man hat im Kreißsaal einfach nicht genug Zeit und Ruhe, das zu lösen."

Scheiternde Kommunikation ist in jeder Lebenslage ein Problem, in der Geburtshilfe kann sie traumatische Folgenhaben. Davon kann kaum jemand so gut berichten wie Eiman Tahir. Sie betreibt eine gynäkologische Praxis in München und arbeitet als Belegärztin in der Geburtshilfe. Sie zählt schon gar nicht mehr mit, sagt aber, sie betreue bis zu 120 Geburten pro Jahr.

Ihre Patientinnen haben fast ausschließlich Migrationshintergrund, viele sind geflüchtet. "Für eine Frau, die allein in einem fremden Land ist, vielleicht schlimme Dinge erlebt hat und die Sprache nicht versteht, ist eine Geburt eigentlich kaum auszuhalten."

Hebammen und Ärzte seien mit den geflüchteten Frauen oft völlig überfordert, könnten deren Bedürfnisse und Ängste weder verstehen noch auf sie eingehen. Aus Frustration werde das Personal dann oft laut, halte die Frauen körperlich fest. Die Frauen wollten häufig nicht über Erfahrungen reden, sagt Tahir, aber: "Sobald sie bei mir auf dem Untersuchungsstuhl sitzen, fangen sie an zu zittern, ich sehe die Angst in ihren Augen."

Tahirs Patientinnen haben keine große Lobby - doch ihre Erlebnisse zeigen in besonders extremer Ausprägung, was in Kliniken zu häufig zusammenkommt: eine unvorbereitete Gebärende, die sich schutzlos fühlt. Gestresste Hebammen, die nicht nur von den Rahmenbedingungen, sondern auch von der Frau im Kreißsaal überfordert sind. Zu wenig Zeit und Ruhe, um eine Beziehung aufzubauen und herauszufinden, was die Frau, die da gerade ein Kind bekommt, wirklich braucht. Ein Gesundheitssystem, das aus Menschen Fallpauschalen macht und dessen abstruse Abrechnungslogik dazu führt, dass eine Geburt sich für die Klinik umso mehr lohnt, je mehr sie beschleunigt wird.

Man kann lange über kulturelle Probleme und zwischenmenschliche Psychologie nachdenken, und all das spielt auch eine Rolle. Und doch ist klar: Wer Frauen vor Gewalt schützen will, muss die Geburtshilfe anders finanzieren. Gesundheitspolitiker und viele Verantwortliche ignorieren den Zusammenhang bisher. In der Istanbul-Konvention zur Prävention von Gewalt gegen Frauen findet das Thema keine Erwähnung.

Wo die Gesundheitspolitik spart, verlieren gebärende Frauen ihre körperliche Unversehrtheit und ihr Selbstbewusstsein. Dabei geht es nicht um Hypnobirthing-Luxus-Sperenzchen, sondern um das Grundrecht auf Sicherheit. Also das, worum sich eine Gesellschaft kümmern muss, die sonst doch auch so viel Wert auf Fortschritt legt.

Süddeutsche Zeitung Familie
SZ Familie Heft 7

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© Süddeutsche Zeitung Familie/bavo

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