Geburt in der Öffentlichkeit:Atmen! Pressen! Twittern!

Lesezeit: 4 min

Live aus dem Kreißsaal: Immer mehr werdende Eltern dokumentieren intime Details über die Geburt ihres Kindes im Netz, noch bevor es richtig auf der Welt ist. Warum nur? Und wer will das wissen?

Titus Arnu

"Morgen! Die Wehen sind da!" Welch ein Glück. Die werdende Mutter spürte allerdings nicht nur starke Kontraktionen der Gebärmutter, fast noch heftiger war ihr Mitteilungsdrang. Die Nachrichten über die biologischen Vorgänge im Kreißsaal richtete sie an 484.707 Menschen. So viele Follower hat "Fatbellybella" alias Erykah Badu bei Twitter. Die Fans folgen der amerikanischen Soul-Diva überallhin, sogar bis zur Live-Entbindung ihres dritten Kindes.

Harper Seven Beckham

"Sie ist so ruhig, so ladylike, so feminin!" Victoria und David Beckham schwärmten kurz nach der Geburt ihrer Tochter Harper Seven im Internet über das neue Familienmitglied. Und Papa David stellte umgehend dieses Babybild auf seine öffentliche Facebook-Seite.

(Foto: AP)

"Erst mal durchatmen", tippte Erykah Badu in einer Pause zwischen den Wehen. Während des finalen Geburtsvorgangs konnte sie das iPhone dann doch nicht mehr halten. Der werdende Vater übernahm die wichtige Aufgabe des Twitterns: "Massiere ihr gerade die Füße", schrieb er, und kurz darauf: "Ich sehe den Kopf! Viele Haare!" Frau Fatbellybella sendete dann eine Art Geburtsanzeige, ebenfalls per Kurzmitteilung: "Es ist ein Mädchen." Das Töchterchen heißt Mars Merkaba. Es freuen sich: Vater Jay Electronica, Bruder Seven Sirius Benjamin und Bruder Puma Sabti Curry.

Was lernen wir daraus? Als modernes Baby von Welt muss man einen speziellen Namen haben, etwa Harper Seven Beckham oder Zahara Marley Jolie-Pitt - und man braucht dringend einen privaten Pressesprecher, der jeden Pups sofort in die Öffentlichkeit bläst. Familieninterna gelangen auf diese Weise fast schneller ans Licht der Welt als das Baby selbst.

Nicht nur Hollywoodstars, Popmusiker und Models verbreiten aus eigenem Antrieb intimste Details zu ihren Fortpflanzungsbemühungen und den entsprechenden Ergebnissen, auch immer mehr Privatleute machen ihr Privatleben von der ersten Schwangerschaftswoche an bis zur Niederkunft öffentlich. Früher bekamen Verwandte und enge Freunde eine gedruckte Geburtsanzeige, heute posten werdende Mütter die Ultraschallbilder ungeborener Familienmitglieder auf Facebook. Per Twiddeo lassen sich in Sekundenschnelle die ersten kurzen Filme des Babys verbreiten, und auf Audioboo gibt's den ersten Schrei zu hören.

Warum eigentlich? Und wer will das alles wissen?

3.219.801 Menschen wollen das wissen, zumindest im Fall von "Mrs. LRCooper", besser bekannt als Lily Allen. Die 26-jährige britische Popsängerin twittert gerne Fotos von schlafenden Hunden, prallvollen Einkaufstüten oder verstopften Waschbecken - Ehrensache, dass sie gemeinsam mit ihrem Mann Sam Cooper Ende November die Geburt ihrer Tochter (Spitzname: Mini-Cooper) auf ihrem Lieblingsmedium kommentierte: "absolut fantastisch!"

Dass Prominente so etwas verkünden, hat sicher auch mit Selbstschutz zu tun. Denn sobald bekannt wird, dass Stars wie Victoria Beckham oder Carla Bruni ein Kind erwarten, umzingeln Paparazzi die Familie. Twitter und Facebook sind aus Sicht vieler Stars daher Mittel, um die Neugier des Publikums zu kanalisieren - und zu kontrollieren.

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