Flüchtlinge auf dem ArbeitsmarktErst integriert, dann abgelehnt

Sie sollen Deutschland verlassen, obwohl sie eigentlich dringend gebraucht werden - als Altenpflegerin, Tischler oder Hotelfachmann. Zwölf Flüchtlinge und ihre Erfahrungen mit widersprüchlicher Politik.

Von Ann-Kathrin Eckardt, Anna Hoben und Veronika Wulf

Eigentlich könnte alles so einfach sein: Deutsche Betriebe suchen händeringend nach Fachkräften und Auszubildenden. Und es gibt viele qualifizierte Asylsuchende, die gern einspringen würden. Drei Jahre nach dem Willkommenssommer von 2015 haben mehrere Tausend Flüchtlinge die (Berufs-)Schulen mit Abschluss und guten Deutschkenntnissen verlassen, das Ausbildungsjahr beginnt, und sie könnten sofort loslegen. Denn selbst für Menschen, die in Deutschland nur eine Duldung besitzen, gibt es die sogenannte 3+2-Regelung: drei Jahre Ausbildung plus zwei Jahre Arbeit im erlernten Job - während dieser Zeit wird die Abschiebung ausgesetzt, denn das gibt Planungssicherheit für Firmen und Lohn, Brot und Sinn für geduldete Flüchtlinge. Soweit jedenfalls die Theorie.

Wie die Praxis aussieht, wurde erst in dieser Woche wieder deutlich, am Fall des Afghanen Danial M., der als Horst Seehofers "Nummer 70" tragische Berühmtheit erlangte. Der 22-Jährige hätte eigentlich Anfang Juli abgeschoben werden sollen, einen Tag vor dem 69. Geburtstag des Bundesinnenministers, gemeinsam mit 69 anderen Afghanen. Die Polizei hatte ihn jedoch nicht gefunden. Danach flüchtete er sich in Bayreuth ins Kirchenasyl. Seit Langem ist Danial M., der eine Lehre als Hauswirtschaftsassistent macht und Torwart beim FC Neuenmarkt ist, ständiger Unsicherheit ausgesetzt. Erst Anfang August hatte die Ausländerbehörde eine sogenannte Ermessensduldung für ihn abgelehnt. Am Montag dann plötzlich die Kehrtwende: Danial M. darf doch bleiben. Die Frage ist nur: Wie lange? Und wer soll da noch durchblicken?

Denn genau im "Ermessen" liegt das Problem. Das ist Behördensache. In Bayern zum Beispiel, wo die CSU mit Blick auf die Landtagswahlen im Oktober Härte demonstrieren will, wird die Integration geduldeter Flüchtlinge, vorsichtig formuliert, nicht gerade gefördert. Der Einstieg in den Arbeitsmarkt ist für die Betroffenen mit enormen Hindernissen verbunden; ob sie die überwinden und sich integrieren können, hängt dann nicht selten von Umständen, der aktuellen politischen Stimmung oder auch einzelnen Sachbearbeitern ab. Die folgenden Fälle geben Einblick in eine Politik, die nicht nur Flüchtlinge, sondern auch Helfer, Firmenchefs, Betreuer und Berufsschullehrer verzweifeln lässt.

Bild: privat 19. August 2018, 11:012018-08-19 11:01:02 © SZ vom 18.08.2018/eca