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Rechtschreibung:Hallo, hier spricht der Duden

Reportage: Ein Tag bei der Hotline des Duden-Verlags

Gabriele Kopf hilft bei jedem sprachlichen Problem: Sie übernimmt die telefonische Duden-Sprachberatung.

(Foto: Christoph Koopmann)

Allein 33 Kommaregeln gibt es in der deutschen Sprache. Wer da den Überblick verliert, kann bei der Hotline des Duden anrufen. Ein Besuch bei Menschen, die alles über seltene Wörter, Ausnahmefälle und Gendersternchen wissen.

Von Christoph Koopmann

Wenn bei Gabriele Kopf das Telefon klingelt, dann hat es wieder mal jemandem die Sprache verschlagen. Nicht unbedingt derart, dass der Anrufer nicht mehr fähig wäre, überhaupt zu sprechen. Es geht da eher um die Feinheiten der deutschen Sprache. So wie bei dem Herrn, der um 10.10 Uhr an diesem Dienstagvormittag Anfang September in Gabriele Kopfs Leitung landet.

"Duden-Sprachberatung, Gabriele Kopf. Guten Morgen!"

"Hallo, folgender Satz: Die dreizeiligen nachstehenden Gedichte zeigen Nähe auf. Kommt zwischen die Adjektive ein Komma?"

"Nein, das sollten wir auf keinen Fall setzen", sagt Gabriele Kopf. Wir, als wäre dieses Komma auch ihr Problem. "Es gibt da diese schöne Regel: Immer versuchen, ob man zwischen die Adjektive ein und setzen kann." Aus dem Lautsprecher des Telefons hört man förmlich die Fragezeichen. Kopf erklärt weiter: "Wenn sich das geschmeidig anhört, dann sollte man ein Komma setzen. Die dreizeiligen und nachstehenden Gedichte? In Ihrem Satz würde sich das ganz merkwürdig anhören, weil die Adjektive keine Aufzählung sind, sondern sich gegenseitig ergänzen. Also kein Komma."

"Ah, okay, das habe ich verstanden. Dankeschön!"

Gabriele Kopf legt auf, mal wieder ein Stammkunde, sagt sie. Seinen Namen hat er noch nie genannt, aber solange er zufrieden ist, macht das ja nichts. Ein Klassiker, die Frage nach der Kommasetzung bei Adjektiven. Bis zum Mittag wird Kopf ein Dutzend solcher Anrufe annehmen. Mal geht es ums Komma, mal um Groß- und Kleinschreibung, mal um Bindestriche. Aber immer auch um die Frage: Wie schreibe ich richtiges und gutes Deutsch?

Nicht sehr benutzerfreundlich, die deutsche Sprache

Gabriele Kopf, 67, trägt ihre randlose Brille so weit vorn auf der Nase, dass man fürchtet, sie könnte mitten im Telefonat auf den Hörer klatschen, der vor ihr auf dem Schreibtisch liegt. Aus ihrer Stimme klingen die Freundlichkeit und Geduld einer Lehrerin, die man auch Jahrzehnte nach dem Abschluss noch zum Klassentreffen einladen würde. Das mit der Lehrerin ist insoweit nicht ganz falsch, weil es ja tatsächlich zur Jobbeschreibung gehört, den Menschen ein bisschen Nachhilfe zu geben, als Beraterin in der Sprach-Hotline.

Den Service gibt es seit den Sechzigerjahren, damals noch nebenbei erledigt von den Redakteurinnen des Dudenverlags, die eigentlich damit beschäftigt waren, Wörterbücher zu füllen. Wirklich professionalisiert hat man die telefonische Sprachberatung erst 1998. Seitdem sitzen spezialisierte Sprachwissenschaftler am Hörer, montags bis freitags von 9 bis 17 Uhr, für Anrufer aus Deutschland erreichbar unter 0900 1870 098. Über die Jahrzehnte sind da einige Hunderttausend Fragen an die Berater zusammengekommen, die häufigsten füllen das "Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle", inzwischen in der achten Auflage. Seit 2000 verschickt die Sprachberatung einen Newsletter, ein paar Jahre lang gab es auch einen Podcast.

Reportage: Ein Tag bei der Hotline des Duden-Verlags

Manchmal muss Gabriele Kopf nachschlagen, oft weiß sie die Antwort aber aus dem Kopf.

(Foto: Christoph Koopmann)

Der Aufklärungsbedarf scheint ungebrochen groß zu sein. Es lässt sich nun auch schwer leugnen, dass dieses Ungetüm namens deutsche Sprache alle möglichen Tücken birgt. Benutzerfreundlichkeit kann man ihr jedenfalls nicht vorwerfen.

Allein für die Kommasetzung listet der Duden 33 Regeln auf, D100 bis D132, jeweils mit Unterpunkten. Die meisten würden sagen: zum Verrücktwerden. Gabriele Kopf sagt: "Unsere Kommaregeln sind zwar kompliziert, aber toll." Sie schaffen Ordnung und Klarheit, aber weil deutsche Sprache eben schwere Sprache ist, mutet das Ganze ab und zu ein wenig unübersichtlich an. Manchmal helfen auf die Schnelle auch Wörterbücher und Grammatikhandreichungen nicht weiter. Aber dafür ist Gabriele Kopf ja da.

Meistens muss sie gar nicht nachschlagen

Sie empfängt an diesem Vormittag in ihrem Home-Office im baden-württembergischen Walldorf. Dass sie zu Hause arbeitet, hat nichts mit irgendeinem Virus zu tun, sie machen das schon immer so bei der Sprachberatung. Ist einfach praktischer, weil es so viele Spezialistinnen wie Gabriele Kopf nun mal nicht gibt und die meisten auch noch andere Jobs haben. Bezahlt werden die sechs Berater auf Stundenbasis, nach Anzahl der Telefonate gibt es Zuschläge. Meistens sind sie zu zweit, diese Vormittagsschicht teilt sich Gabriele Kopf mit einem Kollegen aus Aachen. Eigentlich ist Kopf Diplomübersetzerin, bis vor zwei Jahren hat sie hauptberuflich als Dozentin für Englisch, Spanisch und Deutsch gearbeitet - und auch da schon für den Duden am Telefon gesessen.

Um dabei zu lauschen, biegt man ein in eine Reihenhaussiedlung, in der die Straßen Baumnamen tragen und es aussieht, als hätte sich jemand eigens hierfür Begriffe wie "Vorgartenbegrünung" oder "rechts vor links" ausgedacht. Wo also alles seine Ordnung hat, öffnet Kopf coronakonform maskiert die Haustür und bittet ins Dachgeschoss, ihr persönliches Mini-Callcenter.

Schon von der letzten Treppenstufe aus sieht man, was Gabriele Kopf als ihren "Handapparat" vorstellt: ein hüfthohes Regal mit 139 Wörterbüchern und Sprachratgebern, wobei es gut sein kann, dass man das ein oder andere noch übersehen hat in dieser kleinen Privatbibliothek. Daneben steht ein Glasschreibtisch mit Monitor, Lämpchen und dem zweiten Handwerkszeug, dem Telefon.

Anruf Apparat Kopf, dem Dialekt nach zu urteilen ein Herr aus dem Badischen. "Es geht um eine Traueranzeige", sagt er. "Und zwar: Die Lehrersportgemeinschaft soundso trauert um ihren Präsidenten. Schreibt man ihren da klein oder groß?" Klare Sache für Gabriele Kopf, die allermeisten Fragen kann sie sowieso beantworten, ohne nachzuschlagen. "Das schreiben wir unbedingt klein. Nur in der persönlichen Anrede schreibt man es groß", sagt sie.

In Corona-Zeiten war viel los - das Homeschooling

Tatsächlich zählen Bestatter, kein Witz, zur Stammkundschaft der Duden-Hotline. Man will schon auf Nummer sicher gehen, wenn man Todesanzeigen von Hinterbliebenen schreibt. Oder, wie einer am Telefon mal gesagt hat: Zurückgebliebenen. Ob das auch in Ordnung wäre? Lieber nicht, hat Gabriele Kopf geantwortet. Nur war die Anzeige da unpraktischerweise schon gedruckt. Manchmal, sagt Kopf, sei das schon ein lustiger Job bei der Sprachberatung.

Reportage: Ein Tag bei der Hotline des Duden-Verlags

Ihr "Handapparat": ein hüfthohes Regal mit 139 Wörterbüchern und Sprachratgebern.

(Foto: Christoph Koopmann)

Einer hat mal gefragt, was bitteschön das Wort "mephitisch" bedeute. Da musste Gabriele Kopf selbst erst mal nachschauen, ehe sie aufklären konnte, dass das ein sehr umständlicher Weg ist, "stinkend" zu sagen. Der Anrufer fragte, durchaus ernst, ob es dann nicht eigentlich "miefitisch" heißen müsste. "Bei solchen Anrufen muss man ein bisschen die Fassung bewahren", sagt Gabriele Kopf. Oder die Leute, die gegen ihre Freunde wetten, ob ein Wort nun so oder so geschrieben wird. Muss man erst mal drauf kommen, dafür beim Duden anzurufen.

Im Schnitt klingelt 50 bis 70 Mal am Tag das Telefon, schätzt Gabriele Kopf. Sogar in Corona-Zeiten, in denen anderswo die Leitungen stiller geworden sind. Besonders viel war los, als die Schulen dicht waren und dementsprechend kein Deutschlehrer im Zimmer, der Fragen der Kinder hätte beantworten können. Da mussten die Eltern ran - und haben im Zweifel lieber die Profis vom Duden gefragt.

Dabei könnte man mittlerweile praktisch jede Rechtschreib- und Grammatikfrage in die Google-Suchleiste eintippen. "Aber die Leute schätzen sehr, dass wir bei ihrem spezifischen Problem in den meisten Fällen schnell helfen und erklären können", sagt Gabriele Kopf.

Pro Minute 1,99 Euro aus dem deutschen Festnetz

Es rufen Anwältinnen an, Sekretäre, Lehrerinnen, Journalisten. So gut wie alles, was beruflich schreibt und korrigiert. Mit am häufigsten hat Gabriele Kopf Verlagslektoren in der Leitung. Da ist es ähnlich wie bei den Bestattern: Wäre blöd, wenn irgendwas zigtausendfach in Druck ginge, und da sind noch Fehler drin.

An diesem Tag sitzt eine Lektorin an einer Broschüre für Dämmstoffe im Hausbau. Gleich sieben Dinge hat sie sich notiert, die sie Gabriele Kopf fragen will. Kommata, Gedankenstriche, Großschreibung, die Anruferin gönnt sich das grammatikalische Komplettpaket. Immerhin achteinhalb Minuten bleibt sie in der Leitung. Manche fragen Kopf noch länger aus, nur wird man nach 25 Minuten automatisch aus der Leitung geschmissen, um die Leute vor hohen Telefonrechnungen zu bewahren. Die Minute kostet 1,99 Euro aus dem deutschen Festnetz.

Die Sparfüchse sprechen so schnell, dass der ungeübte Zuhörer kaum mitkommt. Wenn so einer anruft, dann muss selbst Gabriele Kopf sich ganz nah zum Hörer beugen, um alles zu verstehen. Seit ein paar Jahren können auch Anrufer aus dem deutschsprachigen Ausland den Duden-Telefonservice nutzen, was die Sache dialektbedingt nicht einfacher macht. "Oh, die Schweiz wieder", sagt Gabriele Kopf, als die Vorwahl 0041 aufblinkt, und neigt den Kopf schon mal präventiv in Richtung Lautsprecher.

"So ein Fall, bei dem auch ich erst mal ratlos bin."

Aber Gabriele Kopf hat Routine. Seit 2000 ist sie bei der Sprachberatung und damit eine der Dienstältesten hier. Als sie anfing, war die Rechtschreibreform noch recht frisch. Da mussten sie erst mal Aufräumarbeit leisten. Die Sache mit dem daß und dass war noch für Jahre ein Dauerbrenner. Damals waren sie auch ein bisschen Sorgentelefon, und manchmal auch Boxsack für die Rechtschreib-Traditionalisten. "Nur ist es eben so", sagt Kopf, "dass sich Sprache immer weiterentwickelt und natürlich auch gesellschaftliche Strömungen abbildet."

Genau so eine Strömung ist es, die eine junge Frau in Gabriele Kopfs Telefonleitung spült. "Ich hab mal eine Frage zum Gendern", sagt sie, und: "Es wird ein bisschen kompliziert, 'tschuldigung." Also, für die Singularformen Sinto und die weibliche Entsprechung Sinteza sei ja als Pluralform "Sinti" geläufig, obwohl es auch "Sintezas" gibt. "Sinti" aber sei eigentlich nur die männliche Bezeichnung. "Gibt es da eine geschlechtergerechte Form?"

"Puh", sagt Gabriele Kopf und tippt schon auf der Tastatur herum. Die Schinken aus dem Regal muss sie nur noch hin und wieder rauskramen, die meisten Duden-Ausgaben sind mittlerweile in einem Computersystem gespeichert. Nur hilft das gerade auch nicht weiter. "Da muss ich kurz recherchieren. Ich rufe zurück."

"Das ist so ein Fall", sagt Kopf, "bei dem auch ich erst mal ratlos bin." Nur: Ein Plural, der alle Geschlechter bezeichnen würde, findet sich auch im "Universalwörterbuch" nicht, dabei klingt das ja schon nach Stein der Weisen.

Viele glauben, der Duden macht die Regeln

Blieben Schreibungen mit Genderstern, Binnen-I oder dergleichen. "Ganz heißes Thema", sagt Gabriele Kopf. Die Leute sind ja schon ausgeflippt, weil im neuen Duden drei Seiten über geschlechtergerechte Sprache stehen. Dabei sind da nur Hinweise. Gabriele Kopf findet das unnötig, so viel Aufregung über ein Sternchen. Aber sie kann nichts machen, weil es eben keine amtliche Regelung fürs Gendern gibt. Kopf hat gehofft, dass eine kommen würde, ehe die neue Duden-Auflage in Druck geht. "Es ist eben nicht so, dass der Duden die Regeln macht, obwohl das viele glauben", sagt sie. Dafür gibt es den Rat für deutsche Rechtschreibung, nur hält der sich bisher zurück bei dem Thema.

Die Zeiten, als der Duden tatsächlich die Rechtschreibung geregelt hat, sind lang vorbei. 1880 ist die erste Auflage erschienen, danach wurde er zum Maß der Dinge in Sachen Orthografie (oder, wie man damals noch schreiben sollte: Orthographie). In der Bundesrepublik war das, was im Duden stand, von 1955 an verbindlich - bis zur Rechtschreibreform Ende der Neunziger. Dabei war der Duden schon immer privat getragen. Er wird herausgegeben vom Verlag Bibliographisches Institut, der mittlerweile zu Cornelsen gehört.

Beim Duden verstehen sie sich heute nicht als Institution, die das Deutsche formt und verändert, auch wenn die Puristen vom Verein Deutsche Sprache das gern sagen. Der Verein hat den Duden vor ein paar Jahren mal zum "Sprachpanscher des Jahres" ernannt, weil er den Gebrauch von Anglizismen normalisiere, was, um es kurz zu machen, schlecht sei. Gabriele Kopf sagt: "Wir dokumentieren Sprache und ihren Wandel. Und wir erklären."

Bei der Frage nach dem gendergerechten Plural von Sinto und Sinteza muss sich Kopf also abseits des Regelwerks umsehen, fündig wird sie auf der Website eines Antirassismusvereins. Der empfiehlt: Sinti*zze. "Oh, das ist ja interessant", sagt Gabriele Kopf. Rückruf bei der jungen Frau. Man könne das schon schreiben, das sei jetzt aber nur als Hinweis zu verstehen. "Leider kann ich Ihnen nichts Offizielles mitgeben", sagt Gabriele Kopf. "Noch nicht." Sollte sich in Sachen Gendern irgendwann etwas Amtliches tun, dann wird sie wieder viel erklären müssen, wie damals beim daß und dass.

Mittlerweile ist es kurz vor 13 Uhr, gleich ist Gabriele Kopfs Schicht vorbei. Wieder klingelt das Telefon. Einen Zweifelsfall hat sie heute noch vor sich.

© SZ/vs

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