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Die Recherche: Feminismus-Glossar:Von A wie Aufschrei bis Z wie Zorn

Mit unserem Lexikon können Sie bei der Gleichberechtigungsdebatte mitreden.

(Foto: SZ.de)

Was ist ein Maskulist? Und was meinen die, wenn sie von Cis-Frauen sprechen? Ein Lexikon der aktuellen Gleichberechtigungs-Debatte.

Von Charlotte Haunhorst und Barbara Vorsamer

A - Aufschrei: Hashtag, unter dem im Frühjahr 2013 Frauen im Internet ihre Erfahrungen mit Sexismus teilten. Ausgelöst von einem Blogbeitrag über Alltagsseximus und befeuert von Debatten um Rainer Brüderles ungeschicktes Dirndl-Kompliment und einem Artikel über Frauenfeindlichkeit in der Piratenpartei. Der Hashtag und seine Initiatiorin Anne Wizorek bekamen für die Idee den Grimme-Online-Award verliehen.

B - Boyfriend, feministischer: Idealvorstellung bei der Sache mit der Gleichberechtigung: Männer, die sich ebenfalls für das Thema einsetzen, gerne auch in der Öffentlichkeit. -> Emma Watson will mit der UN-Kampagne #heforshe Männer zum Mitmachen motivieren.

C - Care-Arbeit: Wer Arbeit schreibt, meint fast immer Erwerbsarbeit, also Arbeit, für die man bezahlt wird. Daneben gibt es Putzen, Kochen, Einkaufen, Pflegen, Wickeln, Betreuen, Trösten, Kümmern, Organisieren, Füttern - kurz: Care-Arbeit. Erwachsene verbringen im Schnitt 24,5 Stunden die Woche mit Erwerbsarbeit und 20 Stunden mit unbezahlter Arbeit. Zwischen den Geschlechtern sind die zwei Bereiche ungleich aufgeteilt. Frauen arbeiten im Schnitt zwei Drittel der Zeit unbezahlt, Männer deutlich weniger als die Hälfte.

D - Diskriminierung: Bezeichnet die Herabwürdigung oder Benachteiligung von Personen oder Gruppen; in diesem Fall Frauen. Wird auch gemessen, zum Beispiel beim Gender Pay Gap. So erhalten Frauen seit Jahren in Deutschland weniger Geld als Männer - für gleiche Arbeit. Auf den Bruttostundenlohn gerechnet sind es 21 Prozent Differenz, berücksichtigt man Position und Branche, bleiben immer noch sieben Prozent übrig.

"Wie viel Gleichberechtigung brauchen wir noch?" Diese Frage hat unsere Leser in der elften Runde des Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Dieser Beitrag ist Teil eines Dossiers, das sie beantworten soll. Alle Texte zur aktuellen Recherche finden Sie hier. Mehr zum Projekt finden Sie hier.

E - Emma Watson oder Celebrity-Feminismus: Emma Watson ist UN-Botschafterin für Gleichberechtigung, Beyoncé performte vor einem riesigen Feminist-Schriftzug, Lena Dunham ist sowieso eine - immer mehr prominente Frauen bezeichnen sich als Feministinnen. Manche Aktivistinnen freuen sich über die Aufmerksamkeit. Andere finden Watson zu naiv, Beyoncé zu sexy und kritisieren Dunhams Feminismus als zu wenig -> intersektional.

F - Frauenpolitik: Wird oft mit Familienpolitik verwechselt. Beschränkt sich in Deutschland leider meist darauf, Müttern möglichst schnell wieder das Arbeiten zu ermöglichen und mehr Frauen in die Vorstände zu bekommen. Dass es Frauenprobleme jenseits der (Erwerbs)Arbeitswelt gibt, wird oft vergessen. Dazu gehören zum Beispiel die Honorierung von -> Care-Arbeit, -> Rape Culture, die Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln oder auch die problematischen Rollenbilder in Kinderbüchern. Zudem ist es mit der Gleichberechtigung von Frauen und Männern längst nicht getan. -> Trans und cis.

G - Gender: Wird benutzt, um Themen und Menschen abzuwerten, die sich mit Gleichberechtigung und Feminismus auseinandersetzen: Die sind dann Genderisten, ihre Themen sind Gender-Quatsch und sie sind Gender-gaga. Eigentlich bedeutet das Wort lediglich "Geschlecht", bezieht sich aber meistens auf die soziale Dimension desselben. In Abgrenzung von Sex, dem biologischen Geschlecht.

Von H wie Hausfrau bis O wie Online

H - Hausfrau: Halten manche für das Gegenteil von Karrierefrau. Oder für das Gegenteil von Feministin. Und halten sich selbst dann revolutionär, wenn sie sich trotzdem als Hausfrau bezeichnen. Dass Frauen den Großteil der Hausarbeit erledigen, ist allerdings keine Revolution, sondern die Regel (-> Care-Arbeit). Schließlich lernt schon das kleine Mädchen, das eine Kinderküche zum Geburtstag bekommt, dass das so sein muss (-> Jungen und Mädchen in der Rosa-Hellblau-Falle).

I - Intersektional: Ein unangenehm akademisches Wort, dass Laien oft wieder aus der feministischen Debatte flüchten lässt. Doch den meisten modernen Feministinnen ist Intersektionalität sehr wichtig. Bedeutet, dass sie sich nicht gegenüber anderen -> Diskriminierungsformen (Rassismus, Klassismus, Homophobie etc.) abgrenzen, sondern anerkennen, dass diese sich gegenseitig bestärken (-> Privilegien).

J - Jungen und Mädchen in der Rosa-Hellblau-Falle: Kleine Mädchen tragen rosa, kleine Jungen tragen hellblau - und wenn das mit den Farben alles wäre, gäbe es kein Problem. Schlimmer als Glitzer ist aber das Rollenbild, dass mithilfe von Mini-Frisierkommode und Puppenbügelbrett schon den Kleinsten eingetrichtert wird. Im Erwachsenenleben wächst sich die unterschiedliche Farbwahl im Kindergarten zum Gender Pay Gap, zur ungerechter Verteilung von -> Care-Arbeit und zu -> Diskriminierung auf allen Ebenen aus.

K - Kinderkriegen: In vielerlei Hinsicht der Knackpunkt beim Thema Gleichberechtigung. Dass Frauen schwanger werden können und Männer nicht, ist eine Tatsache, die immer wieder missbraucht wird, um bestehende Ungleichheit zu rechtfertigen. Frauen seien nun mal dafür gemacht, Kinder zu kriegen und kämen daher für nichts anderes (wie Chefin oder ernstgenommen werden) in Frage. Ein Vorurteil, das perfiderweise auch Frauen trifft, die gar keine Kinder bekommen wollen oder können. Andererseits können viele Mütter ein Lied davon singen, wie schnell sich tatsächlich in zuvor gleichberechtigten Beziehungen traditionelle Rollenmuster einschleifen und wie schwierig es ist, es anders zu machen (->Care-Arbeit).

L - Lust: Doppeldeutig:

  • Bezeichnung für ein sehr angenehmes und intensives Erlebnis des Etwas-haben-Wollens (zumeist körperlicher Natur)
  • Künstlername der schwedischen Regisseurin Erika Hallqvist, die als "Erika Lust" mit ihren feministischen Pornos bereits diverse Preise gewonnen hat.

M - Maskulisten: Männer, die der Meinung sind, dass inzwischen Frauen das gesellschaftlich privilegierte Geschlecht sind. Fühlen sich von der -> Quote, sprachlicher Korrektheit (-> X, *, _ und Binnen-I) und Debatten um Alltagsseximus bedroht und bedrohen dann ihrerseits wieder Feministinnen (-> Zorn).

N - Nett sein: Sind Feministinnen nicht, sollen sie aber sein. Wahrscheinlich, weil nett sein eine generelle Anforderung an Mädchen und Frauen ist. Die britische Bloggerin Laurie Penny meint, dass, wenn zu Frauen "Sei netter" gesagt wird, eigentlich "Halt die Klappe" gemeint ist. Auch Hillary Clinton sieht das ähnlich. Sie antwortet auf Kritik an ihrer Sprechweise: "Ich schreie nicht. Es ist nur so, dass wenn Frauen den Mund aufmachen, viele Leute sofort denken, sie schreien."

O - Online: Der Ort, an dem der neue Feminismus aktiv ist, viele sprechen daher auch von Netzfeministinnen. Sie schätzen den Austausch über das Internet und starten immer wieder Hashtag-Kampagnen (-> Aufschrei). Leider ist das Internet aber auch ein Ort, indem anonym beleidigt, gedroht und gestalkt werden kann (-> Maskulisten). Frauen mit feministischer Haltung sind davon besonders häufig betroffen (-> Zorn).

Von P wie Privilegien bis Z wie Zorn

P - Privilegien: Haben vor allem weiße, heterosexuelle, gesunde Männer. Aber auch Mittelschichtsfrauen sind im Vergleich zu ärmeren Frauen oder Migrantinnen privilegiert. Die hören das nicht gerne - und antworten mit "Nein, ich habe für meinen Erfolg immer total hart gearbeitet. Außerdem habe ich auch Probleme!" Das ist aber kein Widerspruch. Privilegiert zu sein bedeutet nicht, ein sorgenfreies Leben zu führen - sondern es leichter zu haben als andere. Wie privilegiert Sie sind, können Sie in diesem Test herausfinden. Das Problem mit den Privilegien: Wer sie hat, nimmt sie nicht wahr.

Q - Quote: Prozentsatz von Frauen, die einer bestimmten Gruppe angehören. Ist meist niedrig, wenn es um Macht und Geld geht, deswegen fordern manche Feministinnen eine gesetzliche Quote für Frauen in Führungspositionen. Für Aufsichtsräte von Dax-Unternehmen wurde vergangenes Jahr eine 30-Prozent-Quote eingeführt. Gegner der Quote halten sie für das Gegenteil von Qualität.

R - Rape Culture: Bedeutet übersetzt so viel wie Vergewaltigungskultur. In den Diskussionen darüber geht es um die Frage, ob körperliche Gewalt und Vergewaltigungen immer noch gesellschaftlich geduldet werden. Geht oft einher mit "Victim Blaming", also der Unterstellung, die Opfer von sexueller Gewalt - meistens Frauen - hätten die Übergriffe herausgefordert, zum Beispiel durch das Tragen eines kurzen Rockes.

S - Sexismus: Auf das Geschlecht bezogene Diskriminierung und abzugrenzen von den Begriffen "Chauvinismus" und "Misogynie". Während auch Frauen sich sexistisch gegenüber Männern oder anderen Frauen äußern können, bezeichnet Chauvinismus das Denken und Handeln von Männern, die sich allein wegen ihres Geschlechtes Frauen überlegen fühlen. Misogynie wiederum steht für Hass auf Frauen, der sich oft in sexualisierter Gewalt äußert -> Rape Culture.

T - trans und cis: Es gibt Männer, es gibt Frauen - und dann gibt es noch Menschen, die mit einem biologischen Geschlecht zur Welt gekommen sind, sich jedoch eher dem anderen zugehörig fühlen. Dafür gibt es zahlreiche Begriffe, am geläufigsten ist transsexuell. Richtiger wäre nach Ansicht vieler Betroffener transident. Von intersexuell oder queer spricht man, wenn sich Menschen nicht im binären Mann-Frau-System verorten wollen. Cis bezeichnet das Gegenteil von alldem: Frauen, die sich wie Frauen fühlen und Männer, die sich als Männer betrachten.

U - Unterschied, der kleine: Titel von Alice Schwarzers wohl berühmtesten Buches. 1975 interviewte sie dafür 17 verschiedene Frauen zu ihrem Leben. Die Süddeutsche Zeitung beschimpfte Schwarzer daraufhin als "frustrierte Tucke". Heute gilt Schwarzer als Vorreiterin des deutschen Feminismus, auch wenn viele Feministinnen der -> Y-Generation das Gefühl verspüren, sich von ihr distanzieren zu müssen.

V - Vorsilbe "Man": Wird gerne vor neue Wortschöpfungen gesetzt, die sich mit dem dominanten Verhalten von Männern gegenüber Frauen auseinandersetzen. Beispiele sind Mansplaining ("Mann erklärt Frau ungefragt die Welt"), Manspreading ("Mann setzt sich breitbeinig im öffentlichen Nahverkehr hin, um maximal viel Platz einzunehmen") Manterruption ("Mann unterbricht Frau, um selber einen Wortbeitrag zu leisten"). Diese Neologismen schaffen es dann irgendwann (unter Protest) auch ins Wörterbuch.

W - Wahlrecht: Gibt es für Frauen (mit Unterbrechung durch den Nationalsozialismus) in Deutschland seit 1918. In anderen Ländern sieht's noch peinlicher aus. So dürfen Frauen in der Schweiz auf Bundesebene erst seit 1971 wählen, in Saudi-Arabien sogar erst seit 2015.

X - x, *, _ und Binnen-I: Verschiedene sprachliche Möglichkeiten, um das generische Maskulinum zu umgehen. Die deutsche Sprache bezeichnet einen Chor aus 99 Frauen und einem Mann als "hundert Sänger", Frauen sind "mitgemeint". Dass das nicht funktioniert, haben zahlreiche Studien nachgewiesen. Über die richtige Alternative wird gestritten: SängerInnen? Sänger_innen? Sänger*innen? Oder Sängerx?

Y, Generation und der neue Feminismus: Jede Generation hat ihre Heldinnen und bei der nach 1980 geborenen Generation ist das nicht mehr Alice Schwarzer. Beispiele für vieldiskutierte Feministinnen dieser Generation: Das Team vom Blog "Mädchenmannschaft", die -> Aufschrei-Generation um Anne Wizorek und die Britin Laurie Penny ("Unsagbare Dinge").

Z - Zorn: Gefühl, dass die Feminismus-Debatte bei vielen Menschen auslöst. Bei Frauen, weil sie sich ungerecht behandelt fühlen und die ganze Sache mit der Gleichberechtigung so langsam vorangeht. Äußert sich aber auch bei Männern, der Soziologie Michael Kimmel spricht hier von den "Angry White Man", die finden, Frauen würden gesellschaftlich bevorzugt werden -> Maskulisten. Dieser Zorn äußert sich primär in Hatespeech-Kommentaren -> Online, kann aber auch in körperlicher Gewalt münden.

"Wie viel Gleichberechtigung brauchen wir noch?" Diese Frage hat unsere Leser in der achten Runde unseres Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Das folgende Dossier soll sie beantworten.

© SZ.de/anri
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