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Dem Geheimnis auf der Spur:Auf edlem Grund

Pandanus candelabrum oder auch Schraubenbaum heißt diese Pflanze, deren Standort auf wertvolle Bodenschätze hinweisen soll.

(Foto: Marco Schmidt/Wikimedia/CC BY-SA 2.5)

Das Wachstum bestimmter Bäume soll Auskunft darüber geben, wo man Diamanten in der Erde finden kann. Ist das wahr - oder doch nur ein Mythos?

Von Titus Arnu

Die Pflanzenwelt ist voller bizarrer Schönheiten. Der Leberwurstbaum (Kigelia africana) heißt so, weil seine graubraunen, 30 bis 50 Zentimeter langen Früchte aussehen wie zu groß geratene Leberwürste. Die Kuheuterpflanze (Solanum mammosum), auch Zitzenförmiger Nachtschatten oder Nippelfrucht genannt, bringt gelbe Früchte hervor, die wie Euter geformt sind. Der Pfauenstrauch (Caesalpinia pulcherrima) kann zwar kein Rad schlagen, seine gefiederten Blätter mit den leuchtenden Blüten erinnern aber stark an den schillernden Angeber-Vogel. Am Taschentuchbaum (Davidia involucrata) wachsen weiße, große Blätter, die von Weitem wie Papiertaschentücher aussehen.

Der Schraubenbaum (Pandanus) produziert keine Schrauben, was irgendwie schade ist, denn sonst könnte er sich mit einer Mutterpflanze zu einer bombenfesten Symbiose verschrauben. Auf Deutsch werden Schraubenbäume auch als Schraubenpalmen bezeichnet, was in mehrfacher Hinsicht irreführend ist: Botanisch gesehen handelt es sich weder um eine Palme noch um einen Baum, ganz zu schweigen von der Schraubenherstellung. Die Gattung besteht aus etwa 600 verschiedenen Arten, die sich dadurch auszeichnet, dass die Blätter spiralförmig aus dem Stamm wachsen, ihre Anordnung erinnert an ein Schraubengewinde.

Geld wächst nicht auf Bäumen, sagt man. Schrauben, Leberwürste und Papiertaschentücher tun das streng genommen auch nicht. Aber es scheint Bäume zu geben, unter denen Geld vergraben ist, zumindest im weiteren Sinne. Eine Unterart der Schraubengewächse, der Schraubenbaum Pandanus candelabrum, signalisiert angeblich, wo wertvolle Bodenschätze zu finden sind. Wer im südlichen Afrika, wo der Schraubenbaum beheimatet ist, nach Diamanten sucht, sollte nach den langen, schwertförmigen Blättern dieser Pflanze Ausschau halten. Haben sich Schatzsucher da einen afrikanischen Mythos für ihre Zwecke zurechtgeschraubt?

Zeigerpflanzen weisen auf Stickstoff oder Kalk hin

Sogenannte Zeigerpflanzen sind in der Botanik schon lange bekannt. Je nach ihren Nährstoffbedürfnissen kommen bestimmte Pflanzen auf geeigneten Böden gehäuft vor, im Umkehrschluss gelten sie als Indikatoren für die Beschaffenheit des Untergrunds. Wo Löwenzahn und Brennnesseln wachsen, enthält der Boden viel Stickstoff. Heidekraut und Sonnentau gedeihen auf sauren Böden, Leberblümchen und Klatschmohn auf kalkhaltigen. Aber ein Baum, der anzeigt, dass unter ihm Diamanten liegen? Das wäre zu schön, um wahr zu sein. Also zunächst zu den knallharten Fakten, die dieser Geschichte zugrunde liegen - den Diamanten.

Diamanten sind extrem harte Kohlenstoff-Kristalle. Sie entstehen tief im Inneren des Erdmantels bei Temperaturen von bis zu 2000 Grad Celsius unter einem Druck von etwa 60000 Atmosphären. Mit Magma gelangen die Diamanten an die Erdoberfläche. In den erkalteten trichterförmigen Vulkanschloten (Pipes), die bei diesem Vorgang entstehen, werden die meisten Diamanten gefunden, sie sind im Gestein Kimberlit enthalten. Der Name Kimberlit geht auf die südafrikanische Stadt Kimberley zurück, in deren Nähe 1872 die erste Diamanten-Pipe entdeckt wurde. Heutzutage werden Diamanten im offenen Tagebau sowie in Minen abgebaut, was sehr aufwendig und teuer ist. Einfacher, aber nicht so ergiebig ist die Förderung von Diamanten aus Flusssedimenten und vom Meeresgrund in Küstenregionen. Von Schiffen aus wird im großen Stil Schlamm und Sand angesaugt und gefiltert. Ein Baum, der Diamantenlagerstätten anzeigt, wäre da wirklich sehr hilfreich. Aber wie soll das funktionieren?

Der US-amerikanische Geologe Stephen Haggerty stieß per Zufall auf den Zusammenhang zwischen Diamanten und Schraubenbäumen. Bei einer Expedition im Dschungel Westliberias wollte der Wissenschaftler der Florida International University in Miami eigentlich besondere Bodeneigenschaften untersuchen, als er über die bisher wenig bekannte Pflanze stolperte. Pandanus candelabrum erinnert an eine zu groß geratene Yuccapalme und wächst nur auf Böden vulkanischen Ursprungs, die sich in unmittelbarer Nähe von Kimberlit-Schloten befinden. In einer Studie, die Haggerty 2015 im Fachblatt Economic Geology veröffentlichte, beschreibt der Forscher die exklusive Beziehung zwischen Schraubenbaum und Edelstein.

Das Edelstein-Doping scheint der Pflanze gut zu bekommen

Haggerty vermutet, dass die Pflanze sich auf die Umgebung von vulkanischen Schloten spezialisiert hat. Dem Forscher war aufgefallen, dass in vielen Schraubenbaumwurzeln kleine Gesteinsfragmente eingewachsen waren - Kimberlit, das zur Hälfte aus Eisenoxid besteht. Offensichtlich hat sich der Baum an den hohen Eisengehalt des vulkanischen Gesteins angepasst. Zudem enthält die Erde in der Umgebung der Schlote besonders hohe Anteile von Magnesium, Pottasche und Phosphor. "Diese Stoffe ergeben in Kombination ein hochwirksames Düngemittel", sagte Haggerty der Zeitschrift Science. Das Edelstein-Doping scheint der Pflanze gut zu bekommen. Sie wird bis zu zehn Meter hoch und bildet ein weitreichendes Wurzelsystem aus, das dem von Mangroven ähnelt.

Bevor jetzt ein Schraubenbaumboom ausbricht: Die Zeigerpflanze zeigt leider nicht unter Garantie an, wo sich potenzieller Reichtum im Boden verbirgt. Geologe Haggerty weist darauf hin, dass der Fund von Kimberlit statistisch gesehen nicht gleichbedeutend ist mit dem Vorkommen von Diamanten. Weltweit seien etwa 6000 Kimberlit-Schlote bekannt, rechnet er vor, und nur etwa 600 von ihnen enthalten Diamanten. Und nur bei 60 Lagerstätten lohne sich der Abbau in wirtschaftlicher Hinsicht. Wahrscheinlich will der Experte die Erwartungen anderer Schatzsucher nicht extra hochschrauben. Immerhin hat er selbst schon mehrere wertvolle Rohdiamanten unter den Bäumen gefunden, darunter zwei mit einem Gewicht von mindestens 20 Karat.

© SZ vom 16.01.2021/vs
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