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Beruf Hausfrau:"Darf man heute noch eine stolze Hausfrau sein?"

Inge Schieler hat ihr Leben lang gearbeitet - in der eigenen Küche und ohne Bezahlung.

(Foto: Verena Müller)

Inge Schieler war ihr Leben lang Hausfrau und stolz darauf. Jetzt ist sie 70 Jahre alt - und kommt ins Grübeln.

Von Ulrike Schuster

Wer sich als moderne Frau bestätigt wissen will, befindet sich auf dem Sprung, auf dem Weg an die Spitze. Das ist die Frau, die heute zum Vorbild und zur Inspiration taugt. Das ist die Frau, auf der die Scheinwerfer der Öffentlichkeit liegen. Inge Schieler, 70, führte ein Leben in der Deckung, wie die meisten ihrer Zeitgenossinnen. Ihre Bühne war ein Haus, ihre Zuschauer drei Kinder und ein Ehemann. Ihre Welt ist ein Dorf; im Umkreis von 40 Kilometern spielt sich ihr Leben ab.

Für das eigene Glück kämpfen? - "Was soll das sein?", fragt sie. Inge Schieler kämpfte für das Glück der anderen. Sie kümmerte sich um die Familie, den Haushalt, pflegte die Mutter, arbeitete ehrenamtlich. "Habe ich Lust darauf? Ist es die Arbeit, in der ich meine Talente und Fähigkeite entfalte?" - lauter Fragen, die sie sich nicht gestellt hat. Als das arme Geschöpf, das sich für andere aufopfert, hat sie sich nicht gesehen. Sie war zufrieden, hin und wieder glücklich. Sie forderte das Schicksal nicht heraus, sie nahm es an.

Mit Kochen aus der Biokiste, Basteln für Dawanda und Schöner Streichen mit der Landlust hatte ihr Schicksal nichts zu tun. Es war Arbeit nach der Stoppuhr und mit gespitztem Sparstift - alles für den einen großen Traum: das eigene Haus. Mit wenig Geld alles schaffen, was man vom Leben erwartet - das war Inge Schielers tägliches Arbeits-Ziel. Und richtig harte Arbeit. Deshalb sagt Inge Schieler: "Ich bin eine stolze Hausfrau." Eigentlich.

Denn da ist die Sache mit der Unabhängigkeit. Welche Frau zieht unbekümmert und flatterhaft die Geldscheine aus dem Beutel, wissend, es sind nicht die eigenen? Der Mann hat sie verdient.

Unabhängigkeit kommt heute vor Familie

In der Studie "Was Frauen wollen" des Wissenschaftszentrum für Sozialforschung aus dem Jahr 2012, antworteten 96 Prozent der Frauen zwischen 21 und 34 Jahren, dass "Unabhängigkeit" für sie "lebenswichtig" sei. Und ist schon stolze Hausfrau, wenn selbst Frauenmagazine wie Glamour, Instyle oder Cosmopolitan immer häufiger Karrierefrauen wie Sheryl Sandberg und Marissa Mayer aufs Cover heben? Früher beschränkten sich diese Blätter auf den Tipp zum roten Lippenstift in Kombination mit Smokey Eyes. Für 61 Prozent der Studienteilnehmerinnen ist die Familie "lebenswichtig", für 72 Prozent die Karriere. Erfolgreich ist heute das neue sexy.

In Werbespots für Windeln und Säuglingsnahrung hält Frau sich heute vielleicht noch zu Hause auf; ansonsten feiert sie in Seidenbluse und Stilettos den Erfolg im Beruf. Mit dem Image der Hausfrau 2017 noch was verkaufen wollen? Sich Anerkennung abholen wollen? Vorbei ist das.

Deshalb kommt Inge Schieler ins Grübeln. Mit 70. Sie fragt: "Darf man heute noch eine stolze Hausfrau sein?"

© SZ.de/lho

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