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Streit um Altersvorsorge:Graue Revolte

Protest - Voloausgabe der Süddeutschen Zeitung

Illustration: Sead Mujic/SZ

Gerhard Kieseheuer war früher Fleischermeister, heute hat er eine neue Berufung: Er kämpft für Tausende Rentner, die sich mit Direktversicherungen vom Staat hintergangen fühlen. Die Geschichte eines bundesweiten Protests.

Natürlich hat Gerhard Kieseheuer seine Stellung ausgenutzt. Seit vier Jahren schon leitet er als Laie in der Kirche St. Martin in Olsberg Wortgottesdienste, im April konnte er sich dann nicht mehr zurückhalten: Er sprach vor der Gemeinde sein Herzensthema an. Kieseheuer las eine Fürbitte für "alle betrogenen Direktversicherten". Und er sagte: "Beten wir für die Menschen, die um soziale Gerechtigkeit ringen und streiten." Wenn Kanzlerin Angela Merkel schon kein Erbarmen mit den Rentnern hat, vielleicht hilft dann Beistand von oben.

Gerhard Kieseheuer, das muss man dazu wissen, ist Bundesvorsitzender der Direktversicherungsgeschädigten. Derzeit kennt er vor allem ein Thema: Er setzt sich für die mehr als sechs Millionen Bürger ein, die vor Jahren eine sogenannte Direktversicherung abgeschlossen haben, eine spezielle Form der Altersvorsorge. Und die später oft Zehntausende Euro zahlen mussten, weil der Staat sie zwang, entgegen den ursprünglichen Zusagen Sozialabgaben auf das angesparte Geld zu leisten.

Gerhard Kieseheuer

Gerhard Kieseheuer, der Bundesvorsitzender der Direktversicherungsgeschädigten.

(Foto: Privat)

Die Anekdote von der Fürbitte erzählt Kieseheuer, 70, auf seiner Terrasse in Bigge, einem Stadtteil von Olsberg im Hochsauerlandkreis. Seinen Gästen darf es an nichts fehlen. Auf einem überdimensionalen Grill brutzeln Würste, die er "selbst gewürzt" hat, wie er betont. Der ehemalige Fleischermeister spricht gern über heimisches Bier, Essen, Schalke 04 oder - wie gerade eben - über seine neue Berufung. Die Direktversicherten zu schützen, ist dem Rentner zur Lebensaufgabe geworden. "Die Menschen sind maßlos traurig und enttäuscht", sagt er. Deshalb kämpft er dafür, dass sie ihr Geld zurückbekommen. Aber nicht nur das. "Sie wollen mir Fragen stellen und ihr Herz ausschütten."

Das Dilemma der Rentner beschreibt Kieseheuer am liebsten so, auch jetzt beim Grillen: "Wir wurden erst angelockt, dann abgezockt." Der Satz ist ein Schlachtruf derjenigen geworden, die sich Direktversicherungsgeschädigte nennen.

Kundgebung Direktversicherungsgeschädigte

"Erst angelockt, dann abgezockt"! Ihren Schlachtruf haben die Rentner auf Warnwesten und Luftballons gedruckt.

(Foto: Michael Rother)

Seit Oktober 2015 sind sie in einem Verein organisiert. Er zählt 33 Stammtische in 15 Bundesländern und mehr als 2500 Mitglieder, die fast alle im Rentenalter sind. Sie ziehen vor Gerichte und stellen Politiker zur Rede, sie organisieren Demos und üben Druck über soziale Medien aus. Ihre Geschichte ist eine, die zeigt, wie viel Kraft auch in älteren Menschen freigesetzt wird, wenn sie sich belogen und betrogen fühlen, noch dazu vom Staat, dem sie vertraut haben. Und sie zeigt, dass es sich lohnt, trotz zahlreicher Rückschläge für seine Sache zu kämpfen.

Der Staat sagte vielversprechende Konditionen zu

Die Kommandozentrale des Rentneraufstands befindet sich in Kieseheuers zwölf Quadratmeter kleinem Kellerzimmer. Von hier sind es zehn Minuten den Berg hinab zur Kirche St. Martin. Sie ist das Zentrum des Ortes, in dem vereinzelt Fachwerkhäuser stehen. Ein paar Vereine, zwei Gasthäuser, kleine Geschäfte, ein Mal im Jahr ein Schützenfest - das war's. Die Menschen in Bigge schätzen die Ruhe im Ruhrtal.

Kieseheuer gönnt sich Ruhe nur, wenn er mit seiner Frau im Garten sitzt. Manchmal geht er auch zum Sport in die "Muckibude", so sagt er. Einen Großteil seines Lebens verbringt er aber in seinem Kellerzimmer, in dem zwei Schreibtische mit einem Rechner und einem Laptop stehen.

Kieseheuers Rentnerdasein, das wird hier unten deutlich, entspricht dem eines Vollberufstätigen. Sobald er seinen Computer anschaltet, ploppen Mails von Hilfesuchenden auf, allein 1381 im vergangenen Monat. Immer wieder klingelt eines seiner beiden Festnetztelefone oder das Smartphone, das er griffbereit am Gürtel hat. Um fünf Uhr morgens geht es los, unentgeltlich, sieben Tage die Woche, zehn Stunden am Tag. "Wenn ich mich einsetze, dann richtig", erklärt Kieseheuer.

Auch in der Süddeutschen Zeitung warben Unternehmen für Direktversicherungen: Die Anzeige erschien in der Ausgabe vom 17. April 1980.

(Foto: SZ-Archiv; Bayrische Beamten Versicherungen)

Seine Frau, die ihn eigentlich sehr unterstützt und sogar Telefondienst für den Verein macht, sagt am Esstisch, leicht genervt: "Mein Mann ist hier nur noch Hotelgast sozusagen. Der kniet sich so rein, dass er jede freie Minute am Computer sitzt." Solche Aussagen, das kann Kieseheuer nicht verbergen, schmeicheln ihm. Er ist einer jener Männer, die gerne anpacken, die es aber auch genießen, wenn sie gebraucht werden und Aufmerksamkeit bekommen. Dank dieser Mischung hat er es zu einiger Bekanntheit gebracht. Stolz spielt er ein Video ab, das zeigt, wie die heutige Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) ihn 2017 im Bundestag bei einer Rede mit Namen begrüßt. Dabei saß er nur als einer von vielen auf der Zuschauertribüne.

Um zu verstehen, wie sich das entwickeln konnte, muss man einige Jahre zurückgehen, in eine Zeit, in der Kieseheuer noch im ganzen Land Gewürze für Grillfleisch verkaufte, und, wie er sagt, "unpolitisch" war. Damals, in den Achtzigerjahren, hatte der Staat verstärkt für Altersvorsorgen in Form von Direktversicherungen geworben und vielversprechende Konditionen zugesagt. In den Zeitungen warben Versicherer mit großen Anzeigen. Die Reaktionen der Presse waren überwiegend positiv. Die Süddeutsche Zeitung schrieb: "Der Fiskus begünstigt die Vorsorge." Deutlicher wurde die Cosmopolitan: "Lassen Sie sich mal was spendieren vom Staat."