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Zuschauer bestimmen Programm:"Wir haben es vermasselt"

Das Image einer weltfernen Institution, das dem Theater gerne angeheftet wird, scheint durch diesen Schadensfall leider voll bestätigt. Aber wer gerne und laut von "Schwarmintelligenz" redet, sie aber dann mit der Pseudodemokratie unterm "Like"-Button verwechselt, der muss eben durch eine solche Blamage kuriert werden.

Wobei der grundsätzliche Ansatz, sich selbst einmal öffentlich zu hinterfragen, der in Carl Hegemanns provozierender Idee einer Spielplanwahl durch das Publikum steckt, ja ein wunderbarer Stolperer in der monotonen Marschordnung deutscher Theatergewissheiten ist. Völlig unausgegoren war nur das Demokratiekonzept, das zur Anwendung kam.

Die Allgemeinheit kann man über allgemeine Belange abstimmen lassen. Für spezielle Fragen ist Mitbestimmung nur sinnvoll, wenn eine begrenzte qualifizierte Gruppe angesprochen wird. Zum Beispiel durch eine Befragung im Rahmen der laufenden Aufführungen, wo man Publikum erreicht, das nicht nur Spott und Eigeninteressen im Sinn hat.

Doch was geschieht jetzt mit dem Versprechen, die drei Sieger dieser absurden Marktforschung (plus eines weiteren frei wählbaren Stücks aus der Gesamtliste) tatsächlich nächste Saison im Großen Haus aufzuführen? Da der Reinfall sich mit den ersten Zwischenständen Ende November bereits abzeichnete, öffneten sich Hintertürchen zu dieser "Garantie" schneller als im Adventskalender.

Ob man die Sieger spielen werde, so Joachim Lux auf Nachfrage, hänge von vielen Faktoren ab: Regisseur und Schauspieler müssten sich bereitfinden, das Stück zu bearbeiten, Verhandlungen über Rechte seien erst einmal abzuwarten, der wirtschaftliche Erfolg dürfe nicht im Zweifel stehen, und überhaupt bliebe es der Kunstfreiheit des Theaters überlassen, wie man mit dem Ergebnis umginge. Um es genau in der brüskierenden Weise zu sagen, die damit gemeint ist: Keines dieser Stücke wird im nächsten Spielplan des Thalia Theaters als Hauptpremiere im Großen Haus auftauchen.

Das ist ein wenig so wie mit dem Grabspruch, der dem Motto dieser Spielplanwahl, "Sie machen Vorschläge, wir nehmen sie an", Pate stand. Bertolt Brecht wünschte sich in seiner grenzenlosen Bescheidenheit einen Grabstein mit dem Satz: "Er hat Vorschläge gemacht. Wir haben sie angenommen." Doch das war seinen Erben dann doch zu peinlich. Und genau das wäre die Umsetzung dieses "Wählervotums" auch. Auf dem Grabstein dieser Spielplanwahl sollte ehrlicherweise stehen: "Wir haben es vermasselt."

© SZ vom 19.12.2011/rela
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