Süddeutsche Zeitung

Zuschauer bestimmen Programm:Von wegen Schwarmintelligenz

Das Hamburger Thalia Theater hat öffentlich über seinen Spielplan abstimmen lassen - das Ergebnis ist ein Reinfall. Von Rock-Musicals über zu Recht vergessene Nachkriegsstücke hat man sich einen Spielplan bestimmen lassen, der schaudern lässt. Macht das Theater nun einen Rückzieher?

Die Spielplanwahl des Thalia Theaters in Hamburg war ein voller Erfolg, allerdings nur in einer Hinsicht: In dieser Form wird garantiert nie wieder ein Theater in Deutschland seine Inkompetenz in Sachen Demokratie zur Schau stellen. Denn das Ergebnis dieses Versuchs, die Hälfte des Spielplans der nächsten Saison in einer unkontrollierten Abstimmung von jedermann bestimmen zu lassen, ist so hilfreich wie ein kongolesischer Diktator.

Nach einigen Wochen Abstimmung auf Postkarten und im Netz haben gewonnen: ein dröhnend ambitioniertes Rock-Musical ("Peers Heimkehr") aus der Feder der A-capella-Metal-Band Van Canto, das Peer Gynts Geschichte fortspinnt, sowie zwei zu Recht vergessene Dramen aus den Kriegs- und Nachkriegstagen des vorigen Jahrhunderts, Friedrich Dürrenmatts "Die Ehe des Herrn Mississippi" und Thornton Wilders "Wir sind noch einmal davongekommen" - beide fanden durch die erfolgreiche Kampagne eines Netzaktivisten mit dem Pseudonym "Friedrich T. Halia Wilder" an die Spitze der Hitliste.

Auf den folgenden Plätzen finden sich dann fast nur unbekannte Stücke von Autoren und Gruppen, die genau wissen, wie man Facebook-Gemeinden anstiftet, eine gut gemeinte Wahl zu kapern - darunter auch "The Black Rider" von Burroughs/Waits/Wilson, das die Hamburger Theater-Konkurrenz von Kampnagel in ihrem Newsletter zur Abstimmung empfohlen hatte, um das Thalia vor seinem eigenen Vorhaben zu "retten".

Bob Wilson simste daraufhin sofort Thalia-Intendant Joachim Lux an, um die Bereitschaft zu signalisieren, seinen zwanzig Jahre alten Theater-Hit noch einmal zu inszenieren. Ernst gemeinte Vorschläge, die tatsächlich als Inspiration für eine von Routine ermüdete Dramaturgie gelten könnten, finden sich unter den 700 Einreichungen ganz am Ende der Liste und haben zwischen einer und zehn Stimmen.

Auch wenn Wahlvater Carl Hegemann, der die Aktion seinem neuen Chef Lux und seinen Dramaturgen-Kollegen aufschwatzen konnte, sich am Wahlabend Samstagnacht gewunden bemühte, intelligent klingende Ausflüchte zu formulieren, die dem schwachsinnigen Ergebnis die Würde eines echten demokratischen Experiments andichten, ist die Netto-Erkenntnis dieser Aktion doch ganz schlicht: Ein wenig Beschäftigung mit der Parademokratie der Klick-Medien hätte gereicht, um ein solches Resultat vorherzusehen.

"Wir haben es vermasselt"

Das Image einer weltfernen Institution, das dem Theater gerne angeheftet wird, scheint durch diesen Schadensfall leider voll bestätigt. Aber wer gerne und laut von "Schwarmintelligenz" redet, sie aber dann mit der Pseudodemokratie unterm "Like"-Button verwechselt, der muss eben durch eine solche Blamage kuriert werden.

Wobei der grundsätzliche Ansatz, sich selbst einmal öffentlich zu hinterfragen, der in Carl Hegemanns provozierender Idee einer Spielplanwahl durch das Publikum steckt, ja ein wunderbarer Stolperer in der monotonen Marschordnung deutscher Theatergewissheiten ist. Völlig unausgegoren war nur das Demokratiekonzept, das zur Anwendung kam.

Die Allgemeinheit kann man über allgemeine Belange abstimmen lassen. Für spezielle Fragen ist Mitbestimmung nur sinnvoll, wenn eine begrenzte qualifizierte Gruppe angesprochen wird. Zum Beispiel durch eine Befragung im Rahmen der laufenden Aufführungen, wo man Publikum erreicht, das nicht nur Spott und Eigeninteressen im Sinn hat.

Doch was geschieht jetzt mit dem Versprechen, die drei Sieger dieser absurden Marktforschung (plus eines weiteren frei wählbaren Stücks aus der Gesamtliste) tatsächlich nächste Saison im Großen Haus aufzuführen? Da der Reinfall sich mit den ersten Zwischenständen Ende November bereits abzeichnete, öffneten sich Hintertürchen zu dieser "Garantie" schneller als im Adventskalender.

Ob man die Sieger spielen werde, so Joachim Lux auf Nachfrage, hänge von vielen Faktoren ab: Regisseur und Schauspieler müssten sich bereitfinden, das Stück zu bearbeiten, Verhandlungen über Rechte seien erst einmal abzuwarten, der wirtschaftliche Erfolg dürfe nicht im Zweifel stehen, und überhaupt bliebe es der Kunstfreiheit des Theaters überlassen, wie man mit dem Ergebnis umginge. Um es genau in der brüskierenden Weise zu sagen, die damit gemeint ist: Keines dieser Stücke wird im nächsten Spielplan des Thalia Theaters als Hauptpremiere im Großen Haus auftauchen.

Das ist ein wenig so wie mit dem Grabspruch, der dem Motto dieser Spielplanwahl, "Sie machen Vorschläge, wir nehmen sie an", Pate stand. Bertolt Brecht wünschte sich in seiner grenzenlosen Bescheidenheit einen Grabstein mit dem Satz: "Er hat Vorschläge gemacht. Wir haben sie angenommen." Doch das war seinen Erben dann doch zu peinlich. Und genau das wäre die Umsetzung dieses "Wählervotums" auch. Auf dem Grabstein dieser Spielplanwahl sollte ehrlicherweise stehen: "Wir haben es vermasselt."

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SZ vom 19.12.2011/rela
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