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Zum Tod von Günter Grass:Politische Jahrzehnte

Während der 1960er Jahre entwickelte sich Grass in Berlin zum aktiven linksliberalen Intellektuellen, der Willy Brandt in mehreren Kampagnen als Redenschreiber und durch eigene Auftritte unterstützte. Seine Erlebnisse während des Bundestagswahlkampfs 1969 hielt er in der - seinen Kindern gewidmeten - Erzählung "Aus dem Tagebuch einer Schnecke" (1972) fest. Er unterstützte die Friedensbewegung und sympathisierte mit dem Prager Frühling, beteiligte sich am Protest gegen die Notstandsgesetze, lehnte radikale Tendenzen der Studentenbewegung ab ("Ich weiß nicht genug vom Vietcong, um ihm den Sieg zu wünschen") und mischte sich immer wieder in politische Kontroversen ein. Jahrzehntelang hielt sich Grass an den von der "Gruppe 47" beschlossenen Boykott der Bild-Zeitung.

Günter Grass und Willy Brandt, 1965

Günter Grass und Willy Brandt, 1965 nach einer SPD-Wahlkampfkundgebung - der Autor war jahrzehntelang auch politisch aktiv.

(Foto: dpa)

In der DDR waren seine Bücher bis in die achtziger Jahre verboten, über die Unterlagen zu seiner Person veröffentlichte der Journalist Kai Schlüter nach der Wende das Buch "Günter Grass im Visier. Die Stasi-Akte". Mitglied der SPD wurde Grass erst 1982 nach dem Aus für die sozialliberale Koalition. Zehn Jahre später verließ er die Partei wieder wegen ihrer Zustimmung zum sogenannten Asylkompromiss, was allerdings keinen völligen Bruch bedeutete. Austritt aus Protest war für Grass nichts Neues: Auch von der katholischen Kirche hatte sich der Autor losgesagt, und zwar 1974 wegen der starren Haltung der Bischöfe in der Abtreibungsfrage.

Zwischen "Ulysses" und "Pascha des Monats"

Günter Grass' literarisches Werk - unverwechselbar durch seine bildgewaltige, oft deftige Sprache und wiederkehrende Motive - umfasst zahlreiche Romane und Erzählungen, aber auch Lyrik und Theaterstücke, wie "Die Plebejer proben den Aufstand" (1966) über den Arbeiteraufstand in der DDR am 17. Juni 1953. Dank zahlloser Übersetzungen beeinflusste sein Stil Autoren aller möglichen Sprachen, darunter Salman Rushdie und John Irving, "als künstlerisches Vorbild und gleichsam als Meister einer Schreibschule des phantastischen Realismus", so Biograf Neuhaus. 1970 hieß es in einer Titelstory des US-Magazins Time, "mit zweiundvierzig Jahren sieht Grass sicherlich nicht wie der Welt oder Deutschlands größter lebender Schriftsteller aus, gleichwohl mag er beides sein". Rushdie nannte Grass in einem Interview 2012 "einen der Literatur-Giganten des 20. Jahrhunderts".

Ebenso ausufernd wie Grass' Ruhm wurden auch seine Themen. Der Roman "Der Butt" (1977) erzählt eine Menschheitsgeschichte seit der Steinzeit und stellt das Verhältnis von Mann und Frau in den Mittelpunkt, wobei es an das Märchen "Vom Fischer und seiner Frau" anknüpft. Fritz Raddatz schrieb in der Zeitschrift Merkur, das Buch sei "die kunstvollste Verzwirnung individuellen Geschehens mit Historie, die kein Roman seit Joyce' 'Ulysses' geleistet hat." Feministinnen warfen Grass aber Sexismus vor, die Zeitschrift Emma ernannte ihn zum "Pascha des Monats".

1986 erschien "Die Rättin", nachdem sich Grass mehrere Monate in Kalkutta aufgehalten hatte; hier thematisierte der Autor die Selbstzerstörung der Menschheit durch ökologische und atomare Katastrophen. Immer wieder meldete sich Grass als politischer Moralist zu Wort. Die Wiedervereinigung etwa kritisierte er vehement, bezeichnete die Westdeutschen als "Kolonialherren" und die Treuhand als "halbkriminelles Unternehmen". Er forderte eine föderalistische Vereinigung, eine Kulturnation, die Zeit bekommen sollte, um zusammenzuwachsen.

In einer Zwangsehe mit dem Kritiker

Auch in seinen späten Romanen beschäftigte er sich besonders mit der deutsch-polnischen Geschichte und Gegenwart. Den deutsch-deutschen Zuständen seit dem Vormärz widmete er sich im großangelegten Panorama "Ein weites Feld" (1995) mit der Hauptfigur Fonty, in Anspielung auf Theodor Fontane. Marcel Reich-Ranicki fand an diesem Roman keinen Gefallen und publizierte einen Totalverriss im Spiegel, auf dessen Cover er demonstrativ das Buch zerrupfte: "Wer in den Mittelpunkt eines Romans einen dummen Menschen stellt, muß damit rechnen, daß dessen Dummheit sich ausbreitet und das Ganze infiziert."

Dies war nur eine Episode im jahrzehntelangen schwierigen Verhältnis zwischen Grass und Reich-Ranicki. Die erste Begegnung mit dem angeblich betrunkenen und wie ein "bulgarischer Handballtrainer" wirkenden Grass in Warschau 1958 schilderte Reich-Ranicki in seiner Autobiografie in denkbar ungünstigem Licht. Es folgte ein lebenslanges Auf und Ab von gemeinsamen Abendessen hin zu zunehmender Schärfe des Kritikers in der Bewertung von Grass' Veröffentlichungen bis zu einer langen Phase, in der der persönliche Kontakt völlig abbrach und die beiden nur noch über die Medien mehr oder weniger scharfe Gemeinheiten austauschten. Grass sprach einmal von einer Zwangsehe, in der es dem Dichter nicht möglich sei, sich scheiden zu lassen.

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