Wohnen Regenbögen in einer Markthalle

"Für mich ist das zukunftsweisend", sagt sie. "In wachsenden Metropolen müssen wir darüber nachdenken, wie wir die Flächen ideal nutzen." Ursprünglich war die Lowline kaum mehr als eine verrückte Idee, Shapiro wollte aus der Idee ein Projekt machen, Realität. "Vielleicht ist das eine typisch weibliche Eigenschaft, dass wir Dinge anpacken und umsetzen", sagt sie.

Robyn Shapiro hat als stellvertretende Projektchefin die Leitung des Lowline Labs übernommen, es ist in einer alten Markthalle in der Lower East Side. Wer eintritt, findet eine Art Gewächshaus, allerdings ohne Glasdach und Fenster. Shapiro kennt alle Pflanzen beim Namen: Sie zeigt auf das Spanische Moos und die dicke Zwiebelknolle. Sie steht am liebsten direkt in der Mitte, wo das Licht so stark hereinfällt, dass man glaubt, man könne es anfassen. "Hier gibt es oft Regenbögen durch die Lichtbrechungen, toll, oder?", sagt Shapiro.

Robyn Shapiro arbeitet an der Idee der Lowline, einer ehemaligen Straßenbahnstrecke, die zu einem unterirdischen Garten wird.

(Foto: Katherine Wolkoff)

Es wachsen Pflanzen, die mit den unterirdischen Lichtbedingungen gut zurechtkommen sollen: darunter Efeu, Sauerampfer, Farne, Moose und eine Feigenart. Gärtnern unter der Erde sei ziemlich revolutionär, sagt sie. Spiegel auf Hausdächern um die Lowline herum lenken das Licht auf Sonnenkollektoren. Spezielle Röhren transportieren es unter die Erde, wo es domförmige Paneele wieder verteilen. Ein Stockwerk unter der Straße, wo zwischen 1908 und 1948 die Straßenbahnen parkten, wird es ab 2020 oder 2021 einen sonnenerleuchteten Park geben - fast so groß wie ein Fußballfeld. Shapiro sagt: "Wir arbeiten daran, die Vergangenheit mit der Zukunft zu verknüpfen und für alle zugänglich zu machen."

"Viele Menschen bleiben außen vor"

Dieses "für alle" ist ein Stichwort, das auch Elizabeth Kennedy umtreibt. Die Landschaftsarchitektin hat die Trägerkonstruktion und die Bewässerungsanlage für den riesigen Dachgarten auf der alten Werft Brooklyn Navy Yard gebaut, auf dem ndustriekomplex wächst nun Biogemüse. Kennedy betrachtet die Veränderungen ihrer Stadt mit gemischten Gefühlen. Ja, das Leben ist besser geworden in New York, sagt sie, ja, die Parks sind ein tolles Aushängeschild für die Stadt. "Aber viele Menschen bleiben außen vor." Neulich besuchte sie einen der unter Burden aufgepeppten Parks, den Transmitter Park in Brooklyn, er ist wunderschön, aber die Besucher waren alle weiß. Vor dem Eingang saß eine Gruppe junger Leute, die nicht weiß waren. "Die gehen nicht in den Park, weil sie sich da fehl am Platz fühlen", sagt sie. "Es ist zu chic für sie."

Elizabeth Kennedy glaubt, dass sie Landschaften mit 
gutem Design demokratischer machen kann, Grünflächen sollen sich besser in die Umgebung einfügen. Sie wollte schon als Teenager Landschaftsgärtnerin werden, sie kommt aus einer Architektenfamilie, hat schon als Kind mit den Eichenmaterialien ihres Vater gearbeitet, aber immer lieber Pflanzen und Flüsse gezeichnet als Mauern und Dächer. Sie hat ihr ganzes Berufsleben den Grünflächen der Großstadt gewidmet, mitgearbeitet an Gefängnisgärten, Krankenhausdächern und der Erhaltung einer historischen Siedlung, in der sich im 19. Jahrhundert die ersten befreiten Sklaven in Brooklyn niederließen.

Elizabeth Kennedy wollte schon als Teenagerin Landschaftsgärtnerin werden und hat ihr ganzes Berufsleben den Grünflächen New Yorks gewidmet.

(Foto: Katherine Wolkoff)

Gerade arbeitet sie an einem Begrünungsprojekt für einen Sozialwohnungsblock in Harlem, einem steilen Hang, der von hohen Häusern umschlossen ist und bislang fast gar nicht genutzt wird. Sie will kleine Terrassen anlegen mit bunten, beweglichen Metalltischen und -stühlen. "Wenn die Leute ihre Umgebung gestalten können, und sei es nur, indem sie einen Stuhl verrücken, fühlen sie sich mehr damit verbunden", sagt sie. Die Forschung zeige, dass niemand die Möbel stehlen würde. "Die Leute wollen das Vertrauen nicht enttäuschen."

New York ist besser geworden, aber auch extrem viel teurer. Der Bauboom unter Burden und Bloomberg hat vor allem Bürogebäude und Luxusapartments gebracht, günstiger Wohnraum fehlt. Susan Rodriguez macht sich viele Gedanken über diese Entwicklung. Sie zählt neben Annabelle Selldorf zu New Yorks berühmtesten Architektinnen, hat sich aber statt auf 
Luxusbauten auf Museen, Schulen und andere öffentliche Einrichtungen spezialisiert. Jeden Morgen fährt sie mit dem 
Citibike zur Arbeit. Aus dem New Yorker Stadtbild sind die blauen Leihräder nicht mehr wegzudenken, es gibt sie seit 2013. Das System hat mehr als 160 000 Jahresabonnenten, Tendenz: steigend. "Ich finde das eine ganz großartige Neuerung. Gut für die Menschen, gut für die Umwelt, gut für alles", sagt sie.

Als Susan Rodriguez 1982 nach New York zog, half sie in 
einer Obdachloseneinrichtung für Familien aus. "Dass ich jetzt die Gelegenheit bekomme, wirklich etwas zu tun und diesen Menschen ein Stück Würde zu geben, ist etwas Besonderes für mich", sagt sie. Die 56-jährige Stararchitektin, ausgezeichnet mit etlichen Preisen, hat vor Kurzem ein Obdachlosenheim fertiggestellt, es sieht aus wie ein Nobelbau, weil die Fassade so interessant ist. Sie hat Struktur, sie spielt mit Form und Licht und ist nicht nur funktional, sondern auch schön - so etwas gibt es sonst selten im Sozialbau. Drinnen gibt es helle, freundliche Mikroapartments, die Menschen leben auf 25 Quadratmetern, aber haben ihr eigenes Reich.

Susan Rodriguez entwirft Gebäude, bei denen die Begegnungen der Menschen im Mittelpunkt stehen.

(Foto: Katherine Wolkoff)

Es gibt eine typisch weibliche Architektur, Stadtplanung und Landschaftsgestaltung

Rodriguez hat von der Form der Klimaanlagen bis zur Position der Türen alles durchdacht. Die Türen zu den Wohnungen hat sie zum Beispiel nicht immer an der gleichen Seite angebracht, sondern in Vierergruppen, so entsteht eine kleine Gemeinschaft, die Leute treffen sich in ihrem Teil des Flurs.

SZ-Korrespondentin Kathrin Werner

Kathrin Werner, geboren 1983, ist Korrespondentin in New York. Sie hat schon als Schülerin für die Hessisch-Niedersächsische Allgemeine ihre Reporter-Begeisterung entdeckt und studierte dann Jura in Hamburg. Danach arbeitete sie bei der Wirtschaftszeitung Financial Times Deutschland, erst als Volontärin, später als Redakteurin für erneuerbare Energien und maritime Themen wie Reeder und Werften und zuletzt als New-York-Korrespondentin. Zur Süddeutschen Zeitung kam sie im Frühsommer 2013. In Amerika kümmert sie sich um allerlei Wirtschaftsthemen: von Amazons Wachstum bis zum Niedergang von Toys'R'Us, von großen Erfindungen bis peinlichen Niederlagen, von Monsanto und Ford bis zu Google und Goldman Sachs. Gerade ist ihr erstes Buch erschienen, es heißt "Liebesglück - wahre Geschichten von der ganz großen Liebe".

Es ist eines von Susan Rodriguez' Lieblingsthemen, sie strahlt und gestikuliert und redet immer schneller, während sie Bilder zeigt. "Mein Design ist inspiriert von den Aktivitäten der Menschen, vom menschlichen Zusammenleben", sagt sie. "Wie wirkt das Gebäude auf die Leute, die darin leben, und auf die Umgebung? Ein neues Haus kann ja eine Nachbarschaft völlig verändern. Die Leute sollen fühlen, dass sich mein Design für sie interessiert."

Abgesehen natürlich von Ausnahmen gebe es doch so etwas wie eine typisch weibliche Architektur, Stadtplanung und Landschaftsgestaltung - und man kann sie überall in New York finden. "Es geht uns weniger darum, die nächste coole Sache zu machen, sondern um den Zweck und den Menschen. Wir bauen keine Monumente für unser Ego", sagt Susan Rodriguez. Sie ist mit Annabelle Selldorf befreundet. "Wir sind eine enge Community", sagt sie. "Es ist ein großes Privileg und eine große Verantwortung, unsere Stadt zu formen. Wir nehmen das sehr ernst."

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