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Was ist deutsch?:Ostdeutsche Rassismusgeschichte

Wie viel Prozent der Menschen haben sich vollständig abgewandt von unserer konsensual organisierten demokratischen Gesellschaft?

Tja, was nehmen Sie als Indikator, um das zu messen? Die Wahlbeteiligung? Dann wäre der Prozentsatz hoch. Wir kennen aber die sehr differenzierten Motive von Leuten, die nicht zur Wahl gehen. Pauschal postdemokratische Repräsentationsdefizite zum Grund zu erklären, greift also zu kurz. Wir haben, wie in anderen europäischen Staaten auch, ein Potenzial der Zustimmungsbereitschaft zu rechtspopulistischen Politikkonzepten, das vielleicht bei 15 oder 20 Prozent liegt. Im Osten ist es höher als im Westen.

Gibt es einen spezifisch ostdeutschen Rassismus?

Es gibt eine spezifische ostdeutsche Geschichte mit Rassismus. Und es gibt in Ostdeutschland weitreichende Vorstellungen nicht nur von sozialer Homogenität im Sinne von sozialer Gleichheit, sondern auch solche, die auf kulturelle, lebensweltliche Homogenität der Lebensart zielen.

Was hat es mit der ostdeutschen Rassismusgeschichte auf sich?

Die Geschichte der migrantischen Vertragsarbeiter in der DDR ist die Geschichte gesellschaftlicher Exklusion. Die lebten isoliert, mit Verboten belegt, und ohne echte Partizipation am Alltag in der DDR. Als die DDR unterging und der Kampf um die restlichen Arbeitsplätze begann, wurde Kubanern und Vietnamesen sofort gekündigt. Es gibt im Osten nur Inseln der Interkultur. Aber es gibt Narrative und Gerüchte und Medienberichte über die "multikriminellen" Zustände in westdeutschen Großstädten. Das Gerücht, in Berlin werde es auf Druck der Muslime keine Weihnachtsmärkte mehr geben, ist in seiner Wirkungsmacht für die Mobilisierung von Ressentiments nicht zu unterschätzen.

SPD-Chef Sigmar Gabriel sagte zu Beginn dieses Jahres noch, man müsse mit den Pegida-Demonstranten reden. Gebracht hat das wenig. Lassen sich diese Nicht-Integrierten überhaupt zurückgewinnen für das demokratische Projekt , oder haben sie alle Brücken abgebrochen?

Anders. Das Gesprächsangebot der Politik an das Pegida-Umfeld hätte die Ansage einschließen müssen, welche Werte und Inhalte nicht verhandelbar sind. Für mich wäre das beispielsweise ganz klar der menschenrechtliche Universalismus. Stattdessen aber schwankten Politiker zwischen Affirmation und moralischer Diskreditierung. In die konkrete Debatte haben sich nach meiner Wahrnehmung nur wenige begeben. Dass Pegida christliche Werte in einem Landstrich anruft, in dem ganze Generationen vergessen haben, dass sie Gott vergessen haben, also nicht einmal mehr bewusst atheistisch sind, ist paradox. Nirgendwo ist Europa so entchristianisiert wie in Ostdeutschland.

Der Philosoph Peter Sloterdijk schrieb vor einigen Jahren, die Alten würden auf ein Zornkonto einzahlen, von dem die Jungen dann in Form ihrer Gewalttaten abheben. Gibt es diese von Generation zu Generation weitergereichte Frustrations- und Aggressionskette immer noch?

Es gibt in Ostdeutschland die Erfahrung der gesellschaftlichen Transformationsphase, in der viele Konflikte im Angesicht des Versagens von Eltern, Schule, Staat und Jugendarbeit mit Gewalt gelöst wurden. Es gab rassistische Massengewalt in den Neunzigerjahren im Osten. In Heidenau oder Freital könnte man die Spuren der Generation Hoyerswerda lesen, wenn man wollte.

Dann wäre die Flüchtlingsdebatte nur eine Art mentaler Treibsatz?

Die Flüchtlinge werden zur Projektionsfläche des Krisenbewusstseins. Dessen Kern liegt darin, dass der Kapitalismus nach der Wende das Versprechen gab: Wenn du fleißig und tüchtig bist, kannst du es schaffen. Die Wahrheit ist: Es gibt auch im Falle von Fleiß und Tugendhaftigkeit keine Garantie mehr auf Wohlergehen.

Was hat sich von all dem nach den Anschlägen in Paris geändert?

"Paris" bestärkt den antimuslimischen Rassismus und hat also einen Rückkopplungseffekt in der politischen Rechten.

Wie oft werden Sie selbst bedroht?

Manchmal.

© SZ vom 24.11.2015/doer
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