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Kino und Streaming:Ist das Ende nah?

Kino Filme Streaming Dune

Ein Warner-Film, der 2021 im Kino und vor der Couch laufen soll: "Dune" mit Sharon Duncan-Brewster.

(Foto: Chiabella James/Warner)

Hollywood-Gigant Warner will all seine neuen Filme 2021 in den USA zeitgleich zum Kinostart im Streaming anbieten. Was das für die Leinwand bedeutet.

Von Tobias Kniebe

Mitte November war es noch eine große Nachricht, dass "Wonder Woman 1984" in den USA erstmals in der Geschichte Hollywoods zeitgleich im Kino und als Stream auf der hauseigenen Plattform HBO Max starten soll. Jetzt verkündet Warner: Alle Filme, die das Studio für 2021 plant, werden nach diesem Modell starten - einen Vorsprung der großen Leinwand gibt es nicht mehr.

Das klingt wie die Apokalypse, der Anfang vom Ende einer kollektiven, sehr speziellen Erfahrung, die in dunklen Zelten auf Jahrmärkten begann und einmal das Kino genannt wurde. Man muss sich das kurz vor Augen führen: "Matrix 4", "Dune", "Godzilla vs. Kong", "The Suicide Squad", "Mortal Kombat", "Tom & Jerry", "Conjuring 3 - Im Banne des Teufels" - die Amerikaner (vom Rest der Welt weiß man noch nichts) sollen all diese doch hoffentlich bildgewaltigen Werke zeitgleich auf der großen Leinwand und vor dem heimischen Fernseher konsumieren können. Die Macht des Coronavirus scheint damit nun endgültig die ehernen Gesetze des Kinos zerstört zu haben.

"Dies ist der Weg, um der Gemeinschaft der Filmtheater das Wichtigste zu geben, was wir ihnen liefern können - einen stetigen Strom neuer und frischer Filme, auf die Kinobesitzer und Zuschauer sich verlassen können", sagt der Chief Executive Officer von Warner Media, Jason Kilar. "Der Grund dafür ist natürlich die Pandemie." Das kling zunächst wie Hohn. Und es weckt den Verdacht, die Pandemie werde vor allem als Vorwand und Ausrede benutzt, um eine große Tradition zu zerstören: das bewährte Modell der stufenweisen Auswertung von filmischer Kreativität.

Auf jeden Fall sahen es die Börsen so: Die Cinemark-Kinos verloren fast 22 Prozent ihres Werts, AMC, die größte und finanziell am stärksten angeschlagene Kette, büßte 16 Prozent ein. Analysten spekulieren, dass andere Studios wie Disney, wo nächste Woche eine Strategieverkündung ansteht, mit der Strategie nachziehen könnten. Wohin steuern die großen Medienkonzerne die Filmbranche?

Auf der Suche nach einer Antwort lohnt ein Blick darauf, was mit den Filmtheatern seit März passiert. Egal wohin man schaut auf der Welt: Mal sind sie geöffnet, dann steigen drumherum die Fallzahlen - und sie sind ganz schnell wieder zu. Vor allem sind sie nie überall in ausreichender Zahl geöffnet, um einen sehr teuren Blockbuster wie etwa den neuen James-Bond-Film "Keine Zeit zu sterben" mit Aussicht auf Erfolg zu starten.

So kam es, dass millionenschwere Werbekampagnen immer wieder anliefen - nur um dann völlig wirkungslos zu verpuffen, wenn die nächste Verschiebung verkündet wurde. Bei Warner geht man offenbar davon aus, dass sich dieses Dilemma auch durch das ganze Jahr 2021 hindurch fortsetzen wird. Diese Vermutung ist plausibel.

Es wäre doch sehr verfrüht, Warner zum Totengräber des Kinos zu erklären

Was aber, wenn man in dieser Situation alles tun will, um endlich wieder Stabilität in den Zeitplan zu bringen und die Werbemillionen nicht zu vergeuden? Wenn man will, dass alle Kinos, die gerade geöffnet haben dürfen, auch spannende Filme spielen können - während in Gegenden, wo sie geschlossen sind, die Zuschauer eine andere, sichere Option haben, den aufwendig beworbenen Film auch zu sehen? Dann landet man ziemlich exakt bei dem Modell, das Warner jetzt angekündigt hat.

So gesehen wäre es doch sehr verfrüht, das Studio zum Totengräber des Kinos zu erklären. "Ich glaube absolut an den Kinomarkt", hat Warner-CEO Jason Kilar gesagt, als er seine dramatischen Pläne erklärte. "Ich zähle mich zu den Menschen, die für die Filmtheater-Erfahrung eher stärker brennen." Dass dies womöglich keine reinen Lippenbekenntnisse sind, zeigt sein Umgang mit dem Warner-Hausregisseur Christopher Nolan, der von allen Regisseuren vielleicht der wortgewaltigste Advokat großer Leinwände (am besten in Imax-Dimension) und traditioneller Filmtechniken ist.

Nolan war nach dem Ausbruch der Pandemie entschlossen, mit seinen Blockbuster "Tenet" der Filmemacher zu sein, der das große Leinwandspektakel in die wiedereröffneten Kinos zurückbringt. Und Warner hat ihn auf diesem Weg unterstützt, hat den Film Ende August aufwendig ins Kino gebracht, als alle anderen Studios mit ihren teuren Spektakeln noch zaghaft in Wartestellung verharrten. Dass dieser Schritt dann doch nicht die Rückkehr zur Normalität war, sondern nur ein kurzes Luftholen vor den nächsten Schließungen - mit dieser Realität müssen jetzt alle umgehen.

Natürlich wird die Plattform HBO-Max, deren Start in Europa und im Rest der Welt vorbereitet wird, von dem exklusiven Zugriff auf topaktuelle Warner-Filme profitieren - im zunehmend erbitterten Konkurrenzkampf mit Netflix, Disney+ und möglicherweise bald weiteren großen Playern im Streamingmarkt. Eine sehr plausible Theorie in der Branche besagt aber, dass große Blockbuster wie Disneys "Mulan", die als Streaming-Events lanciert werden, das Wachstum solcher Plattformen weit weniger stark befeuern als Hitserien, die eine engere und langfristigere Bindung an einen Service bedeuten.

Warners Ankündigung ist deshalb nicht als Riesenschritt in eine Zukunft ohne Kino zu deuten, sondern als eine sehr spezielle Antwort auf das Kinojahr 2021. Das wird ziemlich verrückt werden, ganz egal was passiert. Sollte das große Auf-und-zu-Spiel weitergehen, schafft die Streamingoption Stabilität. Sollte die Welt aber bald immun sein und das Leben mit Wucht wieder losgehen, drängen plötzlich sämtliche Filme auf die Leinwände, die jetzt so lange zurückgehalten wurden - vom Blockbuster bis zum Filmkunstwerk. In diesem Hauen und Stechen um Aufmerksamkeit und Zuschauer wird es dann herbe Verluste geben - und teure Produktionen, die ihr Geld nicht wieder einspielen können. Für diesen Fall eine Streaming-Plattform in der Hinterhand zu haben - auch das ist sicher Teil von Warners Strategie.

© SZ/khil
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