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Urheberrecht:Beverly Hills Cop

Kreativer Einsatz des Urheberrechts als Waffe: Das Beverly Hills Police Department.

(Foto: VALERIE MACON/AFP)

Wie amerikanische Polizisten das Urheberrecht mit Popsongs zur Waffe machen.

Von Andrian Kreye

Sergeant Billy Fair von der Polizei in Beverly Hills hatte neulich eine lustige Idee. Als der Multimedia-Aktivist Sennett Devermont aufs Revier kam, spielte der Sergeant einfach Musik. Devermont filmt im Großraum Los Angeles unter dem Pseudonym "mrcheckpoint" ständig und dauernd die dort latent gewaltbereite Polizei und streamt das auf seinem Instagram-Konto an seine über dreihunderttausend Follower. Der Sergeant spielte "Santeria" von Sublime. Für einen Polizeibeamten war das eine eigenartige Auswahl, weil die Band in den Neunzigerjahren vor allem bei Kiffern beliebt war. Aber darum ging es gar nicht. Fair wollte mit dem Song den Algorithmus, der auf Instagram nach Urheberrechtsverletzungen sucht, dazu bringen, Devermonts Stream abzuschalten.

So gesehen könnte man damit allerlei Unfug anstellen. Man könnte sich zum Beispiel mit großen Andy-Warhol-Bildern hinter Reichsbürger-Demos aufstellen. Und zack, wäre Schluss mit der Berichterstattung. Die Warhol Foundation ist sozusagen der Pitbull unter den Urheberrechtsbewahrern und ahndet Verstöße gegen die Abbildung seiner Werke in aller Welt mit saftigen Geldstrafen. Das können sich Zeitungen und Fernsehsender kaum leisten.

Das Thema ist natürlich nicht nur lustig. Die Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation meldete, das sei in den USA inzwischen eine beliebte Taktik der Polizei. Das Urheberrecht als Waffe gibt es auch schon länger. Die Church of Scientology macht damit seit Jahren Kritiker mundtot. Der einstige Präsident von Ecuador, Rafael Correa, ging im großen Stil mit einstweiligen Verfügungen gegen Online-Kritiker vor. Auch in Nicaragua, Nigeria und Tansania wurde das Urheberrecht schon zum Instrument der Repression.

Nun könnte man sich im Fall Devermont fragen, ob eine Stonerband, die es seit 25 Jahren nicht mehr gibt, wohl noch ihre Urheberrechte einklagen würde. Noch dazu von einem Aktivisten, den sie wahrscheinlich sehr viel sympathischer fände, als einen durchtriebenen Beverly Hills Cop. Aber so differenziert überlegt der Algorithmus ja nicht. Der macht einfach zu. Um ganz sicherzugehen, verjagte ein anderer Polizeibeamter Sennett Devermont mit "In My Life" von den Beatles. Und die sind bekanntlich noch härtere Urheberrechtsfundamentalisten als die Warhol Foundation.

© SZ/mau
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