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Umgang mit Westerwelles Krebserkrankung:Die Anteilnahme kommt als katapultöse Riesenbuße

Es ist nun in zigtausenden Zeitungskommentaren, Blogs und Tweets am Montag fast ausschließlich dies hier zu lesen: Hätte nicht gedacht, dass mich ausgerechnet dieser Mann noch mal so bewegt. Heißt, um es beim Namen zu nennen: Habe den immer für ein Arschloch gehalten, aber jetzt, Hut ab! Die, die Westerwelle zwar keinesfalls den Tod wünschen, ihn aber immer noch für einen mindestens ex-gefährlichen Neocon halten, schweigen (bis auf die üblichen paar Irren) betreten - und diese tragikomische Pietas ist ja fast noch durchsichtiger und jedenfalls weniger ehrlich als Westerwelles Wunsch, sein Buch zu verkaufen: Bisher hat man noch von keinem Autor gehört, sei er Großjournalist oder Knallcharge (oder beides), der sich gewünscht hätte, sein Buch möge ein möglichst historischer Flop werden.

Die Anteilnahme nun kommt einem vor wie eine katapultöse Riesenbuße; und da Guido Westerwelle zwar manch PR-Inszenierung aus frühen Tagen bereut, aber nicht mit einem einzigen Wort seine lange ach so furchterregende Politik, erscheint diese Buße auch als Zeichen einer Gesellschaft, der ihre eigene Mitte abhanden gekommen ist: diese Mitte wäre nötiger denn je zur Rezeption von Möglichkeiten jenseits des personal interest an der einen Visage oder der anderen Visage, stattdessen wäre es eine Mitte im Sinne Karl Poppers, eine Mitte, die Politik als trial and error versteht. Es gibt stattdessen nur noch ganz doll oder gar nicht.

Politiker wissen, worauf sie sich einlassen

Man musste aber noch nie, um im Klischee zu bleiben, ein Freund von Kaschmirpullovern oder Golfspieler sein, um sich zu wundern, mit welch chronischem Spott und mitunter Hass Westerwelle und seine Kleinpartei dauerbegleitet wurden von Menschen und Medien, immer wieder auch von diesem Medium hier.

Das hat sich über die Jahre hochgeschaukelt, und so changierte der leicht reizbare Westerwelle immer noch stärker ins Krähende und Geckenhafte, desto dröhnender die bräsige, kabarettistische, selbstgefällige Gegenseite den Teppich aus Spott auslegte. In dieser Hinsicht nun muss man mit Westerwelle nicht oder nicht zu viel Mitleid haben, denn Politiker wissen, worauf sie sich einlassen. Und nein, deshalb hat er nicht Leukämie bekommen. Aber Mitleid hat eine Gesellschaft verdient, die das, was mal Politik war, in einen notorischen Marktplatz verwandelt in einem technisch brillant durchorganisierten Mittelalter aus Stimmungen, Scheiterhaufen und lächerlichen breaking news.

Westerwelle kehrt nun zu uns nicht als Politiker zurück, sondern als Opfer. Als solches erfährt er ein derart warmes Willkommen, dass ein Grönemeyerkonzert dagegen anmuten muss wie irgendwas aus der Tiefkühltruhe. Kann es etwa sein, dass er und seine FDP doch keine Versammlung von Antichristen sind, die Hartz-IV-Empfänger waterboarden und Zahnärzte heiligsprechen? Ist das Programm dieser Schnösel möglicherweise in einigen entscheidenden Punkten identisch mit dem der amerikanischen Demokraten, deren Präsidentschaftskandidat, bevor er sich bedauerlicherweise in hiesige Telefonleitungen reinwählte, in Berlin einst von teils weinenden Menschen umjubelt wurde wie der wiedergeborene Marvin Gaye? Ist die FDP stattdessen für die Todesstrafe, für die Abschaffung der Natur, für Sex mit Tieren? Dies alles ist leider nicht entscheidend.

Das Opfer ist erbracht

Entscheidend ist: dass Guido Westerwelle in dieser Gesellschaft Krebs kriegen musste, um wieder von ihr aufgenommen zu werden. Das Opfer ist erbracht. Dass er es, nach alter Art, freiwillig in aller Öffentlichkeit erbringt, sollte uns nicht weniger nachdenklich stimmen. Vielleicht sogar im Gegenteil. Der Preis für den besten Tweet in dieser Sache geht an die ehemalige Familienministerin Kristina Schröder: "Viele, die #Westerwelle bei #Jauch kommentieren, betonen, dass sie ihn ,nie mochten'. . . . Ich mochte ihn schon immer."

Zum Abschluss noch ein paar abwegige Gedanken: Lothar Matthäus sagt statt Guardiola "Kurdiola" und hat offenbar ein komisches Ding mit jungen Frauen - aber es gibt nur ganz wenige Menschen in Deutschland, die so viel Ahnung haben von Fußball wie er. Thomas de Maizière ist ein Politiker mit Fehlern - aber es ist der reine Schmutz, wenn Reporter von Bild dem rekonvaleszenten Mann im Kurzurlaub auf Mallorca auflauern, um ihn am nächsten Tag zur Schau zu stellen. Uli Hoeneß hat seine Strafe akzeptiert, er hat das Geld zurückbezahlt und ist ins Gefängnis gegangen - es ist für ihn wie für andere Häftlinge ein sehr, sehr gutes Recht, einen Antrag auf Halbstrafe zu stellen. Das alles ist ganz einfach. Warum ist es dann so schwer?

Juan Carlos Onetti schreibt in seinem Roman Leichensammler, der wie alle Weltliteratur aus allen Jahren und von überall erzählt: "Denn wir unterscheiden uns nur durch den Typus der selbstgewählten oder uns aufgezwungenen Selbstverneinung. Ein kleines, lächerliches Land, . . . , in dem jeder an seine Rolle glaubt und sie ohne Anmut spielt."

Kriegt euch bloß ein. Bald. Denn der Feind der offenen Gesellschaft marschiert wieder. Aber woanders.

© SZ vom 10.11.2015/jobr

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