Süddeutsche Zeitung

Umgang mit Westerwelles Krebserkrankung:Alles Gute, Mensch

Was es über unsere Gesellschaft aussagt, dass ein kranker Ex-Politiker - der mal ziemlich unbeliebt war - die Deutschen weich macht.

Von Alexander Gorkow

Am Freitag auf der Titelseite der Bild, am Samstag auf der Titelseite des Spiegel, am Sonntag in der ARD bei Günther Jauch: Schon der Politiker Guido Westerwelle hat sich oft in und gemeinsam mit der Öffentlichkeit verhandelt. Auch den Ex-Politiker Guido Westerwelle, auf dem Weg der Besserung nach der Krebsdiagnose vor knapp zwei Jahren, gibt es jetzt, im Herbst 2015, öffentlich. Der Anlass einer Buchveröffentlichung mag all jenen als durchsichtig erscheinen, die eine so persönliche Katastrophe anders verhandeln oder verhandeln würden als Westerwelle: stiller, mit Freunden und Lieben, und zwar auch nach relativer Genesung.

Aber die Welt ist glücklicherweise bunt, also gehören zu ihr auch Menschen mit großem Mitteilungsbedürfnis, seien sie Zeitungsautoren in der SZ, shoppende Millionenerbinnen auf Vox oder von der Todesahnung gezeichnete Prominente wie Westerwelle, die ein Buch herausgeben. Es geht eben so und so.

Der Tod ist nicht verhandelbar

Wolfgang Herrndorf hat unter anderem aus seinem Gehirntumor große Literatur gemacht; der Liedermacher und Todesspezialist Ludwig Hirsch ist nach seiner Krebsdiagnose noch in der Klinik aus dem Fenster gesprungen; und der übrigens wunderbare Vater des Autors dieser Zeilen verbat sich im Sterben zu viel Mitgefühl und war so renitent, dass er neben anderen auch Margot Käßmann beschimpfte, die oben an der Zimmerdecke des Krankenzimmers stumm geschaltet in einer TV-Show zu sehen war: "Tückisches Frauenzimmer! Aus!"

Noch mal: Es geht eben so oder so. Nur der Tod ist nicht verhandelbar, das wusste der Vater seit seinen Tagen als 18-Jähriger in Russland, das wusste der junge Herrndorf, der sich die Kugel gab, das weiß Westerwelle, dessen Bekenntnis carpe diem jetzt nur den Menschen banal vorkommt, die wirklich nicht mehr in der Lage sind, zu staunen - ja, wie schön doch tatsächlich das Meer ist und das Licht und die Bäume, und dieses Leben ist ein Wunder. Wenn das in einem Buch steht von einem, der erst wieder lernen musste zu sehen (und wie viele von uns müssten es dringend wieder lernen), so kann man jetzt schon klar sagen: Es gibt diesen Herbst bedeutend bescheuertere Neuerscheinungen als diese, und zwar viele.

Dass die Fotos Westerwelles auf Bild und Spiegel, gewollt oder ungewollt, als quasireligiöse Opfer-Ikonografie aufploppen, kommt einem dann aber am Montag nach der Jauch-Sendung doch ziemlich interessant vor. Das war als Personalitytalk, was das Spiegel-Interview auch ist: bewegend. Politisch war die Sendung bedeutungslos, da man nichts bis wenig erfuhr über die Gebaren der Pharmaindustrie, über richtige, falsche oder gar keine Therapien, über deutsche und also schlechte Gesundheitspolitik grundsätzlich. Dass man von der ARD und dem immer herrlicher melancholisch werdenden Jauch da nicht (mehr) zu viel erwartet: geschenkt.

Man reibt sich die Augen

Interessant ist am Tag danach etwas anderes - nämlich die grenzenlose, tatsächlich ausufernde Anteilnahme, die dem grell ausgeleuchteten Opfer Westerwelle widerfährt. Man reibt sich die Augen. Diese Anteilnahme gönnt man dem Mann erstens von Herzen. Zweitens muss sie immerhin die paar Leute verstören, die den politisch noch aktiven Westerwelle zwar mitunter nervtötend und sich selbst grell ausleuchtend, aber grundsätzlich auch immer wieder interessant fanden, in dem Sinne nur zum Beispiel, dass er ein brillanter Redner war in einem Parlament, in dem man mit Plattitüden auch mal so vollgedröhnt wird, dass man beim Zuhören ohnmächtig von der Tribüne fallen möchte.

Die Anteilnahme kommt als katapultöse Riesenbuße

Es ist nun in zigtausenden Zeitungskommentaren, Blogs und Tweets am Montag fast ausschließlich dies hier zu lesen: Hätte nicht gedacht, dass mich ausgerechnet dieser Mann noch mal so bewegt. Heißt, um es beim Namen zu nennen: Habe den immer für ein Arschloch gehalten, aber jetzt, Hut ab! Die, die Westerwelle zwar keinesfalls den Tod wünschen, ihn aber immer noch für einen mindestens ex-gefährlichen Neocon halten, schweigen (bis auf die üblichen paar Irren) betreten - und diese tragikomische Pietas ist ja fast noch durchsichtiger und jedenfalls weniger ehrlich als Westerwelles Wunsch, sein Buch zu verkaufen: Bisher hat man noch von keinem Autor gehört, sei er Großjournalist oder Knallcharge (oder beides), der sich gewünscht hätte, sein Buch möge ein möglichst historischer Flop werden.

Die Anteilnahme nun kommt einem vor wie eine katapultöse Riesenbuße; und da Guido Westerwelle zwar manch PR-Inszenierung aus frühen Tagen bereut, aber nicht mit einem einzigen Wort seine lange ach so furchterregende Politik, erscheint diese Buße auch als Zeichen einer Gesellschaft, der ihre eigene Mitte abhanden gekommen ist: diese Mitte wäre nötiger denn je zur Rezeption von Möglichkeiten jenseits des personal interest an der einen Visage oder der anderen Visage, stattdessen wäre es eine Mitte im Sinne Karl Poppers, eine Mitte, die Politik als trial and error versteht. Es gibt stattdessen nur noch ganz doll oder gar nicht.

Politiker wissen, worauf sie sich einlassen

Man musste aber noch nie, um im Klischee zu bleiben, ein Freund von Kaschmirpullovern oder Golfspieler sein, um sich zu wundern, mit welch chronischem Spott und mitunter Hass Westerwelle und seine Kleinpartei dauerbegleitet wurden von Menschen und Medien, immer wieder auch von diesem Medium hier.

Das hat sich über die Jahre hochgeschaukelt, und so changierte der leicht reizbare Westerwelle immer noch stärker ins Krähende und Geckenhafte, desto dröhnender die bräsige, kabarettistische, selbstgefällige Gegenseite den Teppich aus Spott auslegte. In dieser Hinsicht nun muss man mit Westerwelle nicht oder nicht zu viel Mitleid haben, denn Politiker wissen, worauf sie sich einlassen. Und nein, deshalb hat er nicht Leukämie bekommen. Aber Mitleid hat eine Gesellschaft verdient, die das, was mal Politik war, in einen notorischen Marktplatz verwandelt in einem technisch brillant durchorganisierten Mittelalter aus Stimmungen, Scheiterhaufen und lächerlichen breaking news.

Westerwelle kehrt nun zu uns nicht als Politiker zurück, sondern als Opfer. Als solches erfährt er ein derart warmes Willkommen, dass ein Grönemeyerkonzert dagegen anmuten muss wie irgendwas aus der Tiefkühltruhe. Kann es etwa sein, dass er und seine FDP doch keine Versammlung von Antichristen sind, die Hartz-IV-Empfänger waterboarden und Zahnärzte heiligsprechen? Ist das Programm dieser Schnösel möglicherweise in einigen entscheidenden Punkten identisch mit dem der amerikanischen Demokraten, deren Präsidentschaftskandidat, bevor er sich bedauerlicherweise in hiesige Telefonleitungen reinwählte, in Berlin einst von teils weinenden Menschen umjubelt wurde wie der wiedergeborene Marvin Gaye? Ist die FDP stattdessen für die Todesstrafe, für die Abschaffung der Natur, für Sex mit Tieren? Dies alles ist leider nicht entscheidend.

Das Opfer ist erbracht

Entscheidend ist: dass Guido Westerwelle in dieser Gesellschaft Krebs kriegen musste, um wieder von ihr aufgenommen zu werden. Das Opfer ist erbracht. Dass er es, nach alter Art, freiwillig in aller Öffentlichkeit erbringt, sollte uns nicht weniger nachdenklich stimmen. Vielleicht sogar im Gegenteil. Der Preis für den besten Tweet in dieser Sache geht an die ehemalige Familienministerin Kristina Schröder: "Viele, die #Westerwelle bei #Jauch kommentieren, betonen, dass sie ihn ,nie mochten'. . . . Ich mochte ihn schon immer."

Zum Abschluss noch ein paar abwegige Gedanken: Lothar Matthäus sagt statt Guardiola "Kurdiola" und hat offenbar ein komisches Ding mit jungen Frauen - aber es gibt nur ganz wenige Menschen in Deutschland, die so viel Ahnung haben von Fußball wie er. Thomas de Maizière ist ein Politiker mit Fehlern - aber es ist der reine Schmutz, wenn Reporter von Bild dem rekonvaleszenten Mann im Kurzurlaub auf Mallorca auflauern, um ihn am nächsten Tag zur Schau zu stellen. Uli Hoeneß hat seine Strafe akzeptiert, er hat das Geld zurückbezahlt und ist ins Gefängnis gegangen - es ist für ihn wie für andere Häftlinge ein sehr, sehr gutes Recht, einen Antrag auf Halbstrafe zu stellen. Das alles ist ganz einfach. Warum ist es dann so schwer?

Juan Carlos Onetti schreibt in seinem Roman Leichensammler, der wie alle Weltliteratur aus allen Jahren und von überall erzählt: "Denn wir unterscheiden uns nur durch den Typus der selbstgewählten oder uns aufgezwungenen Selbstverneinung. Ein kleines, lächerliches Land, . . . , in dem jeder an seine Rolle glaubt und sie ohne Anmut spielt."

Kriegt euch bloß ein. Bald. Denn der Feind der offenen Gesellschaft marschiert wieder. Aber woanders.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2729103
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 10.11.2015/jobr
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.