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Trailer-Premiere "Blau ist eine warme Farbe":Erst der Überschwang, dann die Wahrheit

Adèle kann sich allerdings nicht in der gleichen Weise revanchieren, obwohl Emma von den Eltern Adéles ebenfallls zum Essen empfangen wird: Nicht nur ist in deren proletarischerer Familie die Mahlzeit wesentlich einfacher (Spaghetti Bolognese statt Austern), auch die Liebschaft wird aus Rücksicht auf die konservative Lebenseinstellung von Adèles Eltern nicht offenbart.

Mit dieser Rücksichtnahme darf das Publikum allerdings nicht rechnen. Kechiches Interesse für die Nuancen menschlicher Interaktion macht auch vor der körperlichen Liebe nicht Halt: Exarchopoulos und Seydoux spielen eine siebenminütige Sexszene, die den Sex in legendären Filmen wie "Der letzte Tango in Paris" oder "Wenn die Gondeln Trauer tragen" bieder und überholt erscheinen lässt. Die zwei Schauspielerinnen demonstrieren jede denkbare Position lesbischer Liebe mit großer Emphase - die Grenzen zwischen simulierter und echter Fleischeslust scheinen zu verschwimmen.

Diese Szenen dürften dazu beigetragen haben, dass Exarchopoulos und Seydoux in Abwandlung der Regeln des Filmfestivals von Cannes neben Kechiche mit der "Goldenen Palme" ausgezeichnet wurden. Üblicherweise bekommen an der Croisette nur die Regisseure den Hauptpreis zuerkannt, doch die Jury unter Steven Spielberg machte in diesem Jahr ausdrücklich eine Ausnahme und verlieh den Preis auch an die zwei Hauptdarstellerinnen.

Verbunden über den Sex

Sex sells sagte mancher Kritiker danach, doch auf Grund der schauspielerischen Leistung war die Entscheidung nachvollziehbar. Die zwei Akteurinnen führen vor, dass Sex und Liebe im besten Fall ein und dasselbe sein können, dass sich zwei Menschen miteinander verbinden vermögen, auch wenn sie in Wahrheit weniger gemein haben als sie selbst vielleicht glauben.

Um diese Differenzen geht es im zweiten Kapitel des Films, das der Titel im französischen Original ("Das Leben der Adèle, Kapitel 1 & 2") ankündigt. Es setzt ein, nachdem die zwei Frauen zusammengezogen sind und Adèle als Kindergärtnerin arbeitet, während Emma ihre Karriere als Künstlerin vorantreibt. Waren die Klassenunterschiede zwischen den zwei Liebenden bislang nur angedeutet, so arbeitet Kechiche die unterschiedlichen Persönlichkeitsstrukturen und die Diskrepanzen der sozialen Herkunft nun deutlicher heraus.

Dominierte vorher der Überschwang, so ist es nun die profane bekannte Geschichte von all den Paaren, egal welcher sexuellen Orientierung, die trotz allen Bemühens und des nach wie vor großartigen Sex an ihren immanenten Gegensätzen scheitern.

Doch auch nachdem es zum Bruch kommt, bleibt Kechiche an der Geschichte dran. Dieser Film fühlt sich auch nach drei Stunden so an, als ob er ewig weitergehen könnte. Fast so also wie im echten Leben.

Ab 19. Dezember im Kino: "Blau ist eine warme Farbe", Frankreich, Belgien, Spanien, 2013 - Regie: Abdellatif Kechiche. Buch: Abdellatif Kechiche, Ghalia Lacroix, Julie Maroh. Kamera: Sofian El Fani. Mit: Adèle Exarchopoulos, Léa Seydoux, Alma Jodorowsky, Jérémie Laheurte. Alamode Filmverleih, 179 Minuten.

© Süddeutsche.de/cag/ihe
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