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"Toni Erdmann" in der SZ-Cinemathek:Eine gut gemachte Komödie kann Gradmesser gesellschaftlicher Untiefen sein

Das liegt zunächst einmal am Genre: Die Geschichte vom einsamen Musiklehrer Winfried (Peter Simonischek), der eine fast schon obsessive Leidenschaft für Scherzartikel hat und die erkaltete Beziehung zu seiner biederen Business-Tochter (Sandra Hüller) mit falschen Zähnen und Furzkissen verbessern will, ist eine astreine Komödie. Komödien sind auf Filmfestivals meist eine seltene Minderheit, weil sich dort vor allem die großen Problemfilme mit gesamtgesellschaftlichem Anspruch tummeln. Und das, obwohl gerade die Komödie, wenn sie denn gut gemacht ist, ein sehr präziser Gradmesser gesellschaftlicher Untiefen sein kann.

Leider geht das oft schief, weil viele Filmkomödien sich mit bloßen Geschlechterklischees und deren Verdrehungen als Witzereservoir begnügen. Da wird es dann als Scherz verkauft, wenn Frauen Bier und Männer Sekt trinken, was aber lediglich beweist, dass die jeweiligen Filmemacher keine Ahnung von Humor, Kino, Frauen, Männern, Bier und Sekt haben.

Die Regisseurin und Autorin Maren Ade schließt in ihrem "Toni Erdmann" die schlimmsten Komödienklischees aber schon allein durch die Figurenkonstellation aus: Eine Vater-Tochter-Geschichte ist im Gegensatz zu den ewigen Jungs-Mädchen-Verflechtungen und ödipalen Mama-Entgleisungen, an denen es im Kino nicht mangelt, eine schöne Abwechslung.

Keine Menschenschablonen wie in der Marmeladenwerbung

Zudem speist sich der Charakter ihrer beiden Protagonisten zum Glück auch nicht aus Menschenschablonen wie in der Marmeladenwerbung, von der sich leider viele Drehbuchautoren inspirieren lassen.

Ihr 68er-Filmvater ist ein sehr reales Produkt seiner Zeit, das mit all dem emotionalen und neurotischen Gepäck, das diese Generation so mit sich bringt, zu kämpfen hat. Mit der neokonservativen Tochter, die ihre Karriere im grauen Businesskostüm und im Macho-Geflecht der Unternehmensberatungen dem Idealismus der Elterngeneration vorzieht, verhält es sich nicht anders. Womit der Film gleich von einem ganzen Haufen an Generations- und Rollenstolpersteinen erzählt - aber ohne diese nach Problemfilmmanier plakativ auszustellen.

Wie schon Maren Ades vorhergehende Tragikomödien "Der Wald vor lauter Bäumen" und "Alle anderen" ist auch ihr Cannes-Hit wieder autobiografisch geprägt. Das Nachdenken über die eigene Herkunft, die Familien- und Beziehungsstrukturen stand am Anfang einer dramaturgischen Zuspitzung, die im Film in einer wirklich famosen Nacktparty endet. "Toni Erdmann" ist von einer anarchischen Humorqualität und einer Menschenkenntnis geprägt, wie man sie nur sehr selten findet im Kino.

Wie sehr solche Qualitäten heute aber noch an der Kinokasse geschätzt werden, wird sich ab dem 14. Juli zeigen, wenn der Film den kuratierten Schutzraum der Festivals verlässt und im Kino startet. Hier relativieren sich die Begeisterungsstürme oft sehr schnell. Man denke zum Beispiel an Sebastian Schippers "Victoria", die manische Odyssee durchs Berliner Nachtleben. Der Film wurde auf der Berlinale 2015 zum erklärten Festival-Darling und Wunderwerk der hiesigen Produktionslandschaft erkoren - und hatte schließlich gut 392 000 Zuschauer.

Nicht wenig, aber im Vergleich zu den 7,6 Millionen von "Fack ju Göhte 2" auch kein Kinowunder.

© SZ vom 23.06.2016/jobr
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