Süddeutsche Zeitung

"Toni Erdmann" in der SZ-Cinemathek:Es endet in einer famosen Nacktparty

Einsamer Musiklehrer will das Leben seiner Tochter mit einem Furzkissen verbessern: Maren Ades gefeierte Komödie "Toni Erdmann" zeigt, was dem deutschen Kino fehlt.

Filmkritik von David Steinitz

Der orgiastische Rausch, mit dem die deutsche Komödie "Toni Erdmann" vor wenigen Wochen beim Filmfestival in Cannes gefeiert wurde, war fürs kühle deutsche Kinogemüt fast ein bisschen unheimlich. Da lagen sich die internationalen Kritiker quasi in den Armen vor Glück, und es schien, als hätte die Magie dieses Films so manchen Zyniker wieder daran erinnert, warum es sich überhaupt lohnt, ins Kino zu gehen.

Titelseite in Le Monde! Jubelstürme in der New York Times! Selbst die eher emotionsbefreiten, gewinnfixierten Filmeinkäufer spielten verrückt: Die Verleihrechte an "Toni Erdmann" wurden mittlerweile in 55 Länder verkauft - eine ziemlich stolze Zwischenbilanz.

Das alles kann man für die Filmnation Deutschland, die zu einer eher protestantischen Rezeption ihrer eigenen Filme neigt - also zur gnadenlosen Selbstkasteiung -, durchaus als Schock bezeichnen.

Das Paarungsverhalten lasziver Mädchen im Umfeld der Münchner Kunstakademie

Wenn nun "Toni Erdmann" heute Abend das Filmfest München eröffnet und damit seine Deutschlandpremiere jenseits des kollektiven Rosé-Rauschs an der Côte d'Azur feiert, ist das sozusagen der nüchterne Realitätscheck nach dem Vorab-Hype, bevor der Film am 14. Juli regulär ins Kino kommt. Vor allem deshalb, weil das Münchner Festival seit ein paar Jahren mit die wichtigste Adresse für deutsches Kino geworden ist - wenn es einen Geheimtipp wie "Oh Boy" oder "Love Steaks" zu entdecken gibt, dann meist hier. Weshalb man "Toni Erdmann" jetzt in direkter Konkurrenz zu einem wichtigen Teil des deutschen Filmjahrgangs 2016 sehen kann: 19 Spiel- und Dokumentarfilme laufen in der Sektion "Neues deutsches Kino", Debüts gleichberechtigt neben Dinosauriern des hiesigen Betriebs.

Das Programm ist schön bunt, es gibt zum Beispiel die Erotikdoku "Violently Happy" über Lust und Frust von Berliner Hobbysadomasochisten; oder die schwäbische Schweinebauernkomödie "Die letzte Sau" über einen frustrierten Landwirt, der zum Ökoterroristen mutiert. Und die legendäre Kinoratte Klaus Lemke, 75, erforscht in "Unterwäschelügen" das Paarungsverhalten lasziver Mädchen im Umfeld der Münchner Kunstakademie.

Aber abgesehen von Lemke, der als letzter Schwabinger Macho mit der Narrenfreiheit einer aussterbenden Spezies operieren kann, wirken viele Filme trotz hübscher Ideen ziemlich blass im Vergleich zu "Toni Erdmann".

Eine gut gemachte Komödie kann Gradmesser gesellschaftlicher Untiefen sein

Das liegt zunächst einmal am Genre: Die Geschichte vom einsamen Musiklehrer Winfried (Peter Simonischek), der eine fast schon obsessive Leidenschaft für Scherzartikel hat und die erkaltete Beziehung zu seiner biederen Business-Tochter (Sandra Hüller) mit falschen Zähnen und Furzkissen verbessern will, ist eine astreine Komödie. Komödien sind auf Filmfestivals meist eine seltene Minderheit, weil sich dort vor allem die großen Problemfilme mit gesamtgesellschaftlichem Anspruch tummeln. Und das, obwohl gerade die Komödie, wenn sie denn gut gemacht ist, ein sehr präziser Gradmesser gesellschaftlicher Untiefen sein kann.

Leider geht das oft schief, weil viele Filmkomödien sich mit bloßen Geschlechterklischees und deren Verdrehungen als Witzereservoir begnügen. Da wird es dann als Scherz verkauft, wenn Frauen Bier und Männer Sekt trinken, was aber lediglich beweist, dass die jeweiligen Filmemacher keine Ahnung von Humor, Kino, Frauen, Männern, Bier und Sekt haben.

Die Regisseurin und Autorin Maren Ade schließt in ihrem "Toni Erdmann" die schlimmsten Komödienklischees aber schon allein durch die Figurenkonstellation aus: Eine Vater-Tochter-Geschichte ist im Gegensatz zu den ewigen Jungs-Mädchen-Verflechtungen und ödipalen Mama-Entgleisungen, an denen es im Kino nicht mangelt, eine schöne Abwechslung.

Keine Menschenschablonen wie in der Marmeladenwerbung

Zudem speist sich der Charakter ihrer beiden Protagonisten zum Glück auch nicht aus Menschenschablonen wie in der Marmeladenwerbung, von der sich leider viele Drehbuchautoren inspirieren lassen.

Ihr 68er-Filmvater ist ein sehr reales Produkt seiner Zeit, das mit all dem emotionalen und neurotischen Gepäck, das diese Generation so mit sich bringt, zu kämpfen hat. Mit der neokonservativen Tochter, die ihre Karriere im grauen Businesskostüm und im Macho-Geflecht der Unternehmensberatungen dem Idealismus der Elterngeneration vorzieht, verhält es sich nicht anders. Womit der Film gleich von einem ganzen Haufen an Generations- und Rollenstolpersteinen erzählt - aber ohne diese nach Problemfilmmanier plakativ auszustellen.

Wie schon Maren Ades vorhergehende Tragikomödien "Der Wald vor lauter Bäumen" und "Alle anderen" ist auch ihr Cannes-Hit wieder autobiografisch geprägt. Das Nachdenken über die eigene Herkunft, die Familien- und Beziehungsstrukturen stand am Anfang einer dramaturgischen Zuspitzung, die im Film in einer wirklich famosen Nacktparty endet. "Toni Erdmann" ist von einer anarchischen Humorqualität und einer Menschenkenntnis geprägt, wie man sie nur sehr selten findet im Kino.

Wie sehr solche Qualitäten heute aber noch an der Kinokasse geschätzt werden, wird sich ab dem 14. Juli zeigen, wenn der Film den kuratierten Schutzraum der Festivals verlässt und im Kino startet. Hier relativieren sich die Begeisterungsstürme oft sehr schnell. Man denke zum Beispiel an Sebastian Schippers "Victoria", die manische Odyssee durchs Berliner Nachtleben. Der Film wurde auf der Berlinale 2015 zum erklärten Festival-Darling und Wunderwerk der hiesigen Produktionslandschaft erkoren - und hatte schließlich gut 392 000 Zuschauer.

Nicht wenig, aber im Vergleich zu den 7,6 Millionen von "Fack ju Göhte 2" auch kein Kinowunder.

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SZ vom 23.06.2016/jobr
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