Tod von Oliver Sacks:"Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte"

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Sacks schrieb über dieses schiere Wunder und begründete damit in der beginnenden Soziologisierung der Medizin die klassische Krankengeschichte neu als "neurologische Novelle". In der bewährten amerikanischen Saccharinisierung wurde daraus der Film "Zeit des Erwachens" mit Robin Williams als Sacks-Wiedergänger, der seinen Patienten, den bedauernswerten Robert De Niro, mit Rilkes Gedichten aus der Bewusst- und Sinnlosigkeit holt. So hat er den Wissenschaftsroman in Pillenform erfunden, die teilnehmende Beobachtung bei den rätselhaftesten Störungen, eben den seither sprichwörtlichen "Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte". Die Synästhesie, mit der sich Dichter wie Maeterlinck und Maler wie Kandinsky abmühten, erlebte Sacks als Normalität am Leib seiner Patienten.

Unermüdlich als Arzt und Autor

Aber wie geschwollen, wie, ja, wie erfunden liest sich jede noch so dramatische Ehebruchs- oder Kriminalgeschichte verglichen mit den Volten und Sprüngen, die sich die Natur mit sich selber erlaubt! Oliver Sacks hat sie getreulich aufgezeichnet, hat den Verrückten, den Gestörten, den Patienten überhaupt eine Würde zuerkannt, für die die standardisierte Behandlungsmedizin keine Zeit und schon gar keine Geduld hat. Die futterneidischen Kollegen wussten natürlich genau, dass der bunte Vogel unseriös arbeitete, sie warfen ihm Geldgier und Ausbeutung seiner Patienten zur eigenen schriftstellerischen Ruhmvermehrung vor. Wie hätten sie auch sehen können, dass hier einer den Menschen mit psychischen Störungen einen Respekt verschaffte, wie es seit dem Goldenen Zeitalter Athens nicht mehr vorgesehen war.

Als strenger und systematischer Wissenschaftler konnte der unermüdlich praktizierende, notierende und schreibende Sacks gar nicht anders, als sich selber zu seiner letzten Fallstudie zu machen. In einer Reihe von Artikeln für die New York Times berichtete er in den letzten Monaten von seinem körperlichen Verfall. Nachdem ein Melanom gestreut hatte, erreichte der Krebs bald das Auge, und die Metastasen fraßen allmählich seinen Körper auf. Es wurde Zeit, dieses Leben nicht bloß abzuschließen, sondern seinen Frieden damit zu machen.

In der erst vor wenigen Monaten erschienenen Autobiografie "On the Move. Mein Leben" berichtet er zum Beispiel von seinen erschreckenden Essgewohnheiten. So hatte er sich jahrzehntelang von einer Portion Dosenfisch ernährt, dreißig Sekunden im Stehen, dann wieder an die Arbeit. Erst jetzt gelang es ihm, sich zu seiner Homosexualität zu bekennen, verbunden allerdings mit dem Bedauern, dass er bis auf die letzten acht Jahre zölibatär gelebt hatte, ein Mönch ganz im Dienst der Wissenschaft und der Kunst. In New York ist am Sonntag der menschenfreundlichste Arzt seit Sigmund Freud gestorben. Oliver Sacks wurde 82 Jahre alt.

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