"The Nest" im Kino:Im Spukschloss

The Nest Film Rezension

In diesem Haus kann es kein Glück geben: Carrie Coon als Allison und Jude Law als ihr Ehemann Rory "The Nest".

(Foto: Ascot Elite/dpa)

Das Familienleben als Horrorfilm: Jude Law und Carrie Coon spielen in "The Nest" ein Paar am Abgrund einer Ehe.

Von Kathleen Hildebrand

Immer wieder fühlt man sich, als sei man in einen Horrorfilm geraten, obwohl doch "Familiendrama" drauf stand. In dem herrschaftlichen Anwesen, in das die Familie O'Hara gezogen ist, knarzen die Holzböden. Es ist so dunkel, als hätten die Architekten im 17. Jahrhundert die Fenster vergessen. Ein Schloss wie eine Stein gewordene Depression. Die Hintertür, gerade verschlossen, geht gleich wieder auf. Draußen wiehert das teure schwarze Pferd.

Rory O'Hara hat seine Familie aus einem komfortablen, hellen Bungalowhaus mit Pool in der amerikanischen Vorstadt hierher verpflanzt. Nach England, wo er aufgewachsen ist und sich nun den großen Erfolg in einem neuen Job als Rohstoffhändler verspricht. Als Frau, Tochter und Sohn etwas betreten im Taxi ankommen, spielt er den begeisterten Erfolgsmann. Er führt sie durchs Haus, in dem nur hier und da ein paar Möbel stehen. Aber: Led Zeppelin haben hier mal ein Album aufgenommen. So etwas zählt für Rory, man kann es gut auf Dinnerparties erzählen.

Hinter Rorys selbstsicherem Business-Lachen hört man die Angst

Regisseur Sean Durkin - "The Nest" ist erst sein zweiter großer Film - weiß genau, was er tut, wenn er dieser Familie in England das Licht ausschaltet. Der Ton seines sich langsam entfaltenden Films stimmt zu jeder Zeit. Die Bedrohlichkeit der Bilder korrespondiert mit dem Gefühl, das mit dieser Familie, die eine glückliche sein könnte, in Wahrheit etwas schlimm im Argen liegt. Es gibt dann trotz der Horrorgenrekonventionen, die "The Nest" bedient, doch keine Gespenster, die sie heimsuchen. Was die O'Haras verfolgt, sind die Turbokonsumsucht der Achtziger, in denen der Film spielt, und die getriebene Unsicherheit von Vater Rory.

Jude Law hat hier einen seiner besten Auftritte überhaupt. Er spielt diesen Rory, der aus einfachen Verhältnissen stammt, charmant und getrieben, beim Versuch mit letzter Energie noch richtig, richtig reich zu werden. Hinter seinem selbstsicheren Business-Lachen am Telefon hört man die Angst. Er will immer weiter nach oben, weil er ständig fürchtet alles zu verlieren.

Und doch überstrahlt ihn irgendwann fast Carrie Coon als seine Frau Allison. Sie kann beides: königlich stolz ihre Föhnfrisur auf eleganten Empfängen tragen, als sei sie wirklich die glückliche Frau an eines erfolgreichen Mannes Seite. Aber tagsüber schaufelt sie auf dem Bauernhof nebenan Mist, um sich ein kleines Finanzpolster zu verdienen - für den Fall, dass alles zusammenbricht, was ihr größenwahnsinniger Gatte da auf ein nicht vorhandenes Fundament gebaut hat. Man ahnt aus ihren Blicken und kurzen Wortwechseln mit Rory, dass es nicht das erste Mal wäre.

Sean Durkin hat den Stoff für "The Nest" aus seinen eigenen Jugenderfahrungen geschöpft. In Kanada geboren, zog er nach Großbritannien, später nach New York. Was ihn interessiert zwischen Rory und Allison ist die seltsame Haltbarkeit dieser Ehe, die sicher schon oft am Abgrund stand und sich eigentlich nur aus einem altmodischen Geschlechterverhältnis speisen kann. Allison ist eine bodenständige Frau, die weiß, was für sie selbst und ihre Familie gut ist. Aber dieses Wissen bringt sie immer wieder zum Schweigen. Vielleicht aus Liebe zu ihrem attraktiven Mann, mit dem der Sex immer noch leidenschaftlich ist. Vielleicht ist es aber auch das Frauenbild der Achtzigerjahre, das sie hemmt. "Es ist nicht dein Job, dir Sorgen zu machen", sagt Rory einmal zu ihr. Doch dafür ist sie zu intelligent.

Carrie Coon dabei zuzusehen, wie sie Allisons langsam aufflammende Rebellion gegen ihren felixkrullhaften Ehemann spielt, ist fantastisch. Bei einem feinen Abendessen mit Rorys Geschäftspartnern berichtet er von seiner angeblichen Liebe zum Theater. Und da ist es ihr plötzlich zu viel, sie fängt laut an zu lachen, grunzt beim Luftholen, nennt es einen "Scheiß", den er da erzähle. Dann geht sie und tanzt allein in einer Kneipe. Es ist die Nacht, in der die Lügen dieser Familie aufbrechen, eine stille Katastrophe. Am grauen Morgen danach gibt es Cornflakes im Spukschloss.

The Nest - Alles zu haben ist nie genug, GB 2020 - Regie und Buch: Sean Durkin. Kamera: Mátyás Erdély. Musik: Richard Reed Perry. Mit: Jude Law, Carrie Coon, Oona Roche, Charlie Shotwell. Ascot Elite/24 Bilder, 107 Minuten.

© SZ/dbs
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