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Kino und Corona:Mit neuem Blick

  • In der Coronakrise verzeichnen Streaming-Anbieter einen Nutzungsanstieg.
  • "Lost Girls" bei Netflix erzählt die wahre Geschichte einer nicht aufgeklärten Mordserie an jungen Frauen in Long Island.
  • In "Isadoras Kinder" verarbeiten drei Frauen eine Choreografie der Tanztheater-Legende Isadora Duncan.
  • Der spanische Netflix-Film "Der Schacht" ist eine Mischung aus Sozialsatire und Thriller, die in einem geheimnisvollen, vertikal strukturierten Gefängnis spielt.

Wie stark steigt das Streamen von Filmen und Serien während der Corona-Krise an? Dazu haben die Macher von JustWatch Zahlen erhoben. Auf ihrem Internetportal bieten sie Tipps für Netflix & Co. an und haben herausgefunden, dass in Deutschland, Stand Freitag, derzeit um 25 Prozent mehr als sonst gestreamt wird - was noch ein vergleichsweise geringer Anstieg ist. In den USA sind es bereits plus 44 Prozent. Und auch das ist noch weit von den Ländern entfernt, die schon länger nicht mehr nur auf freiwillige Isolation setzen, sondern auf Ausgangssperren. In Italien stieg der Konsum von Online-Videotheken demnach um 75 Prozent, in Frankreich um 98 Prozent - und in Spanien um 140 Prozent.

Ein solch heftiger Anstieg des Datenverkehrs bleibt nicht ohne Folgen. EU-Kommissar Thierry Breton hatte deshalb an die großen Videoanbieter appelliert, mitzuhelfen, das Netz zu entlasten, das durch die vielen Home-Office-Arbeiter ohnehin stärker beansprucht werde als sonst. Weshalb unter anderem Netflix und Youtube beschlossen haben, zunächst für 30 Tage ihre Inhalte nicht mehr in HD-Qualität, sondern nur noch in Standardauflösung zu liefern. Laut Firmenangaben würde Netflix dadurch etwa 25 Prozent weniger Datenverkehr verursachen. Die folgenden drei Filmtipps fürs Heimkino sorgen aber auch ohne HD für gute Ablenkung.

Lost Girls © Netflix

Hinterbliebene von Mordopfern demonstrieren in "Lost Girls" und verlangen Antworten.

(Foto: Jessica Kourkounis/Netflix)

Lost Girls

Eine abgeschotteten Siedlung aus Holzhäusern, am Ende der Küstenstraße, an der offenen grauen See. Was können das für Menschen sein, die sich hier vor der Welt verstecken, wo die South Shore Barrier von Long Island den Stürmen des Nordatlantiks trotzt, umgeben nur von Marschen und mannshohem Riedgras? Ein Ort, der zu jeder Zeit unheimlich wirkt - in der Nacht zum 1. Mai 2010 aber muss er der reine Horror gewesen sein.

In den frühen Morgenstunden, das ist die wahre Geschichte, rief das 24-jährige Callgirl Shannan Gilbert aus dieser Siedlung am Meer den Notruf an, völlig aufgelöst, und stammelte, dass man sie umbringen wolle. Das war ihr letztes Lebenszeichen, danach blieb sie verschwunden. Und die einsame Holzhaussiedlung am Rande des Wassers geriet in einen schrecklichen Verdacht, als auf der Suche nach ihr in den umliegenden Marschen Frauenleichen gefunden werden - erst eine, dann vier, dann immer mehr.

Mit dieser Szene des Notrufs und der rennenden jungen Frau in der Nacht beginnt der Film "Lost Girls" von Liz Garbus, die diese True-Crime-Geschichte mit beinahe dokumentarischer Genauigkeit nacherzählt, an den realen Schauplätzen und sogar mit den realen Namen.

Dann aber gibt es einen schnellen Schnitt, weg von der Flüchtenden und hin zu ihrer Mutter Mari, die von Amy Ryan gespielt wird, mit der rauen Genervtheit einer Frau aus der Schicht der Working Poor, die noch zwei jüngere Mädchen zu versorgen hat. Mari wartet an diesem Abend vergeblich auf ihre Tochter, die eigentlich nach Hause kommen wollte. Was diese Frau durchgemacht hat, scheint der Film zu sagen, das wissen wir. Wer Shannan aber wirklich war und warum sie verschwunden ist, muss ein Rätsel bleiben.

Mari Gilbert hat bald den Verdacht, dass die Polizei nicht ernsthaft nach Shannan sucht, und auch nicht mit allen Mitteln nach dem Serienkiller von Long Island fahndet, der für die Leichen verantwortlich sein muss. Und sie leidet auch selbst unter der Schuld, dass sie ihre Tochter nicht von der Prostitution abbringen konnte. Der Film erzählt nun von ihr, von den Hinterbliebenen der anderen Opfer, und von dem Kampf, endlich die Antworten zu bekommen, die ihnen träge oder unfähige Behörden nicht geben wollen.

Auffällig ist, das dies eine Schwesternschaft ist - keines der verlorenen Mädchen scheint überhaupt einen Vater gehabt zu haben, zumindest keinen, der trauert. Die Männer im Film sind Freier, möglicherweise brutal; Nachbarn, möglicherweise mörderisch: ein Fahrer, der im entscheidenden Moment abhaut; und offen desinteressierte Polizisten. Einzig Gabriel Byrne als Police Commissioner hört Mari wenigstens zu, mit der Empathie eines verständnisvollen Magengeschwürs. Aber auch er entpuppt sich als Schluffi, den man zum Jagen tragen muss.

Die Frauen aber, so sehr sie auch versuchen, Druck zu machen und sich gegenseitig Halt zu geben, können die Rätsel und Widersprüche des Falls auch nicht auflösen. Und da wird der Film wirklich ungewöhnlich. Er beschönigt nichts, er begradigt das Ganze nicht Richtung Thriller, am Ende behauptet er nicht einmal, wirklich schlüssige Antworten zu liefern - in diesem Genre ein Wagnis. Kriminalgeschichten handeln ja fast immer von Tätern und Ermittlern, deshalb ist es außergewöhnlich und stark, dass hier einmal wirklich die Hinterbliebenen im Mittelpunkt stehen, und ihr Ringen um Antworten, die ihnen niemand geben kann.

Vielleicht brauchte es eine eingefleischte Dokumentarfilmerin wie Liz Garbus, die auch "Ghosts of Abu Ghraib" produziert hat, um das einmal so ungeschönt zu zeigen. Und es spricht sehr für die neue Streamingzeit, dass ein derart herausfordernder Film in den Netflix-Charts für Deutschland gerade tatsächlich auf Platz 4 steht.

Lost Girls, USA 2020 - Regie: Liz Garbus. Buch: Michael Werwie. Mit Amy Ryan. Auf Netflix.

Eine Tänzerin probt eine Choreografie von Isadora Duncan in „Isadoras Kinder“.

(Foto: Eksystent Filmverleih)

Isadoras Kinder

Es gab einmal eine Zeit - sagen wir, vor einer Woche - , in der man einem Spielfilm wie "Isadoras Kinder" wenig Beachtung geschenkt hätte. Im Zentrum steht ein Tanzsolo von Isadora Duncan, "Mutter", in dem die berühmte Tänzerin und Choreografin den Tod ihrer Kinder verarbeitet, die 1913 bei einem Autounfall in der Seine ertranken. Der Spielfilm des französischen Regisseurs Damien Manivel spielt im Heute und folgt drei Frauen, die Duncans Stück auf ihre Weise interpretieren. Da ist die professionelle Balletttänzerin (Agathe Bonitzer), die akribisch Duncans Partituren studiert und in tänzerische Bewegung übersetzen will. In der zweiten Episode erarbeiten eine Choreografin und einer Tänzerin mit Down-Syndrom einen spontaneren Zugang. Und schließlich folgt Manivel einer am Stock gehenden Frau, die sich nach einer "Mutter"-Aufführung in die einsame Wohnung schleppt, wo sie wie aus dem Nichts Gesten aus dem Stück wiederholt.

In normalen Zeiten hätte man gesagt: Man muss sich schon sehr für Ausdruckstanz interessieren, um mit Manivels Film etwas anfangen zu können. Nun aber ist alles heruntergefahren, die Kinos geschlossen, und auch das Schicksal jedes einzelnen Films verändert sich. "Isadoras Kinder" sollte ursprünglich am 23. April in den deutschen Kinos starten. Während aber die meisten Filmstarts verschoben werden, hat sich Münchner Filmverleih Eksystent entschieden, den Start vorzuziehen und den Film ab diesem Freitag auf der Plattform "Kino on Demand" anzubieten. Dabei können die Zuschauer den Film zum Preis eines Tickets bei einem Kino ihrer Wahl "ausleihen", das dann an den Einnahmen beteiligt wird. Auf diese Weise kann jeder etwas tun, um Kinos zu helfen, die durch die Krise mehr denn je in ihrer Existenz gefährdet sind: Eine wichtige, solidarische Maßnahme in düsteren Zeiten.

Was nun den Film selbst betrifft, kann man ihn sicher etwas prätentiös finden. Vielleicht wäre es nicht unbedingt nötig gewesen, wie in einem Tagebuch die einzelnen Momente bestimmten Tagen im Oktober und November zuzuordnen (wie in einem Ferienfilm von Eric Rohmer). Und sicher betont Manivel manchmal etwas exzessiv die beiläufigsten Gesten - wenn da eine Hand zärtlich über eine Tanzpartitur gleitet, das Licht in der Straßenbahn ein Gesicht erhellt oder die alte Frau Ewigkeiten am Stock über eine dunkle Straße hinkt. Man kann von diesem Gestus genervt sein, mit dem sich der Filmemacher als besonders sensibler Beobachter dieser Körper präsentiert.

Aber in Zeiten, in denen die halbe Welt in häuslicher Quarantäne sitzt, fällt das nicht so sehr ins Gewicht. So nimmt man vor allem die Einsamkeit dieser Körper wahr, die Manivel filmt, als seien sie von der Welt abgetrennt. Jeder muss sich einen eigenen Zugang zu Duncans Gefühlswelt schaffen, und damit einen eigenen Raum - ob im Studio, auf der Probebühne oder im Schlafzimmer. Die Figuren sind so isoliert, wie viele Menschen sich gerade fühlen, und die Straßen, durch welche die alte Frau am Stock am Ende nach Hause schlürft, so leer wie aktuell die Straßen jeder europäischen Großstadt.

Der Raum schrumpft in diesem Film, der im alten Kastenformat gefilmt ist, auf Quarantäneformat zusammen. Die Zeit hingegen erscheint uns auf einmal, trotz der kurzen Laufzeit von knapp achtzig Minuten, unendlich lang. Weil wir wissen, dass die Zeit in den nächsten Monaten gefüllt werden will. Mit Filmeschauen zum Beispiel, und vielleicht auch mit Tanzen.

Les enfants d'Isadora, F/KR 2019 - Regie: Damien Manivel. Buch: Manivel, Julien Dieudonné. Mit Agathe Bonitzer. Auf kino-on-demand.com.

Der Schacht © Netflix

Ein Gefangener in dem dystopischen Thriller "Der Schacht" wartet auf seine Fütterung.

(Foto: Netflix)

Der Schacht

Filmfans unter Quarantäne kann man grob in zwei Lager einteilen: Es gibt die Eskapisten, die sich mit einem "Friends"-Marathon vor der Außenwelt verstecken. Und es gibt die Sadomasochisten, die sich nach dem Nachrichtenmarathon noch ein paar Seuchenthriller zum Einschlafen gönnen. Die spanische Netflix-Produktion "El Hoyo / Der Schacht" ist eindeutig ein Geheimtipp für die Gruppe der Sadomasochisten.

Der Thriller spielt in einer dystopischen Zukunft, in der Gefangene in einem geheimnisvollen Gefängnis in Hunderten von übereinandergestapelten Zellen leben. In der Mitte einer jeden Zelle ist ein rechteckiges Loch, das einen langen Schacht bildet. Und durch diesen Schacht gleitet von oben nach unten eine Tafel nach dem Tischlein-deck-dich-Prinzip: Sie ist reich gedeckt mit köstlichen Speisen und erlesenen Weinen - zumindest zu Beginn ihrer Reise durch den Schacht.

Je weiter sie in die Tiefen des Gefängnisses gleitet, desto leergefressener sind die Teller, und desto weniger bleibt für die Gefangenen in den unteren Stockwerken übrig. Eine Zweiklassengesellschaft also, in der oben königlich soupiert wird, während man unten hungert. Auch wichtig: Es darf nicht gehamstert werden. In Zellen, in denen die Gefangenen versuchen zu horten, wird zur Strafe die Raumtemperatur immer höher gedreht.

Der Regisseur Galder Gaztelu-Urrutia inszeniert dieses Horrorszenario in der Tradition des Science-Fiction-Films "Snowpiercer" als fiesen Klassenkampf. Der Gefangene Goreng (Ivan Massagué) wacht eines Tages in Stockwerk 48 des Gefängnisses auf, worüber er sich gefälligst freuen solle, wie sein neuer Zellenkamerad Trimagasi (Zorion Eguileor) findet - auf der 48 ist immer noch reichlich zu fressen übrig.

Die beiden Männer könnten unterschiedlicher nicht sein, der Neue ist noch jung, der andere alt. Vor allem aber verraten sich ihrer Charakterzüge über den einen Gegenstand, den jeder Eingesperrte in seine Gefangenschaft mitnehmen darf. Goreng, der Junge, hat sich für ein Buch entschieden, Cervantes' "Don Quijote"; Trimagasi, der Ältere, hat ein riesiges Messer dabei. Wobei es sich nicht um irgendein x-beliebiges ordinäres Küchenutensil handelt, sondern um das berühmte "Samurai Plus" aus der Fernsehwerbung. Es wird einfach nicht stumpf, egal, was man damit schneidet.

Spanische Filmemacher leiden seit Jahrzehnten darunter, dass das spanische Kino im Ausland automatisch vor allem mit Pedro Almodóvar in Verbindung gebracht wird. Das hat sich durch die Streamingdienste deutlich verändert, die auch andere Regisseurinnen und Regisseuren eine weltweite Plattform bieten. Galder Gaztelu-Urrutia hat zuvor zwei Kurzfilme inszeniert, "Der Schacht" ist sein Langfilmdebüt.

Die Regeln des Locked-in-Thrillers beherrscht er meisterlich, aber auch die der Sozialsatire. Denn die Moral dieser Geschichte ist natürlich klar: Theoretisch ist genug für alle da, aber weil der Mensch ein gieriger Depp ist, kommt es zu blutigen Verteilungskämpfen. Was man denn in den untersten Stockwerken esse, fragt zu Beginn der Neue den Alten, seinen "Don Quijote" unterm Arm haltend, wenn nichts mehr übrig sei auf der Tafel? Der Alte blickt ihn an, halb ernst, halb belustigt, als würde er gerade das köstlichste sprechende Steak vor sich sehen, das man sich vorstellen kann.

El Hoyo, Spanien 2019 - Regie: Galder Gaztelu-Urrutia.Buch: David Desola, Pedro Rivero. Mit: Ivan Massagué, Antonia San Juan. Auf Netflix.

© SZ vom 21.03.2020/khil
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