Opernpremieren an der Prager Státní Opera:East Side Story

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Opernpremieren an der Prager Státní Opera: Kurt Weills "Die sieben Todsünden" offenbart den Librettisten Bert Brecht und damit auch ein wenig die Zeit des realen Sozialismus.

Kurt Weills "Die sieben Todsünden" offenbart den Librettisten Bert Brecht und damit auch ein wenig die Zeit des realen Sozialismus.

(Foto: Zdenek Sokol)

Mit großem Aufwand wurde die Oper in Prag renoviert. Kann das Haus auch heute noch an den alten Glanz anknüpfen?

Von Helmut Mauró

Spätestens seit der Uraufführung von Mozarts "Don Giovanni" 1787 gilt Prag als wichtige Musikstadt. Auch Mozarts "La Clemenza di Tito", seine letzte Oper, wurde vier Jahre später hier erstmals gespielt. Begeistert schrieb Mozart seinem Vater, wie sehr die Menschen hier offen für Musik seien, wie sie die Arien aus "Don Giovanni" auf der Straße pfiffen. Und heute? Die gute Nachricht ist, dass das nicht nur ein Saison-Zustand war, sondern dass sich die Musik- und Theaterkultur in Prag durchweg erhalten hat. Zwar legte man in den vergangenen Jahrzehnten den Schwerpunkt eher darauf, den wirtschaftlichen Anschluss an den Westen zu schaffen, aber das kulturelle Leben starb deshalb nicht aus. Mit großem Aufwand und großartigem Ergebnis hat man die Staatsoper restauriert: Ein Prachtbau der Neorenaissance, wie es nur wenige geben dürfte, schon gar in diesem glamourösen Zustand. 1888 wurde er als "Neues deutsches Theater" eröffnet und war das Opernhaus der großen deutschsprachigen Gemeinde in Prag, die das Kulturleben der Stadt prägte.

Man erwartet nun große Oper darin, und die gibt es auch, aber zwischen "La Bohème" und einem Forsythe-Ballett hat der künstlerische Leiter der Oper, der Norweger Per Boye Hansen, nun ein Programm gesetzt, das einer ganz anderen, jüngeren Prager Tradition folgt. Jener nämlich, die mit Angelo Neumann begann, dem ersten Direktor des Neuen Deutschen Theaters, der das Haus bekannt machte, indem er namhafte Künstler verpflichten konnte. Darunter die Dirigenten Carl Muck, Franz Schalk, Anton Seidl, Leo Blech und Gustav Mahler, Solisten wie die legendäre Altistin Valesca Nigrini, den Tenor Adolf Wallnöfer oder die Schauspielerin Eleonora Duse. In der Folge setzte der Erste Kapellmeister Musikdirektor Alexander von Zemlinsky diese neue Tradition fort, schon im eigenen Interesse als Komponist. Schließlich erreichte das künstlerische Niveau seinen Höhepunkt in der Zeit des Direktoriums von Leopold Kramer während der 1920er-Jahre. Kramer lockte nicht nur die Gesangsstars der Zeit an sein Haus, wie etwa Friedrich Schorr, Leo Slezak, Richard Tauber oder Lotte Lehmann, sondern brachte neben traditionellen Opern, etwa von Mozart, vor allem zeitgenössische Musik von Ernst Krenek, Paul Hindemith, Erich Wolfgang Korngold oder Franz Schreker auf die Bühne. In diese Zeit fiel auch 1924 die Uraufführung von Schönbergs "Erwartung", die Zemlinksy dirigierte.

Und die steht nun aktuell wieder auf dem Programm, zusammen mit Kurt Weills "Die sieben Todsünden", die in ihrer moralisch-kritischen Substanz bei aller Koketterie mit Persiflage und Klamauk nicht nur sogleich den Librettisten Bertolt Brecht offenbaren, sondern damit einhergehend vielleicht auch ein wenig die Zeit des realen Sozialismus. Der war in Prag oft besonders schmerzvoll, aber für die Einheimischen ist er heute offenbar kein Thema mehr. Regisseurin Barbora Horáková Joly meidet denn auch großräumig jeden Anflug von epischem Theater in dem nun nicht mehr so sehr als satirisches Ballett mit Gesang angelegten Stück, wie von Weill konzipiert, zugunsten eines über weite Strecken als nahezu solistische Gesangsrevue aufbereiteten Musicaltheaters. Die Regisseurin entwirft mit knalligen Kostümen und leidenschaftlich agierenden Protagonisten eine Art Genrestück, das in dem Changieren zwischen Gesellschaftskritik und Sozialromantik ein wenig an Bernsteins "West Side Story" erinnert.

Folglich gibt es außer Verbrechern und Sozialisten leider nur Dummköpfe auf dieser Welt

Die durch das kapitalistische System dem Individuum abgenötigten schizophrenen Handlungszwänge, der Hang zum Kleinganoventum, wie Brecht das 1939 dann in "Der gute Mensch von Sezuan" dramatisch ausbreitet, all das ist hier bereits konkret angelegt. Es geht um zwei Annas: Anna II (Lea Švejdová) macht, was für Anna I (Dagmar Pecková) gut ist, und so kann letztere guten Gefühls genießen, was Anna II schlechten Gewissens herbeischafft. Brecht hat den Titel später erweitert zu "Die Sieben Todsünden der Kleinbürger", und so werden sie hier auch verhandelt. Nicht als ethische Kategorien, sondern als aufgesetzter Moralkanon, der mit einem erfolgreichen Leben im Kapitalismus nicht vereinbar ist. Nur der dumme Kleinbürger versteht das nicht und quält sich damit ab, beides doch irgendwie zusammenzuzwingen und dem falschen Leben ein richtiges abzuringen. Das ist gleichsam seine Tragik, und sie ist selbst verschuldet. Folglich gibt es außer Verbrechern und Sozialisten leider nur Dummköpfe auf dieser Welt. Wie schade. Doch das Theater ist gnädiger, denn es legt, mal mehr mal weniger freiwillig, seine Mechanismen bloß, und das setzt Brecht ja als besonders nachdrückliches Stil- und Erziehungsmittel ein. So hat man auch in Prag oft den Eindruck einer Art Making-Of-Dokumentation.

Ganz anders Arnold Schönbergs Monodram "Erwartung", das Petra Alvarez Simková mustergültig vorführt, und mehr noch musikalisch vorlebt. Regisseurin Barbora Horáková Joly unterstützt sie mit großflächigen Hintergrundprojektionen lebendiger Natur, viel Wald, im Sturm sich biegend, dann auch wieder ein beschauliches Seeufer, das die beruhigte Seele spiegelt. Selbst die bildliche Thematisierung dieser Kunstnatur - plötzlich Neonröhren über dem Wald - ist noch sentimentale Anmutung, unterläuft das dramatische Problem zweier gleichzeitig bedeutender Sichtweisen: die der leidenden Frau, die ihren verschwundenen Geliebten sucht, und die der möglichen Mörderin, die seine Leiche findet.

Das Stück gilt als prominente Vertretung des musikalischen Expressionismus, könnte in dieser Inszenierung aber mühelos auch als symbolistisches Urstück durchgehen. Selbst Schönbergs Musik, die in der Auflösung der traditionellen Harmonik hohen emotionalen Ausdruckswert schafft für alle möglichen Gefühlslagen der Frau, ist gleichzeitig in ihrem Gegenentwurf zum Historismus so sehr an die Vergangenheit gebunden, dass man sie durchaus als spätromantische Klangerzählung hören kann. Das Prager Staatsopernorchester unter sicherer und inspirierter Leitung von Jiří Rožeň legen diese Hörweise nahe, und es scheint nicht die unpassendste zu sein. Wenn das an diesem Haus so weitergeht, wird es sich bald einreihen in die großen Opernbühnen. Das stünde nicht nur der Státní Opera, sondern der ganzen Stadt sehr gut zu Gesicht.

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