"Soko Chemnitz" Diese Aktion fördert den Hass

Zuschauer während des Konzerts mit dem Motto #wirsindmehr auf dem Parkplatz vor der Johanniskirche in Chemnitz

(Foto: dpa)

Das "Zentrum für politische Schönheit" meint, es habe mit der Enttarnung von Rechten sein Ziel erreicht. Aber Radikalsein, auch in der Kunst, bedeutet in der Gegenwart, dem Hass zu widerstehen.

Kommentar von Kia Vahland

Kunst kann, sie muss radikal sein. Indem sie immer wieder bis an die Schmerzgrenzen geht, konfrontiert sie die Betrachter und damit auch ganze Gesellschaften mit dem Verdrängten und Übersehenen. Wenn sie niemanden mehr stört, von allen entweder goutiert oder ignoriert wird, hat sie ihre Funktion verloren. Das heißt aber im Umkehrschluss nicht, dass ein Werk schon deshalb gut und wichtig ist, weil es für Aufruhr sorgt. Die Frage ist auch: Was passiert da, wie genau funktioniert eine künstlerische Intervention? Und wie ist sie zu beurteilen?

Das neueste Werk der Künstlergruppe "Zentrum für Politische Schönheit" funktioniert im Appell an niedere Instinkte, es feuert den Hang zur Ausgrenzung und Denunziation an. Anfang der Woche veröffentlichten die Aktionisten die Website www.soko-chemnitz.de, auf der - angeblich - in einem "Katalog der Gesinnungskranken" Hunderte "Drückeberger vor der Demokratie" namentlich und zum Teil auch mit Bild auffindbar waren; gemeint waren die rechten Demonstranten von Chemnitz. Nutzer sollten weitere Namen melden und auch die Arbeitgeber der Betroffenen informieren, weil der Verfassungsschutz in Sachsen versage. Das alles kam ohne jede Ironie oder Selbstdistanz aus. Jetzt ist die Website wieder abgeschaltet. Die Aktionskünstler behaupten, sie seien am Ziel angelangt, denn sie hätten in der Zwischenzeit ihre Datensammlung deutlich erweitert durch all jene Internetnutzer aus der rechten Szene, die auf der Seite ängstlich den eigenen Namen und die von Verwandten und Freunden gesucht hätten.

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Gedeckt von der Kunstfreiheit sollen die Mittel den Zweck heiligen - und befördern am Ende nicht die politische Schönheit, sondern das politisch Hässliche, nämlich den Hass, die Entgrenzung und die Selbstgerechtigkeit, sogar die Anmaßung, Leute in Sippenhaft zu nehmen für die Überzeugungen von deren Verwandten und Bekannten. Wer auf der Website vermeintliche Gesinnungstäter anprangerte, mochte sich auf der richtigen Seite fühlen: Er oder sie ist ja gegen Nazis und gegen jene Sicherheitsbehörden, welche die Gesellschaft nicht vor rechter Gewalt schützen. Politisch verändern wird sich dadurch allerdings gar nichts ­ - außer, dass die Aktion Verfolgungsfantasien auf der anderen Seite nährt und so womöglich noch politisch Unentschlossene in die Arme der Rechten treibt.

Eine demokratische politische Kultur dagegen kann nur retten, wer sie lebt. Wer die Regeln des Diskurses wahrt und argumentiert, wer analysiert und scharf kritisiert anstatt zu verhöhnen, abzukanzeln, zum Abschuss freizugeben. Radikalsein bedeutet in der Gegenwart, dem Hass zu widerstehen.

Und die Kunst? Die war oft dann besonders gut, wenn sie ihr Publikum nicht bediente mit dem wohligen Gefühl moralischer Überlegenheit. Sondern wenn sie es dazu brachte, sich nicht nur vor der Welt, sondern auch vor sich selbst zu erschrecken.

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