Skandalfilm "Welcome to New York" Akzeptanz des eigenen welken Fleisches

Inmitten dieses zwanghaften Auf-den-Putz-Hauens und des hölzernen Auftritts von Jacqueline Bisset, als rettende, aber stinkwütende Ehefrau, gibt es dann tatsächlich ein paar Cinema-Vérité-Momente, die trotzdem abheben. Etwa wenn aus einer geplanten Sexorgie eher ungeplant eine ausufernde Sahne- und Champagnerschlacht wird, spielerisch und eigentlich kindisch, mit echtem Lachen, Quieken und Rachegeschrei der angeheuerten Sexdarstellerinnen.

Nach den letzten Bildern kommt Gérard Depardieu dann selbst ins Zelt, zusammen mit Abel Ferrara und Jacqueline Bisset, um den Journalisten Rede und Antwort zu stehen.

Schwarzes Sakko, drei Hemdknöpfe offen - er wirkt so gewaltig wie im Film, nur deutlich charmanter. Und auch seine Presse-Performance ist eine Schau, weil alles darin mitschwingt: der Hunger danach, den Laden noch mal aufzumischen, die volle Akzeptanz des eigenen welken Fleisches, dazu die harten Erkenntnisse eines wirklich gelebten Lebens.

"Wir alle tragen ein Monster in uns", sagt er, und dass er sexuelle Gewalt natürlich verachte, dass Sexsucht aber auch eine Krankheit sei, die Mitgefühl verdiene. Den Vorwurf, einen Pornofilm gedreht zu haben, weist er von sich mit einer Offenheit, die wieder nur er zustande bringt: "Ganz im Gegenteil, wir tun nur so. Denn sonst müsste man ja echten Sex sehen, und das kann ich nicht, das können nur echte Pornodarsteller." Er habe das mal versucht, als er jünger war, aber sobald die Kamera lief, fiel leider alles in sich zusammen.

Zum Gesamtbild gehört dann noch der Hinweis, dass der Film in vielen Ländern gar nicht in die Kinos kommen wird, sondern praktisch sofort, also seit Samstagabend, in Frankreich, Spanien und auch in Deutschland schon per Video-on-Demand betrachtet werden kann, bei Maxdome, Sky Select, Google Play und iTunes. Warum? Weil die Gier und auch der Voyeurismus der Filmpiraten gerade bei diesem Projekt einfach zu groß sei, hat Vincent Maraval, der Wild-Bunch-Chef, schon vorab erklärt.

Ein Lachen, das ein Nobeldisco-Zelt erschüttern kann

Hier fügt er nun maliziös den Hinweis an, dass wahrscheinlich auch Dominique Strauss-Kahn und seine Familie nun gerade vor den heimischen Bildschirmen sitzen, um das Werk "für sieben Euro" zu betrachten. Und das zu einer Zeit, in der Strauss-Kahn in Frankreich schon fast als rehabilitiert gilt - in Umfragen wird er immer öfter als der Sozialist genannt, der den unbeliebten Hollande ersetzen, das Land mit seiner Wirtschaftskompetenz doch noch auf den rechten Weg bringen könnte.

"Er hat vorab natürlich nichts gesehen, und wenn er uns jetzt mit einer Klage Publicity verschaffen will, ist er herzlich eingeladen", sagt Maraval. Sicherheitshalber ist der Film aber doch eine amerikanische Produktion, weil das den Machern juristisch vorteilhafter erschien.

Was schließlich die Verbannung auf die dunkle Seite des Strands betrifft, dazu hat Gérard Depardieu am Ende auch noch ein Wort zu sagen. Die Sozialisten im Kulturministerium hätten sich wohl für ihren Parteifreund Strauss-Kahn in die Bresche geworfen und dem Festival klare Ansagen gemacht, suggeriert er: "Ich könnte mir vorstellen, dass es da einen gewissen Druck gab." Spricht's und lacht dann gleich sein gewaltiges Lachen, dass sogar ein Nobeldisco-Zelt am Strand erschüttern kann.