Serie 1972:Im Raumschiff

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Serie 1972: Mit der berühmten Aufnahme, die die Astronauten der Apollo 17 im Jahr 1972 von der Erde machten, wurde vielen Menschen erstmals bewusst, wie begrenzt und wie fragil die Erde ist.

Mit der berühmten Aufnahme, die die Astronauten der Apollo 17 im Jahr 1972 von der Erde machten, wurde vielen Menschen erstmals bewusst, wie begrenzt und wie fragil die Erde ist.

(Foto: NASA/picture alliance)

Mit dem Bestseller "Die Grenzen des Wachstums" begann die Umweltbewegung. Und dann war da noch das Foto aus dem All.

Von Jörg Häntzschel

In einem Teich wächst eine Seerose. Sie verdoppelt jeden Tag ihre Größe, doch ihr rasantes Wachstum fällt nicht weiter auf. Auch nach 29 Tagen ist noch der halbe Teich frei. Am 30. Tag jedoch ist der Schrecken groß: Die Wasseroberfläche ist vollständig von der Seerose bedeckt.

Wie herrlich, wenn Pflanzen so üppig wuchern!, würde man heute wohl jubeln. Doch 1972 alarmierte dieses Gleichnis aus "Die Grenzen des Wachstums", dem Bericht des Club of Rome, Millionen Leser. Der Teich stand dort für die Erde und die Seerosen für die Mensch-Millionen, die bald alles Leben "ersticken" würden, wenn ihrer unkontrollierten Vermehrung und ihrem ständig wachsenden Verbrauch von Ressourcen nicht Einhalt geboten würde. Dieser Schock half, ein von vielen schon lange gehegtes Unbehagen zur weltweiten Umweltbewegung zu verwandeln.

Vier Jahre zuvor hatte der ehemalige Alitalia-, Fiat- und Olivetti-Manager Aurelio Peccei einen Zirkel aus Wissenschaftlern, Politikern und Industrieleuten nach Rom geladen, um mit ihnen über den Zustand der Welt zu sprechen. Die Menschheit, so seine Sorge, laufe aus dem Ruder, das Gleichgewicht kippe, durch das ungebremste Wachstum sei das Leben auf dem Planeten in Gefahr. Der "Club of Rome" beauftragte Donella und Dennis Meadows und ein Team von weiteren Wissenschaftlern am Massachusetts Institute of Technology, diesen Fragen nachzugehen. Ihr Bericht, den sie vier Jahre später unter dem Titel "Die Grenzen des Wachstums" veröffentlichten, bestätigte die Befürchtungen.

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(Foto: SZ-Grafik)

Die Studie beruhte auf einer erstmals durchgeführten Computersimulation, für die das Team fünf Parameter der globalen Entwicklung zugrunde legte: industrielle Produktion, Bevölkerungswachstum, landwirtschaftliche Produktion, Ausbeutung von Rohstoffreserven und Zerstörung von Lebensraum. Das Ergebnis: Falls die Menschheit ihr Wachstum und ihren Verbrauch nicht in den Griff bekomme, werde die Welt innerhalb von 100 Jahren buchstäblich aufgebraucht sein, die Rohstoffe erschöpft, die Natur zerstört, kein Raum mehr vorhanden.

"Bevölkerungsbombe", "Selbstmordprogramm", "Müllplanet": Die Sachbuchtitel machten wenig Hoffnung

Umweltverschmutzung, Raubbau, Flächenfraß, das waren 1972 beileibe keine neuen Phänomene. Schon seit dem Nachkriegsboom der Fünfzigerjahre richtete der entfesselte Konsum in Europa und Nordamerika enorme Schäden an. Mechanismen zum "Naturschutz", wie man damals sagte, waren noch weitgehend unbekannt. Müll sammelte sich auf immer riesiger werdenden Halden. Gewässer kippten regelmäßig um. Katastrophale Tankerhavarien wie die der Torrey Canyon 1967 an der britischen Küste schockierten die Fernsehzuschauer. So konnte es nicht weitergehen.

Hier und dort hatten sich immer wieder Mahner gemeldet, teils mit großem Echo. Die bekannteste von ihnen wurde Rachel Carson, die in "Silent Spring" (1962) vor den Folgen der Pestizide in der Landwirtschaft warnte. Das 1972 in den USA und der Bundesrepublik erlassene Verbot von DDT ging maßgeblich auf ihr Buch zurück. Doch die breite Debatte um den Schutz der "Schöpfung" begann in Deutschland und anderen westlichen Ländern erst Anfang der Siebziger.

Das lag nicht nur an "Die Grenzen des Wachstums", das sich samt seiner späteren Ausgaben 30 Millionen mal verkaufte, sondern auch an den vielen anderen Warn- und Mahnbüchern, die um diese Zeit erschienen. Wer heute über den apokalyptischen Sound der Klimaaktivisten stöhnt, hat vergessen, wie die Bücher, die zwischen 1971 und 1973 zu diesem Thema erschienen, betitelt waren: "Bevölkerungsbombe" (Paul Ehrlich); "Das Selbstmordprogramm. Zukunft oder Untergang der Menschheit" (Gordon Rattray Taylor); "Müllplanet Erde" (Hans Reimer); "Die totale Autogesellschaft" (Hans Dollinger), "Wachstumswahn und Umweltkrise" (Barry Commoner); oder "Der Zukunftsschock" (Alvin Toffler). "Schon möglich, daß die Erde sterben muß", betitelte SZ-Redakteur Christian Schütze einen Essay im Merkur.

Grund für den wachsenden Pessismismus war nicht nur die immer augenfälliger werdende Umweltzerstörung selbst, sondern auch ein neues wissenschaftliches Verständnis für die Funktion von Systemen, kybernetischen Regelkreisen, zirkulären statt linearen Prozessen und für die Art natürlicher Gleichgewichte, wie sie in Ökosystemen herrschen.

Als die Menschen die Welt zum ersten Mal aus dem All sahen, wurde ihnen einiges klar

Diese Konzepte fanden ihr bildliches Pendant in einem Foto, das die westliche Weltanschauung für immer veränderte. Es zeigte die Erde aus einer bis dahin unbekannten Perspektive, aus dem All. Das erste Bild, aufgenommen von einem Satelliten, hatte die Nasa 1967 veröffentlicht. Ikonisch wurde jedoch die präzisere, von der Sonne günstiger beleuchtete Aufnahme, die die Crew der Apollo 17 1972 auf ihrem Flug zum Mond machte. Das Foto vom "blauen Planeten" ist eines der am häufigsten reproduzierten Bilder der Menschheitsgeschichte.

Bis Ende der Sechziger war der Atompilz das Symbol für die Angst vor der Zerstörung der Welt durch den Menschen gewesen. Nun wurde er abgelöst von dem Foto der Astronauten. Es zeigte nicht nur die geheimnisvolle Schönheit der Erde; es führte nicht nur vor Augen, dass der Mensch, der sich für so bedeutend hält und so drastische Schäden verursacht, im Bild des Planeten fehlt, so als habe er dort nichts zu suchen; vor allem zeigte es die Erde erstmals als geschlossenes System. Es war eine unerwartete, sehr ernüchternde Einsicht: "Die Expansion in das Außen des Weltalls produziert den ultimativen, immanenten planetarischen Innenraum", wie es der Kurator Anselm Franke im Katalog zur 2013 im Berliner Haus der Kulturen der Welt gezeigten Ausstellung "The Whole Earth" beschrieb. Statt im Weltall neuen Lebensraum zu erobern, kommen die Astronauten mit der Erkenntnis zurück, dass die kleine, fragile Erde alles ist, was wir haben. Und dass es für unseren Müll, unsere Pestizide und den Rauch aus den Schornsteinen kein Außen gibt, keinen Abzug, keinen planetarischen Hinterhof, sondern dass diese nun für immer Teil des Systems Erde sein werden. (Die erst später erkannte existenzielle Bedrohung der Erde durch die CO2-Konzentration hätte man in diesem Bild schon erahnen können.)

Serie 1972: Insgesamt 30 Millionen mal verkauft: der 1972 erschienene Bericht "Die Grenzen des Wachstums".

Insgesamt 30 Millionen mal verkauft: der 1972 erschienene Bericht "Die Grenzen des Wachstums".

(Foto: Sebastian Kahnert/picture alliance / dpa)

"Die Grenzen des Wachstums" markiert aber nicht nur den Anfang der Umweltbewegung, sondern auch das Ende ihrer "noch von der Planungs- und Machbarkeitseuphorie des vorangehenden Jahrzehnts" zehrenden Vorläuferphase, wie es der Historiker Patrick Kupper schreibt. Es waren die 68er, die Hippies, die die Impulse der Experten, Technokraten und Untergangswarner aufnahmen, sie aber in utopische Gegenmodelle einbauten. Sie hatten ohnehin vorgehabt, vieles auf der Welt zu ändern, das Ende der Naturzerstörung wurde nun einer der wichtigsten Posten auf der Liste. Nur traten sie eben nicht für Bevölkerungsmanagement in der Dritten Welt und zentral gesteuerten Wohlstandsverzicht ein, sondern für ein neues Verhältnis zur Natur, zu den anderen, zu sich selbst. Nicht nur die Natur war bedroht, sondern auch die Gesundheit jedes Einzelnen - und nicht nur durch Gift im Essen oder Blei in der Luft, sondern auch durch die kapitalistische Arbeit, durch Konsumzwang, durch die Medien. Die Rhetorik von der tickenden "Zeitbombe" wurde abgelöst von einer, die durch Umweltschutz auch mehr Glück und Erfüllung versprach, die statt Steuerung von oben das Engagement jedes Einzelnen empfahl. Die Linie führte von der Gründung von Greenpeace 1972 über die ersten Bioläden, die Anti-Atomkraftbewegung, bis zur Gründung der Grünen 1980.

Von der Hippie-Kommune ins Silicon Valley. Die Öko-Pioniere gingen verschlungene Wege

Einer der großen Vordenker dieser ab 1968 aus den Studentenprotesten und dem Alarm über das verschlissene "Raumschiff Erde" sich entwickelnden Alternativkultur war der Über-Kalifornier Stewart Brand. Der Biologe, Hippie-Aktivist und Rock-Impresario brachte die Nasa 1967 dazu, das erste Satellitenfoto der Erde zu veröffentlichen, den Vorläufer des ikonischen Bilds von 1972.

Die "ganze Erde" wurde nicht nur Titelgeber und Covermotiv der ersten Ausgabe von Brands "Whole Earth Catalogue", sondern auch ideologischer Leitstern für eine neue Lebensweise, die er auf den eng bedruckten Seiten der legendären Hefte propagierte. Sie waren Verkaufskatalog, Do-it-yourself-Ratgeber und Underground-Postille für Kybernetiker, Aussteiger, Naturromantiker und den Rest der kalifornischen Counterculture. Spaten und Zelte gehörten zu den dort vorgestellten "tools", ebenso wie Synthesizer oder die ersten Computer.

So heterogen dieses Milieu war, so durchwachsen war auch ihr Beitrag für die Ökologie. Viele Landkommunen scheiterten schon nach Monaten. Die Suche nach dem Leben im Einklang mit der Natur führte oft direkt in Narzissmus und Esoterik, sie war "Rückzug und Engagement" gleichermaßen (Norman Klein). Und viele von denen, die kurz zuvor noch Schafe geschoren hatten, wurden wenig später zu den Pionieren des Silicon Valley. Steve Jobs nannte den "Whole Earth Catalogue" "eine der Bibeln meiner Generation" und "eine Art Google in gedruckter Form". Die ökologische Revolution blieb aus, doch die digitale Revolution fand statt - mit einem technologisch aufgerüsteten, alles andere als ressourcenschonenden Kapitalismus.

In Deutschland verlief die Entwicklung anders. Der Einfluss der Umweltbewegung in der Gesellschaft wuchs stetig. Viele ihrer einst als radikal geltenden Forderungen wie "Atomkraft? Nein Danke" sind lange Mainstream. Dem Ziel, ein Gleichgewicht von Mensch und Natur zu schaffen, ist man in 50 Jahren aber dennoch kaum nähergekommen. So bleibt die Ökologie, so Anselm Franke, die "einzige Utopie, die unbeschadet vom 20. an das 21. Jahrhundert weitergereicht wurde." Immerhin sind sich heute die meisten einig, dass diese Utopie Realität werden muss.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version wurde als Gründungsjahr der Grünen 1983 angegeben. Korrekt ist 1980.

Weitere Folgen der Kolumne "1972: das Jahr, das bleibt" lesen Sie hier.

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