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Alice Schwarzer kritisiert Roche:Der Tonfall hat sich geändert

Denn "betroffen" - das waren damals die Menschen, die, was sie für eine Kritik an den herrschenden Verhältnissen hielten, als Leidtragende oder potentielle Opfer an die Öffentlichkeit trugen: Wie sie litten (und oft schon in einem imaginären Voraus), unter der Herrschaft des Mannes, später unter dem Baumsterben, unter dem Nachrüstungsbeschluss, unter der Atomkraft, und wie sie dieses Erleiden inszenierten - das war der Inhalt ihrer Auseinandersetzung mit dem, was ihnen von Vater oder Mutter, Mann (häufig) oder Frau (selten), Politik oder Wirtschaft zugemutet wurde. Wobei zweierlei entstand: die Gemeinschaft der Betroffenen und die Genugtuung, als Betroffener wahrgenommen zu werden.

Der Tonfall mag sich geändert haben und schnoddrig geworden sein. Die Gegenstände mögen sich gewandelt haben und kleiner, privater geworden sein. Das Verfahren aber ist dasselbe. Gewiss, Charlotte Roche mag fröhlich erzählen, wie man 350 Euro im Bordell ausgibt, unzählige Orgasmen erreicht und "Alice" zum "Schweigen" bringt. Aber das ist nur die eine Seite eines Buches, das, viel mehr als vom Gelingen, vom (Selbst-) Zweifel erzählen will, vom Leiden und vom Schmerz, und zwar "ganz ganz dicht an dir dran", ohne jede Distanz zu den eigenen Gefühlen, ohne die geringste Bereitschaft, über das, was man da treibt, nur eine Sekunde nicht vom immanenten Standpunkt des Gelingens nachzudenken.

Die Unausweichlichkeit der Ehe ist genauso gesetzt wie die Verwerflichkeit des Geländewagens, der Wille, dem Mann zu gefallen ebenso wie der Unwille, nach der Lektüre von Jonathan Safran Foers "Tiere essen" noch Fleisch zu sich zu nehmen. Und mehr noch: die Weigerung, sich selbst nur einen Augenblick nicht (trotz allen Zweifeln) prinzipiell zustimmend zu betrachten, nicht als Gegenstand von Ratgeberliteratur, wird stolz inszeniert, als Offenheit, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit.

Wobei zweierlei entsteht: die Gemeinschaft der Menschen, denen es vermeintlich genauso geht, und die Genugtuung eines Einzelnen, sich in der ganzen Fülle seiner Probleme und Leidenschaften wahrgenommen zu sehen. Das "Sich-Wiedererkennen" der Leserin (meistens) oder des Lesers (seltener) im Buch lässt beide Seiten, die Autorin und die Leserin, bedingungslos gerechtfertigt erscheinen. "Ich will doch nur, dass mein Leben gelingt", sagt die eine und "ja, genau" die andere, "ich bin doch auch nur eine Frau" meint die eine, und "ich auch" die andere, und dann geht doch so viel schief, in der Liebe wie im Leben, worauf sich beide vereint wissen in einer zumindest latent stets enttäuschten Unschuld.

Die Literatur ist so nur das Medium eines Schulterschlusses, in dem es um etwas ganz anderes geht: um die grundsätzliche Affirmation eines anderen Menschen in vergleichbarer Lage. Dass in der vergangenen Woche in überregionalen Zeitungen gleich zwei große Interviews mit Charlotte Roche erschienen, über denen je ein Bild von Interviewerin und Interviewter in trautem Nebeneinander (und in gleicher Größe) prangte, ist der sichtbare Ausweis dieser grundsätzlichen Affirmation auf Gegenseitigkeit.

Solche kreisförmigen Bewegungen bringen womöglich keine guten Romane, aber sie bringen Bestseller hervor. Und Charlotte Roche ist mit dieser konsequent das Private und das Öffentliche vermischenden Literatur nicht allein. Wer noch dazugehört? Ildiko von Kürthy mit ihren Figurproblemen? Hera Lind vielleicht, als sie Mitte der neunziger Jahre anfing, sich in den diversen Figurationen des "Superweibs" wie besinnungslos selbst zu applaudieren, unter dem noch größeren Beifall der Leserinnen?

Sophie Dannenberg, gewiss, als sie sich entschloss, im "bleichen Herz der Revolution" (2004) die Geschichte einer intellektuellen Revolte als Kolportage aus dem Wäschekorb zu erzählen? Helene Hegemann, ganz entschieden. Wer je bei einer Veranstaltung zu "Axolotl Roadkill" (2010) war, der hat erlebt, wie jede Frage aus dem Publikum, die auch nur einen Anflug von Vorbehalt offenbarte, vom selben Publikum niedergezischt wurde. "Du hast nicht die Lösung, du hast das Problem", ruft Alice Schwarzer ihrer früheren Freundin am Ende des Offenen Briefes entgegen. Sie hat das Problem leider nicht allein.

© SZ vom 18.08.2011/cris

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