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"Jedermann" in Salzburg:Todespatient im Krankenbett

Caroline Peters bei der Fotoprobe zum Theaterstück Jedermann - Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes bei den Salzbur

Caroline Peters als neue Buhlschaft im "Jedermann".

(Foto: Steffi Adam/imago images/Future Image)

100 Jahre "Jedermann", und kein Funke springt im Jubiläumsjahr über - trotz neuer Buhlschaft.

Von Christine Dössel

Erst sah es so aus, als könne der "Jedermann", Hugo von Hofmannsthals Salzburg-systemrelevantes "Spiel vom Sterben des reichen Mannes", tatsächlich dort stattfinden, wo seit Anbeginn der Festspiele 1920 sein Platz ist: vor dem Dom. Der Einlass hatte bereits begonnen, viele saßen schon auf den hell angestrahlten Tribünen, der Rest drängelte noch mit Ausweisen in der Hand (personalisierte Tickets) und Mund-Nase-Schutz im Gesicht (abnehmen nur während der Aufführung erlaubt) im kaum auf Abstand bedachten Pulk, als sich die Gewitterwolken verdichteten und die Vorstellung plötzlich nach drinnen verlegt wurde. Woraufhin zwar nicht gleich der Regen, aber eine Massenbewegung rüber ins Festspielhaus einsetzte. Dort verlangte dann im Getümmel keiner mehr einen Ausweis, und es dauerte, bis all diejenigen, deren Ticket auch für innen galt, ihre Plätze gefunden hatten. In Salzburg werden keine Sitzreihen ausgelassen, aber einzelne Sitze sind nach einem nicht sofort ersichtlichen Schachbrettprinzip zugeklebt.

Den "Jedermann" indoor sehen zu müssen, ist immer eine Enttäuschung, ist es doch die grandiose Kulisse und Einbeziehung des Salzburger Doms, die Max Reinhardt dereinst zur Aufführung eines Mysterienspiels als Gründungsakt der Festspiele bewegte - und die bis heute ihre Wirkung tut. Auch Ungläubige können hier die Magie von etwas Höherem erleben und bekehrt werden durch Schönheit.

Alle stehen steif und statisch um Jedermann herum oder fuchteln, wenn sie dran sind

Wobei ursprünglich gar nicht Hofmannsthals bereits 1911 in Berlin uraufgeführter "Jedermann" geplant war, sondern ein neues Stück, ein "Apostelspiel" von Max Mell, welches allerdings nicht rechtzeitig fertig wurde. So begann der "Jedermann" - Ironie der Theatergeschichte - als Lückenbüßer, bevor er zum Aushängeschild und Dauerbrenner der Festspiele wurde. Auch im Corona-Jahr, wo es für vieles noch Karten gibt, ist er wieder ausverkauft. Unverwüstlich, dieser Todeskandidat, wenn auch merklich schwächelnd in Michael Sturmingers (noch immer) fader Regie. Ein Jahrhundert-"Jedermann" ist das fürwahr nicht. Eher der Hundertjährige, dem die Luft ausgeht.

Seit der Premiere 2017, die auch damals schon nach drinnen verlegt werden musste, hat sich Sturmingers Inszenierung mit ihrem bewusst profanen, psychopathologischen Kammerspiel- und Privatpatientenansatz (inklusive Krankenhausbett) zwar gemausert, was auch heißt: spielerisch-freiluftszenisch geöffnet und vergrößert und erlebte als solche ihren Dynamik-Höhepunkt letztes Jahr. Grundsätzlich jedoch krankt dieser Schonkost-"Jedermann" mit einem betont uncharismatischen Tobias Moretti in der Titelrolle an Theater-Diabetes, mangelnder Spiellustfantasie und eher schlechtem Geschmack. Die Indoor-Version hat zwar den Vorteil, dass der lichte, weiße Vorhang, den die Regie als Theaterbeweismittel zum Einsatz bringt, im Guckkasten mehr hermacht und Sinn ergibt als vor dem Dom. Andererseits macht das Fehlen der Naturkulisse - trotz Fotoprojektion der Domfassade - das elementare Schauspiel brutal sichtbar. Und siehe: Es ist halt doch ein Kasperletheater.

Alle stehen steif und statisch um Jedermann herum oder fuchteln, wenn sie dran sind und das Fest feiern sollen, demonstrativ ausladend mit Armen und Gliedern und tanzen zu extra-schrägen, nachtjazzigen, in ihrer Überbetonung bald nervigen Klängen (Komposition: Wolfgang Mitterer). Auch Caroline Peters als neue Buhlschaft, Jedermanns Gespielin, reißt da nicht groß was raus. Erst denkt man, mit ihr käme ein neuer Ton von Ironie ins Spiel, wenn sie, aufgedonnert als Hollywood-Blondine im hautfarbenen Glitzerkleid, zu spät zum Fest herbeitrippelt und sich auf einer dreistöckigen Plastiktorte in Pink postiert. Wo sie, nicht unkomisch, "Happy birthday!" anstimmt, à la Marilyn Monroe. Aber später ergeht sich ihr Spiel auch bloß im feierfreudigen Schwenken ihres roten Hosenbeinkleids beim Tanz und im guten Zureden, wenn Jedermann lästigerweise die Todesangst befällt. Sie ist eine egoistische, erwachsen-feminine Buhlschaft, die sich den Mann als Geldgeber hält und als Schauspielerin die Rolle abliefert, mehr ist da nicht, ihr Abgang: kurz und schmerzlos.

Moretti brüllt und tobt mehr als früher, bevor er vom selbstherrlichen Geld- und Machtmenschen, der sich den Dom als "Lusthaus" gekauft hat, zum zerknirschten Todespatienten verfällt: kleiner Mann, ganz groß sich aufmandelnd. Die Fallhöhe bleibt trotzdem überschaubar. Peter Lohmeyer hat sich mit seinem langen, dünnen Androgynköper und einem effektvollen Zeitlupengang seit Jahren gut in der Rolle des Todes eingerichtet und hält daran fest. Innigkeit und Eleganz steuert verlässlich Edith Clever als Mutter bei. Die Allegorien treten nacheinander auf wie in einer Nummernfolge, ohne dass ein Band, eine übergeordnete Hand zu spüren wäre: der Mammon als höhnisch souveräner Goldfettsack (Christoph Franken), die dramatisch röchelnde Figur der Werke (Mavie Hörbiger), der Glaube in Gestalt eines strengen Mönchs (Falk Rockstroh). Dazu der Teufel, der als höllenathletischer Strizzi am unglaubwürdigen Ende noch mal ganz viel Volkspossendampf macht (Gregor Bloéb legt sich da schmierig ins Zeug). Aber die satanische Verve verpufft genauso wie der bemühte Witz von Gustav Peter Wöhler als dicker Vetter und generell das trübe Spiel. Schon schade. Hundert Jahre "Jedermann", und kein Funke springt über. Das Stück wird es trotzdem überleben.

Todsicher.

© SZ vom 03.08.2020/khil
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