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Sachbuch über Massenmörder:Die spezifische Ideologie der Täter ist sekundär

Eine Montage des Grauens und der Gräuel. Theweleit zitiert und kommentiert alle möglichen Quellen, Zeitungsartikel - viele auch aus der SZ -, Soziologen und Kulturtheoretiker wie Olivier Roy oder Susan Sontag, aber auch Romane oder Filme. Die Beschreibungen sparen die Brutalitäten der Täter nicht aus, vielleicht fehlen deshalb diesmal die Bilder und Fotogramme, die sonst in den Theweleit-Büchern so lebendig und eigenwillig den Verlauf des Textes durchsetzen.

Das Buch ist eine Rückkehr zu den "Männerphantasien", der großen Studie, in der Theweleit Ende der Siebziger am Beispiel der deutschen Freikorps-Soldaten den Typus des faschistischen, gewalttätigen Mannes entwickelte. Der in der Gruppe mordet und im Morden Selbstermächtigung und Selbstbestätigung erfährt, dem das Zerstören und Vergewaltigen und schließlich das Morden zu einer Art sexuellem Akt wird. Nur über seinen Körper kann dieser Typus beschrieben werden, er ist nach den extremen Brutalitäten von Nationalsozialismus und Stalinismus selten geworden, mit dem Beginn der Globalisierung und dem Erstarken der einstigen Dritten Welt wieder zurückgekehrt.

Die spezifische Ideologie, der er sich jeweils unterordnet - die der Templer, des Antisemitismus, des Islamismus - ist sekundär - in diesem Sinne ist Breivik bei Theweleit frei flottierend: Faschist, Dschihadist, Tempelritter. Sie alle sehen ihren Körper, zusammengehalten durch Zucht und Ordnung, bedroht durch einen zersetzenden Mix aus Marxismus und Feminismus - die Frauen und ihre Sexualität sind vor allem bedrohlich und ziehen Hass auf sich. Schuld an der Unordnung: die Frankfurter Schule, Marcuse, Wilhelm Reich, die Auflösung der patriarchalischen Familie, Feminismus, Sexualisierung. Nur stärkste Naivität schafft eine solche Ironie.

Schizophrene oder Borderliner, nur als Patienten kann man diese Mörder nicht beschreiben

Die bedrohten pubertären Körper reagieren mit Enthemmung. "Das Gelächter ist das orgiastische Gefühl der Killer. Töten ist das zentrale Mittel dieser Körper zum Erreichen des Spannungsausgleichs . . . Nur das Töten erleichtert ihn so, wie andere Menschen etwa der Liebesakt oder das Anhören einer geliebten Musik. Körperlich energetisch sind das ,vergleichbare' Vorgänge. Der Unterschied liegt in der grundlegenden Differenz der Körperorganisation." Die Radikalität, mit der Theweleit komplexe politische Vorgänge auf ihren physiologischen Unterbau reduziert, bringt einen beim Lesen immer wieder aus dem Konzept, auch er ist in seinem Schreiben bereit zur Emphase, zur Ekstase.

Das unfassbar Böse, das als Kategorie in den Reaktionen auf die von ihm gesammelten Killeraktionen gern beschworen wird, lässt er zur Erklärung nicht gelten, auch die Versuche nicht, diese Mörder als Patienten zu beschreiben - Schizophrener, Borderliner, Narziss. Das "Lachen der Killer" ist ein politisches Buch, das heißt, es ist pädagogisch und therapeutisch. Theweleit glaubt an die Normalität, ans Individuum und seine Geschlossenheit. Und an Bob Dylan: "While others say don't hate nothing at all except hatred."

© SZ vom 22.06.2015/doer

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